Zürich
Laura Rivas findet Zürcher verschlossen – deshalb erzählt die Fotografin deren Geschichten

Weil die Fotografin Laura Rivas die Zürcher verschlossen findet, will sie mit den Menschen auf der Strasse ins Gespräch kommen – ihre Geschichten sammelt sie auf dem Portal «Stories of Zurich».

Lina Giusto
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Nach einem vielleicht fünfminütigen Gespräch schiesst Laura Rivas ein Foto vom Mann, der an der Zürcher Bahnhofstrasse auf der Parkbank sitzt.

Nach einem vielleicht fünfminütigen Gespräch schiesst Laura Rivas ein Foto vom Mann, der an der Zürcher Bahnhofstrasse auf der Parkbank sitzt.

AZ

Der vereinbarte Treffpunkt ist am Stauffacher im Zürcher Kreis 3. Auf der Parkbank sitzend, wirkt der Feierabendverkehr ausnahmsweise entspannend. Ein junger Mann mit einer um die Schultern hängenden Sporttasche spaziert gemütlich vorbei. Ein älterer Mann bahnt sich langsam schlurfend den Weg durch die auf das Tram wartenden Menschen. Eine junge Frau schaut während des Gehens auf ihr Smartphone. Überholt wird sie von einer rennenden Passantin, die das Tram wechseln will. Ihr nachschauend erscheint aus der Menschenmenge Laura Rivas im Blickfeld. Ihr etwas vorgebeugter Gang verrät, dass ihr schwarzer Rucksack schwer sein muss. Rivas wirkt aufgestellt. Ihre kurzen dunklen lockigen Haare lassen sie quirlig erscheinen. Die dunklen Augen, die von einer silbernen filigranen Brille umrahmt sind, wirken neugierig.

Der Auslöser

Die 28-jährige Zürcherin arbeitet seit kurzem als Praktikantin bei der Bildredaktion eines Zürcher Medienhauses. «Fotografie war eigentlich nie mein Hobby», sagt Rivas zu Beginn. Die Aussage irritiert, denn seit Frühling porträtiert sie – auf dem Weg zur Arbeit oder zu Verabredungen mit Freunden – Menschen, die ihr auf Zürichs Strassen begegnen. Mehr noch interessiert sich Rivas dafür, was die Menschen zu erzählen haben. So versieht sie ihre Fotografien mit kurzen Statements der Porträtierten und publiziert die Bilder auf ihrer Facebook- und Instagram-Seite «Stories of Zurich».

Die Idee erinnert an das Projekt von Brandon Stanton aus New York, das auf den sozialen Medien 2010 unter dem Namen «Humans of New York» bekannt wurde. Darauf angesprochen, lacht Rivas, fuchtelt mit den Händen. Ihr Gesicht strahlt, als sie erzählt: «2014 habe ich vier Monate in New York gelebt.» Dass sie sich für die amerikanische Metropole interessierte, hatte mit Stantons Projekt zu tun. «An einer Buchvernissage habe ich ihn dann kennen gelernt», erzählt die ehemalige Primarlehrerin. Erst drei Jahre nach seiner Lesung kaufte sich Rivas nun im Frühling eine professionelle Kamera. Schritt für Schritt hat sie sich das Fotografieren selber beigebracht.

Die Vorbereitung

«Ich habe viele Ideen und will oft zu viel machen», sagt Rivas. Wer sie kenne, würde das sofort bestätigen, doppelt sie nach. Damit erklärt sie die drei Jahre zwischen dem Amerika-Aufenthalt und der Lancierung von «Stories of Zurich». Angefangen aber habe sie auch hier schrittweise, wie sie sagt. Rivas fing an, alleine in Bars oder an Vernissagen zu gehen. An diesen Orten versuchte sie «auf lockere und natürliche Art», mit Anwesenden ins Gespräch zu kommen. «Ich fand die Menschen in der Schweiz immer etwas verschlossen und deshalb auch langweilig. Aber eigentlich bin ich ja selber so. Deshalb wollte ich etwas ändern.»

Bei den Gesprächen mit Unbekannten gehe es ihr deshalb nicht primär um das Bild: «Mich interessieren die Geschichten, die diese Menschen zu erzählen haben», sagt die 28-Jährige. Nicht bei jedem Gespräch schiesse sie auch ein Foto. Es sei vom Bauchgefühl abhängig: «Stimmt es, frage ich. Stimme es nicht, bedanke ich mich für das Gespräch und gehe weiter», erklärt Rivas ihr Vorgehen. Anfangs war sie erstaunt, wie einfach sich die Menschen auf der Strasse von ihr ansprechen liessen, wie umgänglich und offen sie etwas von sich preisgaben. «Ich will die Menschen aber auch nicht überreden, etwas zu tun, wobei sie sich nicht wohlfühlen. Mein Projekt soll positiv sein.»

Gesagt, getan

All das erzählt sie, während wir den Stauffacher zu Fuss hinter uns gelassen haben und bereits über die Brücke in Richtung Löwenplatz spazieren. Normalerweise sei sie eher in den Stadtkreisen 4 und 5 unterwegs, die Kamera habe sie immer dabei. Heute aber sei ihr Ziel die Bahnhofstrasse. An der Pestalozzianlage beim Warenhaus Globus vorbeischlendernd, dreht sie ihren Kopf immer wieder von links nach rechts und zurück. Dabei redet sie unentwegt.
Nach welcher Art sie die Menschen für ein Gespräch aussucht, kann sie nicht genau sagen: «Das passiert intuitiv. Sie müssen etwas an sich haben, das mich neugierig macht und mir ein gutes Bauchgefühl gibt», sagt die Fotografin. Wenn sie mit Freunden unterwegs sei und diese sie auffordern würden, eine Person anzusprechen, funktioniere es nicht. «Ich brauche eine spontane Zündung», sagt Rivas, während sie die Strasse mit ihren Augen absucht.

Wenn der Funke springt

Und da ist sie: die spontane Zündung. Ihr Blick streift eine Person und schnellt sofort zurück. Das ruckartige Drehen ihres Kopfes machte diesen Funken sichtbar. Sie murmelt: «Ob er nun in das Tram einsteigt? Hoffentlich nicht.» Rivas beschleunigt ihren Schritt, dreht einen Bogen um das noch stehende Tram, während sie die Strassenseite wechselt. Sie geht auf einen Mann zu, der bei der Tramhaltestelle Rennweg an der Bahnhofstrasse auf einer Parkbank sitzt.
Er sieht entspannt aus, während er die vorbeigehenden Passanten beobachtet. Rivas verlangsamt ihre Schritte. Sie bleibt etwas mehr als einen Meter vor der Parkbank stehen, beugt sich auf Augenhöhe und beginnt zu reden. Schon kurz danach nickt der Mann. Sie reden weiter. Vielleicht vier oder fünf Minuten. Nachdem er mit den Worten «nur wenn ich sitzen bleiben darf» einwilligt, schiesst Rivas einige Bilder von ihm. Auch der Mann beginnt, Rivas Fragen zu stellen. Jedoch nur kurz. Seine Frau ist vom Einkauf zurück und man müsse das nächste Tram erwischen. Bereits mit einem Fuss auf dem Trittbrett stehend, schaut er zurück: «Das Gespräch war schön. Danke.»

Rivas schaut dem Tram nach. Warum sie diese Person angesprochen hat? «Er sah so zufrieden aus, wie er da sass, und er hat spontan gelächelt.»

Drei Begegnungen (Quelle: Stories of Zurich) :

Zur Verfügung gestellt

«Die Revolution beginnt im Kleinen»

«Ich warte hier auf meine Frau. Wenn ich mich nicht bewegen muss, darfst du gerne ein Foto machen. Ich arbeite als selbstständiger Historiker. Vielleicht sehe ich deshalb so entspannt aus. Ich lebe schon ewig in Zürich. Nach der Schule hatte ich den Beruf des Chemigrafen erlernt. Eigentlich wollte ich von Anfang an Geschichte studieren, aber meine Eltern wollten, dass ich zuerst etwas Richtiges erlerne. Es war ein grafischer Beruf. Inzwischen ist er ausgestorben. Na klar habe ich die 68er-Jahre in Zürich mitgekriegt! Das war eine tolle Zeit und wir hatten grosse Hoffnung, die Gesellschaft verändern zu können. Wenn ich mir die heutige Gesellschaft anschaue, frage ich mich manchmal, wie viel wir wirklich erreicht haben. Viele der Ideale wurden kommerzialisiert, und wir sind weit entfernt von der Gleichstellung. Aber ich sage mir immer wieder: die Revolution beginnt im Kleinen.»

Zur Verfügung gestellt

«Ich möchte mich nicht verändern»

«Der durchschnittliche Milanese würde sagen, die Zürcher seien «sfigati»... ein bisschen langweilig, uncool. Die Stadt ist einfach total anders. Die Leute sind sehr kalt. Eigentlich wollte ich in London Modedesign studieren, aber meine Eltern meinten, Zürich sei eine gute Stadt zum Studieren. Es ist meine zweite Woche und ich fühle mich sehr einsam ... als würde ich nicht hierher passen. Mein Vater ist ein berühmter Schweizer Künstler und wir haben eine Ferienwohnung hier, aber ich kenne trotzdem kaum Leute. Ich sitze jetzt schon eine Weile da und viele Leute, die vorbeilaufen, schauen mich komisch an. Dabei bin ich heute gar nicht so auffällig gekleidet wie sonst. Mein Bruder ist auch fürs Studium hierhergekommen und er hatte mich vorgewarnt. Es sei hier ganz anders. Ich merke, dass er sich angepasst hat. Aber ich möchte mich nicht verändern.»

Zur Verfügung gestellt

«Die Stadt ist super, um als Koch weiterzukommen»

«Stimmt, ich sitze oft hier und rauche. Ich komme aus Überlingen in Deutschland. Seit neun Monaten wohne ich nun hier in Zürich. Die Stadt ist super, um als Koch weiterzukommen. Es gibt viele gute Adressen hier. Im Moment arbeite ich in einem gehobenen Restaurant hier gleich um die Ecke. Besonders über Mittag ist es sehr anstrengend. Am liebsten koche ich die Beilagen. Es hat eine grosse Firma in der Nähe und wir verkaufen jeden Mittag so 70 bis 80 Menüs. Abends kochen wir à la carte, aber nur Montag bis Freitag, weil die Besitzer beide Familie haben. Das ist perfekt für mich, denn so kann ich am Wochenende trotzdem feiern gehen. Normalerweise arbeitest du als Koch dann, wenn die anderen frei haben. Wenn ich dann nach Hause komme, bin ich aber meist zu müde, um etwas für mich selber zu kochen. Aber für Freunde koche ich ab und zu mal etwas richtig Gutes.»