Die Primarschüler, die im August 2018 eingeschult werden, haben Pech: Sie müssen zwei Lektionen pro Woche mehr in die Schule als ihre Vorgänger. Sie werden dafür aber in der vierten Klasse entlastet. Um dem Lehrplan 21 gerecht zu werden, haben die Erstklässler im ganzen Kanton neu 24 statt 22 Lektionen pro Woche.

Das passt dem Dietiker Schulpfleger Bernhard Schmidt (parteilos), der in der Stadt Zürich eine Schule leitet, gar nicht: «Ich finde dieses Verteilen von Stunden auf die Erstklässler grundsätzlich fatal. Die Kinder müssen ständig sozial interagieren und können nie zur Ruhe kommen», sagt er. Um die neue Regelung zu verhindern, will Schmidt eine kantonale Volksinitiative einreichen. «Es braucht politischen Druck. Ich habe schon von einigen Leuten aus dem Schulkontext Unterstützung signalisiert bekommen.» Schmidt, der schon die Stopp-Limmattalbahn-Initiative lancierte, sagt, er überlege noch, ob er die Initiative tatsächlich einreichen will. Die Pläne hören sich aber schon sehr konkret an. «Am Schluss ist das schnell auf die Beine gestellt», sagt er.

Drei Nachmittage Schule

Die Schulen sind heute im Rahmen der Blockzeitenregelung verpflichtet, die Kinder jeweils von acht bis zwölf Uhr zu beschäftigen. Zusammen mit zwei Nachmittagen ergibt das 24 Lektionen, während der Stundenplan bisher nur 22 Lektionen hergab. Um die Lücke zu füllen und den Blockzeiten zu entsprechen, mussten die Schulgemeinden entweder Musikalische Grundausbildung oder Betreuung anbieten.

Ab August 2018 wird das 24-Lektionen-Soll bereits mit dem normalen Unterricht erfüllt. Trotzdem dürfen die Schulgemeinden die «Lückenfüller» Musikalische Grundausbildung und Betreuung weiterhin anbieten, womit man dann aber bei 26 Lektionen pro Woche wäre. Das würde dazu führen, dass Erstklässler nicht mehr nur zwei, sondern drei Nachmittage pro Woche in die Schule gehen.

Allerdings ist der Besuch der Musikalischen Grundausbildung und der Betreuung freiwillig. Deshalb können die Eltern ihre Kinder bei Überforderung individuell entlasten, heisst es beim Volksschulamt. Diese Gleichung könne man nicht so einfach machen, sagt Schmidt: «Die Musikalische Grundausbildung findet oft zu Randzeiten statt, wie zwischen neun und zehn. Wo soll das Kind hin, wenn es dann freihat?» Kommt hinzu: Auf Anfrage der Limmattaler Zeitung sagten mehrere Schulgemeinden im Bezirk, die Freiwilligkeit werde den Eltern gar nicht kommuniziert. Ausserdem wird der dritte Nachmittag Schule für viele Eltern wohl eine willkommene zusätzliche Betreuungsmöglichkeit sein.

Schmidts Schlussfolgerung, dass die zwei Zusatzstunden in der ersten Klasse den Schülern schaden, bleibt aber nicht unbestritten. Die Psychologin Christine Hefti, die viel mit Kindern arbeitet, sagt: «Ich glaube nicht, dass diese Änderung negativ ist. Wir sind von Geburt an soziale Wesen.» Deshalb sei zu viel an sozialer Interaktion nicht zu befürchten.

Gesellschafts- oder Kindeswohl?

Schmidt sieht die Änderungen aber auch in einem grösseren Kontext: «Die Kleinsten kommen immer mehr unter die Räder», sagt er. «Man vollzieht diese Änderungen nicht, weil es Sinn für die Kinder macht, sondern weil es der Gesellschaft entgegenkommt.»

Obwohl Schmidt Wert darauf legt, dass er die Initiative als Privatperson lancieren will, eckt er mit seinem Vorstoss an, weil er Mitglied der Dietiker Schulpflege ist. Stadtrat und Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani (SVP) ist nicht erfreut: «Ich kann ihm den Mund nicht verbieten, aber geschickt ist das nicht. So etwas macht man nicht, wenn man einer Kollegialbehörde wie der Schulpflege angehört.» Schmidt, der am 4. März für das Dietiker Stadtpräsidium kandidiert, sagt dazu: «Ich kann Herrn Balbiani nicht ganz verstehen, da es sich um ein gesellschaftliches und nicht um ein schulpolitisches Thema handelt. Es steht mit der Schulpflege Dietikon in keinem Zusammenhang.»

Der genaue Text der möglichen Initiative ist noch offen. Doch die Stossrichtung ist klar: «Auf Primar- und Sekundarstufe sollen etwa 15 Prozent der Lektionen wegfallen.» Schmidt ist zuversichtlich, dass er die nötigen 5000 Unterschriften zusammenbekommt. «Die Abstimmung zu gewinnen, ist eine andere Sache», sagt er. «Vielleicht sagt sich ja die CVP, die Kinder sind uns wichtig, und nimmt das Anliegen auf. Dann würde eine Dynamik entstehen.»