Coronavirus

«Man will die Hinterbliebenen trösten und darf nicht» –Urdorfer Pfarrerin schmerzt Abstand an Beerdigungen

Mit Fantasie durch die Krise: Pfarrerin Esther Grieder schlägt zum Beispiel das Führen eines Maltagebuchs vor. Sie selbst nutze es während ihres vierjährigen Aufenthalts in Südkorea.

Mit Fantasie durch die Krise: Pfarrerin Esther Grieder schlägt zum Beispiel das Führen eines Maltagebuchs vor. Sie selbst nutze es während ihres vierjährigen Aufenthalts in Südkorea.

Pfarrerin Esther Grieder aus Urdorf fällt Social Distancing auf dem Friedhof schwer. Im Interview erzählt sie, welche Herausforderungen Seelsorgerinnen und Seelsorger während der Corona-Krise meistern müssen.

Esther Grieder sitzt alleine in der Neuen Reformierten Kirche Urdorf. Vor dem Altar steht eine Gitarre. «Mein Kollege Ivan Walther hat begonnen, hier Live-Streams aufzunehmen, die wir auf unserer Website zeigen. Wir dürfen ja keine Gottesdienste mehr halten», sagt die Pfarrerin. Aus ihrer Tasche kramt die 55-Jährige verschiedene Utensilien hervor. Ein Maltagebuch, ein gehäkeltes Häschen, Bücher und Jonglierbälle. «Es gibt diverse Möglichkeiten, sich zuhause die Zeit zu vertreiben. Das wären ein paar Anregungen», sagt Grieder. Sie selbst habe sich vor dem Lockdown mit Pflanzen eingedeckt und diese daheim auf dem Balkon gesetzt. «Weil es unterdessen so kalt geworden ist, hat sich meine Stube in ein Gewächshaus verwandelt.»

Gottesdienste und Veranstaltungen sind verboten. Beerdigungen dürfen nur noch im engsten Familienkreis stattfinden. Die Coronakrise stellt Sie als Seelsorgerin vor grosse Herausforderungen. Wie meistern Sie diese?

Esther Grieder: Stressig war die Zeit, in der eine Einschränkung nach der anderen bekannt wurde und man immer wieder abklären musste, ob das Geplante noch erlaubt und sinnvoll ist oder nicht. Wir müssen nun umdenken und überlegen, welche Mittel uns noch zur Verfügung stehen. Mein Kollege nutzt unsere Website und streamt dort täglich um 17 Uhr eine Viertelstunde live aus der Neuen Reformierten Kirche Urdorf. Ich frage mich, wie ich ältere Leute, die keinen Computer besitzen, erreichen kann. Wir versuchen per Telefon, E-Mail, SMS oder Whatsapp Kontakte zu pflegen. Ich habe einigen Kirchgemeindemitgliedern etwa einen Sonntagsgruss per Whatsapp geschickt. Da ich derzeit keine Veranstaltungen vorbereiten muss, habe ich mehr Zeit, um unsere Mitglieder anzurufen, auch um herauszufinden, ob sie jemanden brauchen, der für sie einkaufen gehen soll. Gemeinsam mit Jugendarbeiter Thomas Luginbühl und jungen Freiwilligen bauen wir ein Einkaufsangebot für Senioren auf. Bisher haben sich sechs bis acht junge Menschen dafür gemeldet. Von vier Senioren wissen wir, dass sie froh um diese Hilfe wären.

Die Kirchgemeindemitglieder teilen Ihnen in diesen Telefongesprächen wohl auch ihre Sorgen mit. Wie geht es den Leuten?

Der Coronavirus wühlt uns alle auf und verunsichert. Für einige ältere Mitglieder ist es schwierig, stets zuhause zu bleiben. Sie sagen mir, dass sie Angst haben, dass sie keine Kraft mehr in den Beinen haben, wenn sie zu lange auf Spaziergänge verzichten. Ich höre auch von Personen, die ihre Partner im Altersheim oder im Spital nicht mehr besuchen dürfen oder sich Sorgen um ihre Angehörigen machen. Solche Situationen sind während dieser Notlage zusätzlich belastend.

Was raten Sie diesen Menschen?

Ich versuche, ihnen Mut zu machen. Zudem suche ich nach Wegen, ihnen kraftspendende Gedanken mitzugeben. Generell haben Menschen nun mehr Zeit, sich mit Spirituellem zu beschäftigen und können diese Zeit als Chance nutzen. Sie können Dinge erledigen, die sie schon lange einmal anpacken wollten. Man kann sich zum Beispiel bei Personen melden, die man schon Ewigkeiten nicht mehr gehört hat oder sich mit jemandem versöhnen, ein Instrument wieder entdecken oder eine Fremdsprache lernen, Bücher lesen, stricken oder Mandalas malen. Es gibt so viele Möglichkeiten, man braucht nur etwas Fantasie.

«Es gibt diverse Möglichkeiten, sich zuhause die Zeit zu vertreiben», sagt Pfarrerin Esther Grieder aus Urdorf. Menschen könnten etwa Dinge erledigen, die sie schon lange einmal anpacken wollten. «Man kann sich zum Beispiel bei Personen melden, die man schon Ewigkeiten nicht mehr gehört hat oder sich mit jemandem versöhnen, ein Instrument wieder entdecken oder eine Fremdsprache lernen, Bücher lesen, stricken oder Mandalas malen», schlägt die 55-Jährige vor. Es gebe so viele Möglichkeiten, man brauche nur etwas Fantasie.

Krise als Chance nutzen

«Es gibt diverse Möglichkeiten, sich zuhause die Zeit zu vertreiben», sagt Pfarrerin Esther Grieder aus Urdorf. Menschen könnten etwa Dinge erledigen, die sie schon lange einmal anpacken wollten. «Man kann sich zum Beispiel bei Personen melden, die man schon Ewigkeiten nicht mehr gehört hat oder sich mit jemandem versöhnen, ein Instrument wieder entdecken oder eine Fremdsprache lernen, Bücher lesen, stricken oder Mandalas malen», schlägt die 55-Jährige vor. Es gebe so viele Möglichkeiten, man brauche nur etwas Fantasie.

Sie müssen stark sein für andere. Was belastet Sie in dieser Situation am meisten?

Das Schlimmste waren für mich die ersten Beerdigungen nach der Ausrufung des Notstands. Social Distancing ist bei Abdankungen sehr schwer einzuhalten. Man will die Hinterbliebenen trösten, ihnen die Hand geben oder sie umarmen und man darf nicht. Da die Bestattungen nun nur noch in sehr engem Familienkreis stattfinden dürfen, fehlen zudem auch Bekannte, Freunde und Angehörige, welche die ganz nahen Hinterbliebenen trösten können. Schwierig finde ich auch die Selektion der Trauergäste.

Was meinen Sie damit?

Beerdigungen sind ein wichtiger Bestandteil des Trauerprozesses. Wenn die Enkel, nicht alle Geschwister oder nicht alle Kinder an der Trauerfeier teilnehmen dürfen, kann der Todesfall für sie unwirklich scheinen. Die Zeremonie kann beim Abschied nehmen helfen, die Hinterbliebenen trösten und
sie wieder ins normale Leben zurückführen.

Es gibt Leute, die in Zeiten wie diesen mit Gott hadern und diese Pandemie als seine Strafe interpretieren. Wie reagieren Sie darauf?

In der Not erfahren manche eine Leere, andere einen Gott, der sie trägt. Eine Aufgabe der Kirche ist es, sich um Menschen zu kümmern, die sich in Not befinden. Die gibt es immer, derzeit sind es einfach besonders viele. Gott geht es nicht um Strafe, eher um Umkehr. Er sucht Wege, um uns zur Einsicht zu bringen, damit wir unser Verhalten überdenken. Wir müssen uns überlegen, ob wir vielleicht wirklich etwas falsch gemacht haben und was wir ändern können. Die Krise kann auch eine Chance zur Besinnung sein. Und ich hoffe, dass viele speziell während des aktuellen Ausnahmezustands den liebenden Gott erleben.

Not lehrt bekanntlich beten. Ist die Coronakrise also auch eine Chance für die Kirche, die Menschen Gott wieder etwas näher zu bringen?

Ich habe Mühe damit, Notsituationen als Gelegenheit zur Mission zu nutzen. Ein Gebet und der Gedanke an Gott kann aber wirklich Geborgenheit, Kraft und Mut geben, wenn man allein in seiner Wohnung sitzt.

Sie selbst wohnen auch alleine. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Mir geht es gut, weil ich Kraft aus meinem Glauben schöpfe. In einer dreijährigen Weiterbildung in Spiritualität habe ich meditiert und mich im Schweigen geübt. Für mich bedeutet die Isolation, ähnlich wie bei der Meditation, keine Abkehr, sondern ein Zuwenden zur Welt und anderen Menschen.

Meistgesehen

Artboard 1