Wahlen 2018 Schlieren
Markus Bärtschiger (SP): «Ich erhielt eine Morddrohung»

Markus Bärtschiger (SP) will zum neuen Stadtpräsidenten werden. Er erklärt, was ihn zur idealen Wahl macht und wie weit die Liebe zur Schlieremer Buche gehen kann.

Alex Rudolf
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Die Geschichte um die Rotbuche im Schlieremer Zentrum hat die Fronten verhärtet, wie sich im Gespräch herausstellte. Markus Bärtschiger (SP) wurde gar bedroht.

Die Geschichte um die Rotbuche im Schlieremer Zentrum hat die Fronten verhärtet, wie sich im Gespräch herausstellte. Markus Bärtschiger (SP) wurde gar bedroht.

SEVERIN BIGLER

Am grossen Holztisch im Stadtratszimmer fühlt sich Markus Bärtschiger pudelwohl. Wird er am 4. März zum neuen Schlieremer Stadtpräsidenten gewählt, wird er von hier aus die Sitzungen der Exekutive leiten. Diesen Ort wählte er, um der Limmattaler Zeitung Rede und Antwort zu stehen.

Herr Bärtschiger, Sie betreiben sehr wenig Wahlkampf – online wie auch offline. Wieso das?

Markus Bärtschiger: Wir betreiben sehr wohl Wahlkampf – hauptsächlich mit gedruckten Unterlagen und mit Plakatwerbung. Aber ich suche auch via Telefon das persönliche Gespräch mit Wählern. Ich bin kein Fan von Facebook und Twitter. Bezüglich Online-Strategie setze ich eher auf Mails, in denen ich persönlich auf die Wähler eingehe. Anstelle von Massenabfertigung in den Sozialen Medien.

Während Sie mit den Sozialen Medien nicht warm werden, propagieren Sie die Förderung des Digital-Wirtschaftszweigs in Schlieren.

Online wie auch offline geht es um den persönlichen Kontakt. Ein zu grosses Internet-Publikum öffnet Tür und Tor für Diskussionen, die nicht angebracht sind. Zudem: Ende der Nullerjahre arbeitete ich als Verkaufsleiter von einem der damals führenden Internet-Unternehmen. Ich kenne mich in den Sozialen Medien durchaus aus.

Sie wollen zum Stadtpräsidenten gewählt werden. Ein Amt, in das in den vergangenen Jahrzehnten stets der Finanzvorstand gewählt wurde. Reut es Sie, dass Sie bei Ihrer Wahl in die Exekutive nicht Finanzer wurden?

In der Tat interessierte ich mich als Volkswirtschafter und Dozent für öffentliche Finanzwissenschaften für dieses Ressort. Der Gesamtstadtrat anerkannte damals 2010 bei der Ressortverteilung zwar meine Qualifikation, empfand es aber politisch als nicht opportun neben dem Stadtpräsidium auch das Ressort Finanzen in die Hände der Sozialdemokraten zu geben. Aber: Diesen Mythos vom Finanzer, der zum Stadtpräsidenten wird, werde ich trotzdem widerlegen.

Sehr selbstsicher. Was macht Sie denn zum perfekten Stadtpräsidenten?

Mein Sternzeichen ist Waage und ich habe in der Tat eine ausgleichende Wirkung. Ich bin bekannt dafür, ein Problem von verschiedenen Seiten anzuschauen und mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Ein guter Stadtpräsident muss ein Vermittler sein und das bin ich.

Was können Sie nicht?

Zwar bin ich schon lange im Stadtrat und bin entsprechend vernetzt, doch habe ich ein miserables Namensgedächtnis, was manchmal hinderlich ist.

Lediglich jeder fünfte Schlieremer Stimmbürger wählt sozialdemokratisch. Wäre wieder ein SP-Stadtpräsident nach Toni Brühlmann-Jecklin überhaupt gerechtfertigt?

Ja. Dank der Parteizugehörigkeit kann der Wähler zwar eine schnelle Einordnung eines Kandidaten vornehmen. Im Alltagsgeschäft des Stadtrates spielt die politische Gesinnung jedoch eine untergeordnete Rolle. Die Findung von Lösungen steht im Fokus. Meine Konkurrentin Manuela Stiefel und ich sind beide keine Politiker der Extreme – ich bezeichne sie als linke FDPlerin und mich als rechten SPler.

Die Verhandlungen mit der IG Blutbuche dominierten Ihren Kalender in letzter Zeit. Sie wurden auch harsch kritisiert. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin nicht immun gegen solche Anfeindungen. Zur Weihnachtszeit erhielt ich gar eine Morddrohung wegen der möglichen Fällung des Baums. Deswegen stellte ich mir gar die Frage, ob ich ein öffentliches Amt überhaupt noch will. Auch stellte ich mir selbst und meinen Leuten die Frage, was wir im Planungsprozess denn falsch gemacht haben.

Was haben Sie falsch gemacht?

Die Stadt hat sich in diesem Fall nicht gegen den Entscheid des Bundesamtes für Verkehr, den Baum aus dem Inventar zu entlassen, gewehrt. Die Bedeutung der Buche für die Schlieremer war damals nicht auf unserem Radar. Da waren wir aber nicht die Einzigen, das Parlament und das Volk haben ebenfalls nicht für eine Erhaltung plädiert.

Hat Ihnen die Geschichte um die Rotbuche eher geschadet oder genützt?

Schwer zu sagen. Einige sagen, ich hätte mich nur für die Versetzung des Baums eingesetzt, um Wahlkampf zu betreiben. Dem ist absolut nicht so, da ich mich schon im Rahmen meiner Tätigkeit als Bauvorstand für Grünräume eingesetzt habe. Andere loben mich und sagen, dass man wegen einer Rotbuche nicht die demokratisch legitimierten Wege infrage stellen soll. Unter dem Strich denke ich, hat mir die Geschichte aber eher geschadet.

Wie bei der Geissweid werden derzeit Unterschriften gesammelt für die Vorlage des Stadtrates für eine Begegnungszone am Bahnhof. Wird in Schlieren fortan die Initiative zum baupolitischen Mittel?

Aus demokratischer Sicht wäre es grossartig, da auf diese Weise realisiert wird, was das Volk will. Aus verfahrensökonomischer Sicht hingegen ergibt es keinen Sinn. Neben den Mehrkosten beansprucht eine solche Unterschriftensammlung viel Zeit.

De facto sind Sie mit ihren politischen Mandaten Berufspolitiker. Bereitet Ihnen die Tendenz weg vom Milizsystem Sorgen?

Nein. Aber der Ist-Zustand ist nicht sonderlich ehrlich. Es ist sehr schwierig, eine geregelte berufliche Tätigkeit neben einem Stadtratsmandat auszuüben, da die Aufgaben in der Exekutive nicht mehr nur abends, sondern mehr und mehr auch tagsüber anfallen.

Voraussichtlich im Herbst entscheidet das Zürcher Stimmvolk über die zweite Etappe der Limmattalbahn. Welche Rolle würde ein Stadtpräsident Bärtschiger hier einnehmen?

Das weiss ich noch nicht. Der Stadtpräsident muss aber dafür sorgen, dass Schlieren einerseits nicht an dieser Bahn zerbricht, andererseits langfristig auch nicht am Verkehrsaufkommen ertrinkt.

Wie können Sie Gegner und Befürworter der Bahn zusammenbringen?

Dazu ist es vermutlich zu spät, da zu viel Geschirr zerbrochen wurde.

Was können Sie besser als Ihre Gegenkandidatin Manuela Stiefel?

Im Rahmen meiner politischen wie auch beruflichen Tätigkeit eignete ich mir eine gewisse Führungserfahrung an. Erfahrung, die Frau Stiefel nicht sammeln konnte.

Welche Projekte würden Sie als Stadtpräsident als erstes angehen?

Die Stadtratssitzungen haben bezüglich ihrer Dauer ein kritisches Mass erreicht. Eine Reorganisation könnte die Effizienz steigern. Ansonsten möchte ich erwähnen, dass Toni Brühlmann-Jecklin hervorragende Arbeit geleistet hat, die es fortzusetzen gilt.

Zur Person

Markus Bärtschiger

Der 55-jährige Ökonom Markus Bärtschiger sitzt seit acht Jahren für die SP im Schlieremer Stadtrat. Davor war er 20 Jahre im Gemeinderat und präsidierte das Gremium zwei Mal. Seit vier Jahren steht er dem Ressort Bau- und Planung vor. Seit vergangenem Jahr sitzt er im Kantonsrat. Er ist Verwaltungsratspräsident des Spitals Limmattal. Er ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. In seiner Freizeit spielt er Indoor-Fussball und Golf.