Stricken ist ein wirksames Mittel gegen Alltagsstress. Das ist mittlerweile sogar wissenschaftlich nachgewiesen. Wenn aber einer ganzen Unterstufenklasse das Handwerk beigebracht werden muss, ist das sowohl für die Lehrkraft als auch für die Schüler alles andere als entspannend.

Bis jedes Kind die Stricknadeln richtig hält und die feine Wolle zu den richtigen Maschen zusammenwebt, braucht es Zeit und Geduld.

Handarbeitslehrerin Ines Büchel hat deshalb kurzerhand einen Rundbrief an die Eltern ihrer Klasse herausgegeben und um Unterstützung im Unterricht gebeten. «Ich war total überrascht, wie viele Zusagen ich bekommen habe», sagt die Lehrerin.

Mütter und Grossmütter der Kinder hätten sich bereit erklärt, der Klasse beim Stricken lernen zu helfen. Was Büchel zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Auch sie selbst hat durch die externe Hilfe noch einiges dazugelernt. Denn: Portugiesen, Italiener, Mazedonier und Türken stricken komplett anders als Schweizer.

Deutsch zu können, ist unwichtig

An diesem Morgen ist Fernanda Vasconcelos ins Schulhaus Kalktarren in Schlieren gekommen, um Büchel zu helfen. Obwohl ihre eigene Tochter mittlerweile nicht mehr bei Büchel Schule hat, kommt sie zwei Mal wöchentlich in den Handarbeitsunterricht. Sie ist nicht berufstätig und freut sich deshalb, wenn sie Schülern beim Stricken unterstützen kann. Auch die Kinder schätzen die fröhliche Art der Portugiesin.

Dass sie nur gebrochen Deutsch spricht, stört die Schüler nicht. Die Gruppe, die bei ihr Stricken gelernt hat, legt sich den Faden um den Hals, statt ihn – wie es in Schweizer Lehrbüchern steht – zwischen den Fingern zu halten. So habe sie das bei ihrer Mutter in Portugal gelernt, sagt Vasconcelos. In ihrer Heimat sei einem das Stricken nicht in der Schule beigebracht worden und nur etwas für Mädchen gewesen.

Der 9-jährige Florian hat das zu Beginn ähnlich gesehen. In Mazedonien, wo er herkommt, stricken ebenfalls nur Frauen. Mittlerweile ist er aber stolz darauf, es noch besser zu können als seine Mutter. «Ich komme gerne in den Handarbeitsunterricht», sagt er, während er konzentriert an seiner Hüpffigur strickt. Zu Hause die Nadeln in die Hand nehmen würde er aber trotzdem nicht. «Ich spiele doch noch lieber Fussball.»

In die Strickgruppe von Büchel ist der 8-jährige Odhniel eingeteilt. Der brasilianische Junge strickt sich ein grünes Fussballtrikot. Seine Oma, die in Frankreich wohne, könne ebenfalls stricken, sagt er. Wenn er sie das nächste Mal sehe, wolle er ihr unbedingt zeigen, was er gelernt habe. Für die Stricktechniken der anderen Gruppen interessiert sich Odhniel nicht gross. «So wie wir es machen, ist es am einfachsten», sagt er.

Es mache ihm Spass und mittlerweile müsse er sich auch nicht mehr ganz so fest darauf konzentrieren, keine Masche fallen zu lassen.

Mit Schafen aufgewachsen

Büchel ist froh um die Unterstützung im Handarbeitsunterricht. Es sei nicht selbstverständlich, dass sich die Mütter so viel Zeit nehmen und aushelfen. Für die Kinder sei es nie ein Problem gewesen, bei einer fremden Person Stricken zu lernen. Oftmals klappe es sogar besser, da die Betreuerinnen die Kinder beispielsweise auf den Schoss nehmen könnten. Das könne sie sich als Lehrperson nicht erlauben. Besonders spannend sei es, die Strickkulturen anderer Länder besser kennenzulernen.

Zudem könnten die Kinder zu Beginn die Gruppe wechseln, wenn sie eine der Strickmethoden besser begreifen als eine andere. Schliesslich kenne sie lediglich jene aus den Lehrbüchern. Eine Helferin aus Mazedonien beispielsweise habe in ihrer Heimat selbst Schafe geschoren und daraus eigene Wolle gewonnen. Und eine Italienerin, die ab und zu vorbeischaue und mithelfe, halte die Wolle beim Stricken jeweils unter der Achsel eingeklemmt.

Kurz bevor es nach der ersten Stunde in die Pause läutet, werden die Schüler ungeduldig. Das Stricken verlangt ihnen einiges an Konzentration ab. Büchel ermuntert die Kinder zwar, noch etwas weiterzuarbeiten, bricht aber ab, sobald sie merkt, dass die Schüler nicht mehr mögen. Sie sollen weiterhin Spass am Stricken haben.

So unterschiedlich die Methoden des Strickens in den verschiedenen Ländern auch sind, das Endergebnis ist dasselbe. Dabei ist es jedem Kind selbst überlassen, was es stricken möchte – sei es ein Schal, eine Hüpffigur oder eine Krawatte; das bestimmt jedes Kind selbst. Die Hauptsache sei, dass die Schüler Freude an der Arbeit hätten, so Büchel. Dank der Helferinnen könne der Unterricht frei von Druck und Stress stattfinden.