Uitikon
Letzter Barrierenwart im Limmattal: Nach 23 Jahren kann er endlich wieder ausschlafen

23 Jahre lang wirkte Alfred Wismer als Barrierenwart in Uitikon. Dabei ging es manchmal drunter und drüber.

Christian Tschümperlin
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Alfred Wismer öffnet die Schwenkbarriere an der Urdorferstrasse in Uitikon ein letztes Mal.

Alfred Wismer öffnet die Schwenkbarriere an der Urdorferstrasse in Uitikon ein letztes Mal.

Christian Tschümperlin

Tagsüber wählen ortskundige Fahrer einen Schleichweg, um von Uitikon nach Urdorf zu gelangen. Sie nennen ihn den Ho Chi Minh Pfad, in Anlehnung an die vietnamesischen Schleichwege, die während des Vietnamkrieges Bekanntheit erlangten. Der Weg ist die kürzeste Verbindung zwischen den beiden Ortschaften. Offiziell heisst er von Uitikon aus kommend Urdorferstrasse und von Urdorf aus kommend Uitikonerstrasse, wobei in letzterer Fahrtrichtung ein Fahrverbot besteht.

Reger Verkehr prägt untertags das Strassenbild: Pkws, Jogger und Hündeler teilen sich die Flurstrasse. Wenn aber Alfred Wismer um punkt 22 Uhr die Barriere an der Ausfahrt in Uitikon schliesst, kehrt Ruhe ein im Dorf und am anderen Ende in Urdorf Weihermatt. Am 31. Januar war es noch einmal er, der dieser Pflicht nachkam. Nach 23 Jahren im Dienst seiner Gemeinde hatte er die Schlüssel eine Woche zuvor an seinen Nachfolger übergeben.

«Ich war ehrlich gesagt froh», sagt Wismer, «denn ich musste die Barriere jeweils morgens um 6 Uhr wieder öffnen». Mit 16 habe er bereits früh aufstehen müssen um im Stall zu helfen. Als in den 1980er-Jahren das Bauernsterben begann, wechselte auch Wismer aufgrund fallender Preise zum Milchverband Winterthur und später zur Post. Bei der Post Uitikon war er es, der immer Frühdienst hatte. Dort habe er die Barriere jeweils auf dem Weg zur Arbeit geöffnet. «Jetzt kann ich endlich ausschlafen», sagt er. Langweilig wird es dem 75-Jährigen aber nicht. «Ich habe noch viele andere Ämtli im Dorf», sagt er.

Ärger wegen Fahrverbot

An die Einführung des Wochenendfahrverbots auf der Urdorferstrasse erinnert sich Wismer noch gut. Vor mehr als dreissig Jahren wurde dieses von den Gemeinderäten Uitikon und Urdorf beschlossen. Ziel war es, Kinder und Reiter zu schützen, die sich an Samstagen und Sonntagen auf dem Ho Chi Minh Pfad aufhalten, da dieser zum Naherholungsgebiet Uitikon-Urdorf-Birmensdorf gehört. Das Fahrverbot sei damals mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden, so Wismer. Viele Autofahrer hätten sich anfänglich nicht daran gehalten. Hauptsächlich auf Initiative ruheliebender Urdorfer habe Regierungsrat Hans Hofmann (SVP) 1989 dann zusätzlich ein Nachtfahrverbot beschlossen und eine erste Barriere installieren lassen: eine hölzerne, rot-weisse Baulatte.

«Das hat einige Autofahrer wütend gemacht», sagt Wismer. Vereinzelt sei es vorgekommen, dass es in der Nacht geknallt habe. Als Wismers Vorgänger am Morgen die Barriere habe öffnen wollen, sei die Latte abgebrochen neben der Strasse gelegen. Nicht einmal der später installierte Schlagbaum, eine Schranke, die sich nach oben hin öffnet, habe die Autofahrer von ihrem Ziel abbringen können. In dieser Zeit hatte Wismer das Amt bereits von seinem Vorgänger übernommen: «Unbekannte versuchten, die Schranke gewaltsam zu öffnen».

Dabei verbogen sie den Stecknagel, an dem das Schloss hängt. «Diesen musste ich dann jeweils mit einem Hammer wieder begradigen», sagt er. Vor zwanzig Jahren löste eine schwenkbare Barriere den Schlagbaum ab. Deren Stecknagel sei nicht mehr verbiegbar, so Wismer. Die Autofahrer seien dann links und rechts über die Wiese an der Barriere vorbeigefahren. Seit ein paar Jahren blockieren nun Steine diese Ausweichmöglichkeiten. «Seither haben wir Ruhe», sagt er.

Ruhe brauchen auch die Amphibien, wie der Natur- und Vogelschutzverein Uitikon herausfand. Er setzte sich vor einigen Jahren erfolgreich dafür ein, dass die Durchfahrt jeweils ab Mitte März während sechs Wochen weiter eingeschränkt wird: Die Barriere schliesst in dieser Zeit bereits um 18 Uhr abends und öffnet sich erst um 7 Uhr morgens. Wenn im Frühling die Temperaturen steigen, sind auf den Wiesen nämlich Frösche und Salamander auf Wanderschaft, die einen Laichplatz suchen.

Die Zukunft eines Unikums

Einige Einwohner von Uitikon wünschen sich unterdessen, dass die Strasse ganz zugeht. Am Status Quo der Barriere möchte Wismer aber nichts ändern, da sie einem überregionalen Bedürfnis entspreche. Er geht davon aus, dass die Barriere auch in zehn Jahren noch bestehen wird. Und zwar mit einem Barrierenwart. Ein solcher sei günstiger und pflegeleichter als eine automatische Barriere, ist Wismer überzeugt. Er habe zudem in all den Jahren nie verschlafen.

Wismer jedenfalls darf sich nun mit seinem wohlverdienten Ruhestand befassen. Er kann mit seiner Frau auf Reisen gehen, ohne sich um einen Ersatzwart zu kümmern. «Ich möchte noch ein wenig aus der Schweiz herauskommen», sagt er. Letztes Jahr war der Ur-Uitiker in Skandinavien und Schottland, nächstes Jahr soll es nach Frankreich gehen.

Seinen Nachfolger Osman Berisha kennt Wismer schon seit vielen Jahren. Berisha ist ein langjähriger Einwohner von Uitikon und arbeitet bei der Gemeinde. Die Ehre, der letzte Barrierenwart im Limmattal zu sein, geht nun auf ihn über. «Er macht das sicher genau so gut wie ich», sagt Wismer. Und falls mal alle Stricke reissen, habe er ja auch noch einen Reserveschlüssel.

Die Schuler-Wismer

Die Wismers gehören zusammen mit den Müllers zu den ältesten Geschlechtern in Uitikon. Weil im Dorf mehrere Sippschaften mit einem der Namen sesshaft sind, werden sie bei ihrem Übernahmen angesprochen. Alfred Wismers Familie werden «die Schuler-Wismers» genannt.

Schuler, weil das Bauernhaus der Wismers früher auch als Schulhaus genutzt wurde. Von 1668 bis 1846 stellte die Familie den Dorflehrer. Das Amt wurde damals vom Vater auf den Sohn übertragen. «Meine Vorfahren waren Bauern und Lehrer zugleich, in dem 300-Seelendorf hätte niemand vom Lehrerberuf alleine leben können», sagt Alfred Wismer dazu.

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