Schlieren
Leben mit Demenz: Besuch in einer anderen Realität

Menschen mit Demenz treffen sich für ein paar Stunden in Schlieren, um gemeinsam zu essen, spazieren, basteln oder tanzen. So haben ihre Angehörigen einmal in der Woche etwas Zeit für sich – auch wenn es nicht einfach ist, loszulassen.

Bettina Hamilton-Irvine
Merken
Drucken
Teilen
Demenztreffpunkt Schlieren
6 Bilder
 Gemeinsam wird gegessen, spaziert, gebastelt oder getanzt.
«Ich musste lange für das neue Angebot kämpfen.» Schwester Elisabeth Müggler, Gründerin Verein Wabe
 Der Treffpunkt in Schlieren soll die Angehörigen von Demenzkranken einmal in der Woche etwas entlasten.
«Wir müssen auch den Angehörigen Sorge tragen.» Peter Heinzer, Präsident Verein Wabe
 Volle Konzentration: Beim Gestalten mit Kartoffelstempeln sind die Teilnehmenden des Demenztreffs ganz in sich versunken.

Demenztreffpunkt Schlieren

Chris Iseli

Frau Gruber* hat heute ihre Tanzschuhe angezogen. «Wissen Sie», erzählt sie eifrig, «das letzte Mal hatte ich Schuhe mit Gummisohlen an, mit diesen konnte ich gar nicht tanzen. Ich blieb immer am Boden kleben.» Zwar schafften es die Gummisohlen damals nicht, sie auf dem Stuhl zu halten: Frau Gruber tanzte dann halt einfach in Strümpfen zur Handörgelimusik. Aber diesmal hat sie vorgesorgt und die feinen Lackschuhe mit der Ledersohle angezogen. Zwar steht heute offiziell Tanzen gar nicht auf dem Programm. «Aber man weiss ja nie», sagt Frau Gruber.

Wenn sie von Musik spricht, leuchten ihre Augen. Kein Wunder: Musik hat schon immer eine wichtige Rolle gespielt in ihrem Leben. Früher, als sie noch ein Kind war, da habe jeweils ihr Vater für sie auf der Geige gespielt, erzählt sie. Später durfte sie dann selber lernen, die Geige zu spielen. Sie hat sie immer noch zu Hause, die Geige, aber heute spielt sie nicht mehr.

Seit sie vor zwei Monaten einen Hirnschlag hatte, ist vieles schwieriger geworden. Sie könne nicht mehr alles machen, sagt Frau Gruber. Und müde sei sie geworden: «Ich könnte immer schlafen.» Aber im Kirchenchor mache sie immer noch mit, seit 50 Jahren schon. Singen geht noch. Radio hören auch, zum Glück.

«Ich musste lange kämpfen»

Immer am Dienstag geht Frau Gruber nun in den neuen Demenztreff des Vereins Wabe Limmattal. Von 11 Uhr morgens bis 17 Uhr nachmittags verbringt sie Zeit mit acht anderen Limmattaler Männern und Frauen mit Demenz sowie vier Betreuenden. Der Treff wurde vor allem geschaffen, um Angehörige, die einen Partner oder Elternteil zu Hause betreuen, zu entlasten.

Sie sei glücklich über das neue Angebot, sagt Schwester Elisabeth Müggler, Gründerin und Vorstandsmitglied von Wabe. Zwei Jahre sind vergangen, seit sie die Idee erstmals im Vorstand eingebracht hatte. «Ich musste lange dafür kämpfen», sagt sie. Weil es vorgesehen war, den Betreuenden für dieses Angebot ausnahmsweise eine kleine Entschädigung zu entrichten, kam es zu Grundsatzdiskussionen. Ursprünglich wollte sich der Verein dann auch eine Trägerschaft für den Treff suchen, aber alle Versuche liefen ins Leere.

So nahm Wabe das Projekt schliesslich doch selber in Angriff. Man hoffe aber, sagt Wabe-Präsident Peter Heinzer, dass sich im nächsten Jahr auch die Gemeinden beteiligen werden. Angelaufen ist das neue Angebot gut, neun von zehn Plätzen sind schon belegt, bevor man überhaupt Werbung gemacht hat – und die Rückmeldungen der Angehörigen sind positiv. «Das freut mich», sagt Peter Heinzer. «Denn wir müssen auch den Angehörigen Sorge tragen.»

Mit einem schlechten Gewissen

Frau Aeberlins Mann ist schon seit Beginn dabei. Die Entlastung sei für sie wunderbar, sagt Frau Aeberlin: So habe sie jeweils am Dienstag etwas Zeit für sich, um in Ruhe ein Bad zu nehmen, um in die Stadt zu fahren, um eine Arbeit zu erledigen, bei der sie sich konzentrieren müsse. «Das tut unglaublich gut», sagt sie.

Doch ihren Mann, den sie sonst rund um die Uhr betreut, «abzugeben», falle ihr nicht nur einfach: «Es ist ein wenig wie früher bei den Kindern: Man tat es mit einem schlechten Gewissen, obwohl man wusste, man ist darauf angewiesen.» Doch habe sie grosses Vertrauen in das Wabe-Team: «Man merkt, dass sie mit Herzblut dabei sind.»

Auch bei den Teilnehmenden kommt das Angebot gut an. Zum Beispiel bei Herrn Häusser – obwohl seine Frau ursprünglich vermutete, er werde sich nicht wohlfühlen im Treff. Doch weit gefehlt: Als er das erste Mal dabei war, stand er gegen Ende des Nachmittags vor allen auf und sagte, er wolle noch etwas sagen: «Mir hat es gefallen heute und ich komme wieder.»

«Ich musste lange für das neue Angebot kämpfen.»

Schwester Elisabeth Müggler, Gründerin Verein Wabe

Doch gerade für diejenigen, die noch nicht lange mit Demenz leben, kann es anfangs durchaus Überwindung kosten, sich einer Gruppe anzuschliessen – und sich damit einzugestehen, dass die Demenz nun Teil des eigenen Lebens ist. Für Frau Frei war das besonders schwierig. Noch kein Jahr ist es her, dass sie 2016, kurz vor Weihnachten, die Diagnose erhielt: Alzheimer. Ein «Schock» sei das gewesen, erzählt sie: «Es hat mich total aus den Socken gehauen.»

Früher sei sie ausgesprochen aktiv gewesen, habe zwei Mal wöchentlich im Fitnesscenter trainiert, sei viel spaziert und habe im Turnverein mitgemacht. Nach der Diagnose habe sie sich dann fast vollständig zurückgezogen, richtig versteckt, zwölf Kilo abgenommen, erzählt sie. «Gell, Berti», sagt sie zu Frau Huber, ihrer Freundin, die mit eingehaktem Arm neben ihr hergeht: «Ich ging nicht einmal mehr in die Kirche am Anfang. Ich dachte, das sieht mir jeder an.»

«Das hätten wir nicht gedacht»

Mittlerweile geht es ihr wieder etwas besser. Dabei, dass sie den Einstieg in die Wabe-Gruppe gefunden hat, half ihr auch die Tatsache, dass ihre gute Freundin ebenfalls teilnimmt. Frau Huber und Frau Frei kennen sich schon ewig, wohnen nahe beieinander, ihre Kinder gingen zusammen zur Schule. Wenn sie davon erzählen, was sie gemeinsam schon alles erlebt haben – Kreuzfahrtferien, Jassabende, Skiausflüge – kommen sie ins Schwärmen und wirken eher wie junge Mädchen als wie 84-jährige Seniorinnen. «Gell, das hätten wir nicht gedacht, dass wir uns mal hier wieder treffen», sagt Frau Huber und schaut ihre Freundin liebevoll an. «Aber das tut uns beiden sehr gut, dass wir einander haben.»

«Wir müssen auch den Angehörigen Sorge tragen.»

Peter Heinzer, Präsident Verein Wabe

Noch sind nicht alle gleich gut integriert in die Gruppe – aber das mag auch damit zu tun haben, dass die neun Personen, die nun jeweils am Dienstag aufeinandertreffen, neun ziemlich unterschiedliche Persönlichkeiten sind, die dazu auch noch unterschiedlich stark von Demenz betroffen sind. Herr Hartmann beispielsweise wirkt etwas verloren, wie er so im Schlieremer Restaurant Trattoria Italiana vor seinem Kalbsschnitzel mit Hörnli sitzt.

Hier geht es zum Interview mit Michael Schmieder, dem Autor des Buchs «Dement, aber nicht bescheuert».

Er redet wenig, scheint sich manchmal zu fragen, welche Antwort von ihm wohl erwartet wird. Als Heidi Heinzer, die die Gruppe an diesem Tag leitet, ihn fragt, ob es ihm gut gehe, sagt er: «Ja, es ist doch so», und lächelt probehalber. Von der Frage, ob er lieber Mineral mit oder ohne Kohlensäure wolle, ist er etwas überfordert, er blickt von einer Flasche zur anderen und zuckt mit den Schultern. Als er fertig gegessen hat, steht er auf, zupft seinen Pullover zurecht. «Wo wollen Sie hin, Herr Hartmann?», fragt Peter Heinzer. Herr Hartmann blickt sich unsicher um. Er weiss es nicht mehr.

Bloss nicht zur Last fallen

Herr Hartmann hat einen grösseren Bewegungsdrang als andere in der Gruppe. Deshalb dreht Peter Heinzer später nochmals eine Runde durchs Quartier mit ihm, obwohl zuvor schon die ganze Gruppe gemeinsam einen Spaziergang gemacht hat. Ausser Herr Walter, der blieb mit einer Betreuerin zurück. «Sonst falle ich allen zur Last», sagt er, und für einmal sehen seine Augen, in denen sonst der Schalk blitzt, traurig aus.

Er habe eine Krankheit, die man von aussen nicht sehe, sagt er dann: «Manchmal wird es mir plötzlich schwindlig.» Deshalb geht er nun am Stock und kann nicht mehr alleine ins Dorf. Er wünschte, es wäre anders, sagt er und erzählt, wie er früher zum Einkaufen jeweils von Urdorf zu Fuss nach Schlieren gegangen sei. Aber ja, «manchmal muss man seinen Stolz auch ablegen».

Später ist er dafür wieder mit Eifer dabei, als die Gruppe mit Acrylfarben Karten und Tischsets dekoriert. Konzentriert tunkt er den Pinsel in violette Farbe. Nebenan hat Herr Häusser in einen sternförmig zugeschnittenen Kartoffelstempel gebissen, weil er dachte, es sei ein Guetzli. Alle lachen, auch Herr Häusser.

*Die Namen der Teilnehmenden und Angehörigen wurden geändert.

Wachen und Begleiten

Der Verein Wabe Limmattal wurde 2003 von Schwester Elisabeth Müggler und Mirjam Meier gegründet. Wabe steht für Wachen und Begleiten: Der Verein entstand aus dem Bedürfnis nach einer Organisation, die Schwerkranke und Sterbende begleiten kann. Seit sechs Jahren werden zudem Menschen mit Demenz begleitet. Der neue Treff «Wabe plus» richtet sich an Limmattaler Menschen mit einer leichten bis mittelschweren Demenz, die zu Hause betreut werden. Er findet jeweils am Dienstag von 11 bis 17 Uhr statt, ausser am letzten Dienstag des Monats. Wabe organisiert daneben einmal im Monat einen Trauertreff und, gemeinsam mit Pro Senectute, dem Spital Limmattal und der Alzheimervereinigung, das Alz-Café. Begleiterinnen und Begleiter arbeiten ohne Entgelt, erhalten aber eine Ausbildung. Wer sich bei Wabe engagieren möchte, erhält weitere Informationen unter www.wabe-limmattal.ch oder 079 270 96 07.