«Homo Faber», «Biedermann und die Brandstifter» oder «Nathan der Weise»: Ein Blick in die Leseliste einer Deutsch-Lehrperson der Kantonsschule Limmattal (KSL) zeigt, dass sich nicht viel verändert hat. Noch immer werden die gleichen Klassiker wie vor Jahren oder Jahrzehnten gelesen. «Genau das ist ja das Merkmal eines Kanons», sagt Matthias Kessler, der an der KSL das Fach Deutsch unterrichtet, «gute Bücher verlieren nie ihren Wert.»

Schon seit einigen Jahren liest er in der zweiten Klasse etwa das deutsche Hörspiel «Das Schiff Esperanza». Im Werk von 1953 geht es um Migranten, die nie in Amerika ankommen, weil sie vom Kapitän des Schiffs ausgenommen werden. «Die Schüler können den Bogen zur heutigen Zeit schlagen – Stichwort Flüchtlingskrise. Das schärft ihr Bewusstsein für die Aktualität eines Werkes.»

Junge lesen gern Klassiker

Lesen Junge heute überhaupt noch? «Ich denke, es ist dasselbe wie schon früher: Gewisse Kinder verschlingen Bücher regelrecht, andere haben ihre Mühe damit.» Interessant aber ist auch für Kessler, dass Klassiker wie «Die Leiden des jungen Werther» noch immer ansprechen, trotz der veralteten Sprache, oder wie Kessler sagt: «Der vielen ‹Achs!›». Goethe habe zunächst auch der Sturm-und-Drang-Bewegung angehört, bevor er zum Klassiker wurde, die überschwänglichen Gefühle der Romantik sprechen die Jungen an.

«In den vier Jahren Gymi sollen die Schüler alle Textsorten von Lyrik über Epik bis zum Drama kennenlernen, daneben sich auch mit dem genauen Lesen von Sachtexten beschäftigen.» Das sei das Ziel. Jede Lehrperson kann aber seine Texte frei wählen. Langsam taste man sich dabei an längere Werke heran. Eine Verlagerung ins Internet sei nur beim Abrufen von Wissen spürbar, bisher habe in seinen Klassen nur ein Schüler ein E-Book statt des klassischen Buchs lesen wollen.

«Ich rege die Schüler an, die klassischen Bücher zu lesen», so Kessler, «auch finde ich es wichtig, sie dann zu Hause im Bücherregal aufzustellen.» Nicht, um sich mit dem Dünkel eines Gebildeten zu umgeben. «Es ist einfach schön, auf ein gutes Buch immer wieder zurückgreifen zu können.» Und damit meint Kessler, es physisch in die Hand zu nehmen. «Online ist mir zu flüchtig.»

Die Weltliteratur kennenlernen

Gymischüler lernen beim Lesen im Fach Deutsch insbesondere auch zu interpretieren. «Sie müssen erst verstehen, dass Lesen eben nicht nur auf eine Wissensabfrage hinausläuft, sondern dass vielmehr dahintersteckt.» Auf Kesslers Leseliste finden sich auch neuere Bücher wie «Tschick» und «Die Vermessung der Welt», oder auch «Agnes» von Peter Stamm. Ziel des Literaturunterrichts sei letztlich ein Überblick über die deutschsprachige Literatur der letzten rund drei Jahrhunderte, dazu gehörten in der 6. Klasse insbesondere auch Werke von Autorinnen.

In der schuleigenen Mediothek laufen die E-Books nicht gut. Laut Bibliothekarin Barbara Thomi-Studer könnte ein Grund sein, dass das Adobe-Programm schlecht auf dem Apple-System läuft. Seit einem Jahr ziehen englischsprachige Jugendbücher. Die Ausleihe hat aber abgenommen. Dazu kamen Sparmassnahmen des Kantons, er hat die Stellenprozente an Schul- und Berufsschulbibliotheken drastisch gekürzt. Seither bleibt die Schulbibliothek an der KSL den ganzen Mittwoch geschlossen.