Dietikon
Marco Nussbaumer: «Als Dirigent ist man Vater und Lehrer»

Marco Nussbaumer sagt, es sei nicht einfach, bei den Jugendlichen Disziplin durchzusetzen. Einmal in der Woche probt er mit der Jugendmusik und Stadtmusik Dietikon.

Anina Gepp
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Herr Nussbaumer, ist die Stadtjugendmusik Dietikon cool?

Marco Nussbaumer: Sehr!

Warum?

Die jungen Menschen der Stadtjugendmusik sind begeisterungsfähig und haben gute Ideen. Wenn ich selbst Freude und Einsatz zeige für ein gemeinsames Projekt und die Jugendlichen mitziehen, ist das toll.

Die grüne Uniform finden aber wahrscheinlich nicht alle Jugendlichen so cool.

Man könnte denken, die jungen Menschen wollten doch keine Uniformen mehr tragen. Gerade wenn sie das rechtfertigen müssen gegenüber Gleichaltrigen. Doch die meisten tragen sie mit Stolz. Sie ist ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Die Jugendlichen durften sich die Uniform sogar selbst aussuchen. Sie haben die Farbe Grün gewählt, weil sie besonders ist. Die anderen Musikgruppen tragen oftmals Blau. Sie wollten aber etwas Freches.

Sie sind mit der Stadtjugendmusik im Juni am Kantonalmusikfest in Winterthur aufgetreten, die Woche zuvor am Schweizerischen Jugendmusikfestival in Zug, und heute spielen Sie am Musiktag in Bonstetten. Drei Auftritte an nur vier Wochenenden. Das hört sich streng an.

Das ist in der Tat sehr streng. In diesem Mass habe ich das selbst noch nie erlebt. Die Auftritte am Eidgenössischen und Kantonalen Fest zusammen sind schon mehr als normalerweise. Trotzdem nehmen wir den regionalen Musiktag in Bonstetten auch noch wahr. Es geht dabei ja nicht mehr um einen Wettbewerb, sondern mehr darum, dem Publikum eine Freude zu machen.

Ist das den Jugendlichen nicht zu viel Verpflichtung?

Manchmal schon. Die meisten der Jugendlichen haben ja noch ganz viele andere Projekte am Laufen. Sie machen die Matur fertig oder haben noch weitere Hobbys. Der Juni war sehr streng.

Der Dirigent

Bereits mit 17 Jahren wurde Marco Nussbaumer Dirigent eines kleinen Chors. Der 37-jährige gebürtige Solothurner war schon immer musikbegeistert, spielte früh Klavier und später auch Trompete. Nach der Matura studierte Nussbaumer in Bern Blasmusikdirektion, absolvierte 2000 das Blasorchesterdiplom und hängte noch das Studium im Fach Trompete an der Musikakademie in Basel an. 2004 machte er das Lehrdiplom und schob das Konzertdiplom gleich hinterher, weil es so gut lief. Nebenbei unterrichtete er an der Musikschule Mümliswil Trompete und dirigierte die Jugendmusik. Seine Frau arbeitet tagsüber, während er Hausmann ist und sich um die Kinder kümmert. Die Abende stehen dann im Zeichen der Blasmusik. Einmal in der Woche probt er mit der Jugendmusik und Stadtmusik Dietikon. (gep)

Wie konnten Sie die Jugendlichen überzeugen, heute doch nochmals aufzutreten?

Die Wettbewerbe sind gut gelaufen. Das spornt die Jugendlichen an. Durch den Motivationskick konnten sich viele dazu durchringen, auch am letzten Konzert noch mit dabei zu sein. Wir spielen in Bonstetten bei der Marschmusikparade mit und geben ein Konzert.

Sie erwähnten die Marschmusik. Das ist vermutlich nicht der Musikstil, den die Jugendlichen hören.

Die Marschmusik kommt erstaunlich gut an. In Zug erzielten wir damit ein sehr gutes Ergebnis. Danach drückte der Ehrgeiz durch. Die Jugendlichen wollten es am Auftritt in Winterthur unbedingt noch besser machen.

Sie gewannen in Winterthur dann ja auch den dritten Preis. Was bedeutet Ihnen das?

Das ist ein erfreuliches Resultat. Es nahmen noch vier andere Jugendmusiken teil und alle anderen waren Erwachsenenvereine. Da ist manchmal noch schwierig abzuschätzen, wie stark die sind. Vor allem auch, weil ich mich als Solothurner im Zürichbiet noch nicht so gut auskenne.

Sie sind erst seit letztem Herbst Dirigent der Stadtjugendmusik Dietikon. Wurden Sie von den Jugendlichen gleich akzeptiert?

Wenn man irgendwo neu anfängt und einen die Jugendlichen noch nicht kennen, ist eine gewisse Distanz da. Die jungen Musikerinnen und Musiker überlegen sich schon genau, ob ihnen passt, was ich sage. Soll ich wirklich Einsatz zeigen, lohnt sich das, fragen sie sich. Das war die Situation zu Beginn.

Und wie ist es jetzt?

Das Vertrauen kam nach und nach. Am Jahreskonzert haben die Jugendlichen gemerkt, dass das Ergebnis und der Auftritt cool waren. Der Knoten hat sich gelöst. Auch jetzt an den Wettbewerben hatten wir eine tolle Zeit zusammen. Das Erlebnis beim Spielen war eindrücklich. Ich merke deutlich, wie der Abstand zwischen den Jugendlichen und mir kleiner wird und auch das Vertrauen wächst.

Wie würden Sie die Gruppe beschreiben?

Auf jeden Fall sind die Jugendlichen sehr lebendig. Es ist immer etwas los. Deshalb ist es für mich nicht immer einfach, Disziplin durchzusetzen. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wohin wir wollen und wie weit ich in den Proben kommen will. Bei den Jugendlichen steht der Spass im Vordergrund.

Fühlen Sie sich dann nicht als Vater oder gar Lehrer?

Als Dirigent ist man sowohl Vater als auch Lehrer. Ich führe oft mit einzelnen Personen Gespräche. Die Jugendlichen sind in der Lehre oder an einer Schule, da kann es beispielsweise zu terminlichen Konflikten kommen. Dirigent zu sein, bedeutet mehr, als nur die Stücke mit den Musikern einzustudieren. In Wirklichkeit gehört viel mehr dazu.

Stört Sie das?

Im Gegenteil. Das ist das, was mir am meisten Spass macht. Klar, ich mache von Herzen gerne gute Musik. Aber ich mag auch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Die Mischung aus beidem macht es aus. Ich bereite die Proben und Aufführungen vor und sammle Ideen für neue Projekte. Auf der anderen Seite aber muss ich es auch schaffen, das Publikum zu begeistern und die Jugendlichen zu motivieren.

Wie schaffen Sie es denn, die Jugendlichen zu motivieren?

Es sprechen nicht alle auf das Gleiche an. Aber mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen Freude bekommen, gut Musik zu machen. Viele wollen einfach das spielen, was sie gerne hören, und interessieren sich weniger dafür, wie das Stück aufgebaut ist. Ihnen ist es dann auch nicht so wichtig, wie sie das Lied spielen, Hauptsache, sie spielen es irgendwie. Ich möchte die Musikwünsche der Jugendlichen aber auch nicht ignorieren. Viel mehr freue ich mich über ihre Vorschläge und versuche ihnen aufzuzeigen, dass es noch viel toller ist, wenn man das Lied auch gut spielt. Das Publikum spürt das nämlich, und das gibt einem als Musiker ein unbeschreibliches Gefühl.

Die Jugendlichen haben also durchaus ein Mitspracherecht.

Ja. Vor allem für das Jahreskonzert dürfen sie Vorschläge bringen und ich schaue mir diese auch gerne an. Die Dekoration und die Aufmachung des Saals liegt sowieso in den Händen der Jugendlichen. Beim Kirchenkonzert kann ich weniger Rücksicht auf Musikwünsche nehmen. Dort sind es eher konzertante Lieder, die auch in die Kirche passen. Grundsätzlich bin ich aber immer offen für gute Vorschläge und bin noch so froh darüber. Schliesslich spielen die Jugendlichen mit viel mehr Einsatz, wenn sie ein Lied selbst ausgewählt haben.

Die Altersobergrenze bei der Stadtjugendmusik liegt bei 22 Jahren. Bei einem Wechsel in die Stadtmusik werden die Jugendlichen erneut Sie als Dirigenten antreffen. Ist das ein Vorteil?

Ich hoffe es sehr. Die Stadtjugendmusik und die Stadtmusik helfen sich sowieso gegenseitig aus, wenn es Besetzungsschwierigkeiten gibt. Die Talente der Stadtjugendmusik wechseln hoffentlich irgendwann in die Stadtmusik. Wenn sie in der Jugendmusik schon tolle Erfahrungen machen konnten, werden sie auch davon ausgehen, dass es in der Stadtmusik toll wird.

Wenn Jugendliche in die Stadtmusik wechseln, müssen ja auch wieder junge Musikerinnen und Musiker nachkommen. Wie finden Sie Nachwuchs?

Wir haben schon oft darüber sinniert, wer von den Jugendlichen noch dabei sein wird in ein paar Jahren. Viele sind zurzeit 18 oder 19 Jahre alt. Bald sollten sie in die Stadtmusik übertreten. Das ist für mich eine der grössten Herausforderungen. Denn von unten her wieder junge Leute zu finden, um aufzufüllen, ist schwierig. Der Nachwuchs macht mir ein wenig Sorgen. Leider ist es überall so, dass man um die jungen Leute kämpfen muss. Deshalb ist es eine wichtige Arbeit, mit den Musikschulen in Kontakt zu treten und sich zu engagieren.