Unglaublich, wie viel Freude ein Eimer mit Schaumwasser auslösen kann. Davon zeugen die planschenden Händchen, die zu glucksenden und lachenden Kindern gehören. Jauchzend rennen die Kleinen über die Wiese, machen sich gegenseitig nass und haben alles um sich herum vergessen. Einer hat gerade entdeckt, dass überall Schaum herumspritzt, wenn er vehement in die Hände klatscht. Ein grosser Spass. Er schlägt die Hände so enthusiastisch zusammen, dass er seine Augen schliessen muss. Sein jüngeres Gspänli tut sich noch etwas schwerer mit der Motorik. Der Freude tut dies aber keinen Abbruch.

Von Schatten, Hüten und Getränken

An diesem Montagmorgen in Geroldswil nähert sich das Thermometer unbeirrt 30 Grad. In der Kita Stärneland spielen die Kinder im charmanten Garten. Der Umschwung um das alte Bauernhaus wirkt verwunschen mit dem wild bewachsenen, umzäunten Weiher und den knorzigen alten Bäumen. Im Sommer sind Aktivitäten mit Wasser bei den Kindern besonders beliebt, weil sie neben dem Spass auch erfrischende Abkühlung bringen. Praktischerweise hat die Kita im Garten einen Brunnen, an dem immer wieder fleissig Giesskannen und Kübel aufgefüllt werden. Alle Kinder tragen draussen Hüte, um vor der Sonne geschützt zu sein. Es sei wichtig darauf zu achten, dass sie genug Zeit im Schatten verbringen und ausreichend trinken, sagt Kita-Gesamtleiter Michael Hunziker.

Er gründete die Kindertagesstätte vor sechs Jahren. Im vergangenen November hat das «Stärneland» einen zweiten Standort in Geroldswil eröffnet, wo der Hort und die Babygruppe untergebracht sind. Damit habe die Kita einen zusätzlichen Stock gewonnen und mehr Platz für Aktivitäten, freut sich Jasmin Martinello, Standortleiterin an der Dorfstrasse, an der zwei Kleinkindergruppen betreut werden. Die eine Gruppe führt Martinello zusammen mit Severin Huber und Praktikantin Vivienne Balmer. Für die andere Gruppe ist Sarah Specht verantwortlich. Ihr stehen Steffi Schildknecht und Julia Conrad zur Seite.

Die Kinder lernen über Baustellen

Martinello sorgt zusammen mit ihrem Team dafür, dass den Kindern nie langweilig wird. «Jasmin und Sarah sind topmotiviert und überlegen sich immer spannende Aktivitäten mit den Kindern», sagt Hunziker. Fürs Limmattal passend wurde kürzlich etwa das Thema Baustelle behandelt. Das Spielzimmer ist noch mit selbst gemalten Baustellenschildern und rot-weissem Flatterband verziert. Die Kleinen lernten nicht nur in der Kita vieles über Baustellen, sondern besuchten auch zusammen welche im Dorf.

Man müsse den Kindern beim Spielen auch genug Raum für ihre kindliche Kreativität und Fantasie lassen, sagt Martinello. Wichtig sei im Kita-Alltag die Abwechslung, damit die Kinder immer wieder etwas Neues entdecken können. So helfen sie etwa mit beim Füttern der Hasen im Garten und beim Gemüseanbau in den grossen Pflanzentrögen. An diesem Morgen ist der Notizblock des Journalisten heiss begehrt. Mehrere Kinder wechseln sich immer wieder ab und malen fröhlich die Seiten voll. Sobald der Nächste dran ist, kommt wie aus der Kanone geschossen: «Wann darf ich wieder?»

«Gerade sind bei den Kindern Rollenspiele mit Vater und Mutter sehr beliebt», sagt Martinello. Es sei faszinierend, zuzusehen, wie sie miteinander umgehen. Auch das Ausloten von Freundschaftsgefühlen beschäftige sie viel, sagt Julia Conrad. Es werde viel diskutiert, wer mit wem befreundet sei, und immer wieder verkündeten Kinder stolz ihre Freundschaft. Ein Kind habe aber kürzlich auch mal erklärt: «Ihr seid alle nicht mehr meine Freunde und nicht zu meinem Geburtstag eingeladen. Ich feiere alleine und mache mir selbst Geschenke.»

Vor dem Mittagessen sitzen die Kinder im Kreis und singen zusammen Lieder. Jemand wünscht sich das Bauarbeiter-Lied, das sie in den vergangenen Wochen zusammen gelernt haben. «Danke, liebe Bauarbeiter ...», tönt es aus vielen Kehlen. Auch das Essen will erraten werden: «Es kommt aus dem Meer», sagt Schildknecht. «Fisch», ruft ein Kind. «Und es ist knusprig», ergänzt die Erzieherin. «Knusperfisch», ruft ein anderes.

Sie hüten den grössten Schatz der Eltern

«Es heisst oft, dass wir nur ein wenig mit den Kindern spielen», sagt Hunziker. Die Arbeit in der Kita sei aber sehr anspruchsvoll. Denn die Eltern geben ihren grössten Schatz in die Obhut der Erzieherinnen und Erzieher. Sie tragen die volle Verantwortung, dass es den Kindern gut geht, wenn sie am Abend wieder abgeholt werden. Dabei wollen die Kinder als Individuen mit ihren Launen und Eigenheiten gefördert werden. Auch die Eltern bringen viele Erwartungen und Vorstellungen zum Umgang mit ihrem Nachwuchs mit.

Wichtig ist die richtige Balance: Die Kleinen sollen möglichst aktiv sein, aber die Sicherheit sei essenziell, denn in der Kita dürfe nichts passieren, sagt Hunziker. Als Erzieher müsse man sich ganz in den Dienst der Kinder stellen und ihnen die volle Aufmerksamkeit zukommen lassen. «Man muss seinen persönlichen Rucksack draussen deponieren können», sagt er.

Die Kinder seien meistens voller Energie und wollen beschäftigt und bespasst werden, egal wie es einem selbst gerade geht. «Es ist anstrengend, oft gehe ich körperlich und emotional müde nach Hause», sagt er. Aber auch sehr fröhlich, ergänzt er. Weil er selber in der Nähe wohne, nehme er manchmal einen längeren Heimweg, um etwas mehr Zeit zu haben, nach der Arbeit runterzufahren und abzuschalten. Zudem ist die Entlöhnung eher tief. «Wegen des Lohns machen wir es sicher nicht», sagt Hunziker.

Obwohl es nicht immer einfach sei, sei die Arbeit superschön. Ob ein Lächeln oder eine Umarmung: «Die Kinder geben uns so viel zurück», sagt er. Es sei wunderbar, wenn sie am Morgen gerne kommen und am Abend nicht mehr nach Hause wollen. Oder wenn die Eltern erzählen, dass die Kinder zu Hause den Kita-Alltag nachspielen und ihnen am Abend rapportieren, wie sie gespielt und was sie gegessen haben. An der Wand in der Küche hängt ein selbst gebasteltes Diplom: «Kita Nummer 1» steht in grossen Lettern drauf, ein Geschenk von einer glücklichen Kita-Abgängerin und ihren dankbaren Eltern. Ihn fasziniere auch die Vielfältigkeit des Berufs, sagt Hunziker. «Es ist so ein umfassendes Feld, in dem wir viel lernen dürfen. Und wir übernehmen so viele Rollen. Wir sind Betreuer, Vorbild, Tröster und Clown für die Kinder.» Trotz fester Tagesstrukturen sei jeder Tag dank den Kindern wieder völlig anders und ein Erlebnis.

«Paul der Broccoli» wählt das Mittagslied aus

Auch am Mittagstisch wird zusammen gesungen. Den Kindern stehen verschiedene Lieder zur Auswahl. Jeden Tag erhält jemand anderes das Plüschgemüse Paul der Broccoli und darf dann entscheiden. Ein Knabe strotzt am Tisch vor überschüssiger Energie und redet so enthusiastisch, dass er beim Erzählen fast über seine eigenen Wörter stolpert. «Einmal war er bei einem Ausflug bei der Ankunft in Zürich mit dem ganzen Zug befreundet», erzählt Conrad.

Als männlicher Kita-Leiter gehört Hunziker zur absoluten Ausnahme. Der Beruf ist grösstenteils in weiblicher Hand. Obwohl Männer immer noch vielen Vorurteilen ausgesetzt seien, habe er bisher stets gute Erfahrungen gemacht. «Es ist cool für die Kinder, dass auch Männer den Beruf ausüben», sagt er. Dies sei sowohl für Buben als auch Mädchen ein Vorteil. Nicht alle hätten männliche Bezugspersonen in ihrem Leben und Männer würden meist anders mit ihnen umgehen als Frauen. «Sie machen eher den Clown, rennen mehr herum mit den Kindern, haben tendenziell weniger Hemmungen», sagt er. In der Kita Stärneland sei es essenziell, dass Betreuerinnen und Betreuer genau gleich arbeiten und auch Männer die Kinder wickeln.

Die Arbeit in der Kita bereite einen keineswegs auf eigene Kinder vor, sagt Hunziker, der vor elf Monaten Vater wurde. Vieles, das in der Krippe funktioniere, sei zu Hause ganz anders. Nur schon wegen der sozialen Dynamik zwischen den vielen Kindern, sagt er. «Ich verstehe jetzt die Eltern viel besser, wenn sie etwa zu mir kommen und völlig überrascht sind, dass ihr Kind in der Kita Broccoli gegessen hat.»