Kürzlich flog Lucia Kleint von New York unter dem Nachthimmel zurück in die Schweiz. Während die meisten anderen Gäste schliefen, betrachtete die Oberengstringerin das Firmament durch das ovale Fenster. Plötzlich sei ihr aufgefallen, dass die «falschen Sterne» draussen sichtbar waren, erzählt sie. Eine halbe Stunde vor der Notlandung kam dann die Durchsage: Die Passagiermaschine hatte über dem Atlantik umgekehrt. An Bord hatte ein Randalierer sein Unwesen getrieben.

Kleint kennt den Sternenhimmel der nördlichen Hemisphäre wie ihre eigene Westentasche. Die Astrophysikerin ist von klein auf begeistert von den Weiten des Weltalls. Als Kind stand sie am Abend oft auf dem Balkon und starrte durch ihr Fernrohr. «Es hat mich schon immer fasziniert, einen riesigen Weltraum zu sehen und nicht genau zu wissen, was das ist», sagt sie. Wir Menschen seien eher klein auf der Erde.

Scheinwerfer unerwünscht

An ihren ersten Besuch in der Sternwarte Urania in Zürich erinnert sich die heute 34-Jährige noch genau. Im Okular beobachtete sie einen explodierten Stern im Ringnebel. Dieser sei im Sommer besonders gut zu sehen. In der Gymi-Zeit gab sie dann ihre ersten Führungen durch das altehrwürdige Observatorium. Nach der Matura studierte Kleint an der ETH und machte ihre Passion zum Beruf. Heute hat sie gleich drei Jobs: Sie ist Demonstratorin an der Urania-Sternwarte, forscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und leitet das grösste europäische Sonnenteleskop auf Teneriffa.

Das Teleskop im Herzen Zürichs bringt sie dem Himmel etwas näher. Es ist zwölf Tonnen schwer und hat eine maximal 600-fache Vergrösserung. Sterne und Planeten erscheinen damit gut sichtbar. Aufgrund von Lichtverschmutzung und des häufig eher schlechten Wetters eignet es sich aber weniger, um fremde Galaxien zu beobachten. Dafür muss die Sternenguckerin nach Teneriffa fahren. «Autos müssen ihre Scheinwerfer ausschalten, wenn sie sich den dortigen Teleskopen nähern», sagt sie. Das sei nicht ganz ungefährlich wegen des seitlichen Abhangs.

Die Sonne untersuchen

Sie selbst untersucht mit speziellen Filtern aber vor allem die Sonne. Diese hat es Kleint angetan, weil sie das Leben auf der Erde stark beeinflusst. Ein Beispiel: Bei der Kernschmelze verliert die Sonne jede Sekunde gut vier Millionen Tonnen Masse, die in Strahlung umgesetzt werden. Als Sonnenwind strömen elektrische Teilchen bis zur Erde, wo sie manchmal Polarlichter hervorbringen.

An einem Sonnenteleskop erlebte Kleint eine Sternstunde ihrer Karriere: Sie beobachtete eine riesige Sonneneruption live. «Danach gab es eine Party zur Feier der einzigartigen Messdaten», sagt sie. Auf grosse Eruptionen folgen aber oft Sonnenstürme, die nicht nur Astronauten gefährlich werden könnten, da sie gelegentlich auch auf der Erde für Kurzschlüsse sorgen. «1989 fiel deswegen im kanadischen Quebec der Strom aus», sagt sie.

Maschinelles Lernen

Bisher können Sonneneruptionen nicht vorhergesagt werden. Aber genau das ist das Ziel eines neuen Sonnensatelliten, dessen Röntgenteleskop Kleint an der FHNW mitentwickelt hat. «Ich bin eine Praktikerin», sagt sie. Das Messinstrument sei bereits an die europäische Weltraumorganisation (ESA) ausgeliefert worden. Die Mission soll 2020 starten. «Ich hoffe, dass die Rakete beim Start nicht explodieren wird. Raketenstarts sind immer ein Risiko», sagt sie.

Kleints nächstes grosses Projekt bleibt dagegen auf dem Boden. Zusammen mit ihrem Doktoranden an der FHNW befasst sie sich mit maschinellem Lernen. Dabei geht es darum, dass ein künstliches System aus Beispielen lernen und diese verallgemeinern kann, um neues Wissen zu generieren. Vor allem die Datenauswertung soll dadurch einfacher werden. Zurzeit sitzt sie nämlich vor allem am Computer und rechnet, statt den Himmel zu beobachten. Vielleicht hat sie in Zukunft dann wieder mehr Zeit für die Sterne.