Limeco in Dietikon

Limmattal soll ab 2018 selber das Gasnetz speisen – mit der Hilfe von Urzeit-Bakterien

Die Limeco mit ihrer Abwasserreinigungsanlage (ARA) in Dietikon könnte zum ersten industriellen Gasproduzenten der Schweiz werden.

Die Limeco mit ihrer Abwasserreinigungsanlage (ARA) in Dietikon könnte zum ersten industriellen Gasproduzenten der Schweiz werden.

Die Abwasserreinigungsanlage (ARA) der Limeco in Dietikon könnte ab 2018 viel Gas produzieren – in einem Ausmass, das in der Schweiz noch nicht existiert. Andere Versorgungswerke wollen einen Teil des Risikos übernehmen, um später vom Dietiker Know-How zu profitieren.

Das Limmattal soll zum Gasproduzenten werden: Die Limeco plant, bis 2018 in ihrer Abwasserreinigungsanlage (ARA) in Dietikon eine Power-to-Gas-Anlage zu installieren. So soll das Klärgas der ARA nicht mehr im Blockheizkraftwerk zur Stromproduktion verbrannt, sondern in Methan umgewandelt werden, dem Hauptbestandteil von Erdgas.

Dieses erneuerbare Gas aus dem Limmattaler Abwasser will die Limeco dann ins Gasnetz speisen. Das Klärgas aus dem Abwasser wird so viel effizienter genutzt: Die Power-to-Gas-Anlage wird jährlich Gas mit einem Energiewert von 15 Gigawattstunden ins Netz speisen. Den Strom, den das bisherige Blockheizkraftwerk ins Stromnetz einspies, hatte einen Energiewert von 10 Gigawattstunden. Mit der Power-to-Gas-Anlage erhöht die Limeco also den Energienutzungsgrad ihres Klärgases um ganze 50 Prozent.

Der komplizierte Prozess einfach erklärt: So funktioniert die Anlage

In der Power-to-Gas-Technik gibt es verschiedene Verfahren: Die Limeco setzt auf die biologische Methanisierung mithilfe von Urzeit-Bakterien. Tönt kompliziert, lässt sich aber erklären: Das Klärgas besteht zu einem Teil aus Methan (CH4) und zu einem Teil aus Kohlendioxid (CO2). In die neue Anlage wird dann Wasserstoff (H2) zugeführt. Die Urzeit-Bakterien nehmen dann – einfach gesagt – den Wasserstoff und das Kohlendioxid und verwandeln es in Methan, sodass am Schluss das ganze Klärgas in Methan umgeformt worden ist.

Und damit zum letzten Teil der Erklärung: Den zuzuführenden Wasserstoff wird die Limeco ebenfalls selber produzieren. Ursprungsstoff ist Wasser, das mit Energie in Wasserstoff umgewandelt wird. Dafür braucht es Strom. Diesen Strom stellt die Limeco ebenfalls selber her. Denn ihre Kehrichtverwertungsanlage (KVA) ist auch ein Stromkraftwerk. Die KVA wird daher die neue Power-to-Gas-Anlage mit Strom versorgen.

Zum Organisatorischen: Das Power-to-Gas-Projekt ist kein Alleingang der Limeco, sondern eine Kooperation mit einem Teil der Aktionäre der Swisspower AG, nämlich den Stadtwerken von St. Gallen, Schaffhausen, Lenzburg, Aarau, Bern und Interlaken. Wie die Limeco auf Anfrage erklärt, gibt es noch weitere Kooperationspartner: die Gasversorgung der Stadt Schlieren und die Energie Zürichsee Linth AG. Die Stadt Dietikon denkt noch darüber nach.

Alle Kooperationsbeteiligten können später vom in Dietikon entstehenden Know-How profitieren. Gleichzeitig lastet das Vermarktungsrisiko des Limmattaler Gases nicht nur auf den Schultern der Limeco, sondern auf den Schultern aller beteiligter Versorgungswerke. Während die anderen Stadtwerke teils schon länger an der Swisspower AG beteiligt sind, wurde die Limeco erst Anfang 2016 zur Aktionärin dieses Gemeinschaftsunternehmens. Die Pläne zur Erstellung einer Power-to-Gas-Anlage in Dietikon wurde am Mittwoch durch die Swisspower AG per Medienmitteilung veröffentlicht.

In Deutschland steht zwar ein Vorbild – doch dieses ist viel kleiner

Das Limmattal dürfte sich damit brüsten, die erste solche Anlage der Schweiz in Betrieb zu nehmen, die industriell genutzt wird – die also im grossen Stil solches erneuerbares Gas produziert. «Das Verfahren der biologischen Methanisierung, auf das wir zurückgreifen, wurde bisher noch nie in diesem Ausmass genutzt», erklärt auf Anfrage Limeco-Geschäftsführer Patrik Feusi. Das Projekt könnte sogar international ausstrahlen: Bisher betreibt eine derartige Anlage einzig die Firma Viessmann an ihrem Hauptsitz im deutschen Allendorf. Es handelt sich um eine Demonstrationsanlage mit einer Kapazität von jährlich 300 Kilowattstunden – in Dietikon wird die Kapazität 15 Gigawattstunden betragen. «Die Swisspower-Aktionäre zeigen eindrücklich, wie wir den Umbau des Energiesystems konkret voranbringen», sagt Swisspower-CEO Ronny Kaufmann zum Projekt.

Das sind die Hürden bis zur Realisierung 

Das Vorhaben hat aber noch eine Hürde vor sich: Die Aufsichtsgremien der sechs beteiligten Stadtwerke und die Delegierten der Trägergemeinden der Limeco müssen noch die entsprechenden Investitionen absegnen. Zu den acht Trägergemeinden der interkommunalen Anstalt Limeco gehören Dietikon, Schlieren, Urdorf und die fünf rechtsufrigen Limmattalgemeinden von Oberengstringen bis Oetwil. Die genauen Investitionsbeträge stehen noch nicht fest. Limeco-Geschäftsführer Patrik Feusi sagt auf Anfrage, dass sich die Gesamtkosten im Bereich eines höheren einstelligen Millionenbetrags bewegen. Beim Kostenanteil der Limeco handle es sich um einen sechsstelligen Betrag.

Die Power-to-Gas-Technik ist übrigens ganz allgemein im Aufschwung: Erst letzte Woche vermeldete Energie 360° (vormals Erdgas Zürich), dass ein entsprechender Pilotversuch im Stadtzürcher Klärwerk Werdhölzli erfolgreich war, den man zusammen mit dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) durchführte. Im Werdhölzli wird aber eine andere Methode angewandt: Statt auf Urzeit-Bakterien setzt man hier auf einen Wirbelschichtreaktor, der den Wasserstoff und das Kohlendioxid in Methan umwandelt. Zudem handelt es sich im Werdhölzli um einen Pilotversuch, während die Anlage in Dietikon dagegen ein industrielles Kraftwerk sein wird.

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