Lars Gubler aus Uitikon bekam Zutritt zu einer exklusiven Runde. Nur einer von 8000 Bürgern darf im Zürcher Kantonsrat Einsitz nehmen. Und Gubler war 2007 mit 21 Jahren der Jüngste, dem dies je gelungen war. Eine grosse Polit-Karriere schien vorgezeichnet. Kantonsrat, Nationalrat, der erste grüne Bundesrat? Alles möglich. Doch nach drei Jahren im Rat trat Gubler zurück. In wenigen, knappen Zeitungsmeldungen erklärte er, dass er wegen seines neu angefangenen Kommunikations-Studiums an der ZHAW nicht mehr politisieren könne. Danach ward Gubler in den Medien nicht mehr gesehen.

Nun, fast 11 Jahre nach seiner Wahl, empfängt der mittlerweile 32-Jährige die Limmattaler Zeitung in einem Café in Zürich Oerlikon. Er ist immer noch jung und wirkt fit, trinkt Mineralwasser mit Kohlensäure. Gubler wohnt und arbeitet nur ein paar hundert Meter vom Lokal entfernt. Er verantwortet für die Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew (Selbsthilfeorganisation für eine chronische Rheumakrankheit) deren Zeitschrift und Kommunikation. «Es ist ein Treffer ins Schwarze für mich. Ich fühle mich komplett aufgehoben», sagt er über seine Arbeit.

1. August in Uitikon, Üdikerhuus, Üdiker-Huus, mit Kantonsrat Lars Gubler (GP) als Redner und der Harmonie Birmensdorf

2008 hielt er die 1.-August-Rede in Uitikon.

Das ist ihm viel wert. Denn lange wusste er nicht genau, was er im Leben will. Auch als er jeweils am Montag im Zürcher Rathaus sass. «Am Anfang fühlte ich mich im Kantonsrat schon ein bisschen verloren, aber mit der Zeit wuchs ich in die Rolle hinein», sagt er. «Natürlich wäre es irgendwie gegangen, das Studium und die Politik zu vereinbaren. Aber die Erfahrung hat mir auch gezeigt, dass ich nicht über längere Zeit Raubbau an meiner Gesundheit betreiben kann. Studium und Kantonsrat gleichzeitig wären einfach zu viel für mich gewesen.»

Der kurze Traum vom Schriftsteller

Gubler war glücklich, die richtige Studienrichtung gefunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits mehrere Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen. Auf dem Stimmzettel der Limmattaler Bevölkerung (Gubler konnte im ganzen Bezirk Dietikon gewählt werden) stand neben dem Namen Gubler «Jungautor und freischaffender Journalist» als Berufsbezeichnung. Er schrieb überzeugt literarische Texte und studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

«Das ist kein Thema mehr. Der Schriftsteller und der Politiker Gubler sind tot», sagt er heute mit einem Lächeln. «Ich war zwar überzeugt von meinen Träumen. Aber ich kann mich erinnern, dass ich innerlich gemerkt habe, dass es nicht das Richtige ist und es mich nicht glücklich machen wird. Das journalistische Schreiben lag mir schon damals mehr.»

Gubler zieht zu dieser Entwicklung heute ein positives Fazit: «Wichtig ist ja, dass man etwas daraus lernt. Ich kann heute besser auf mich und meine Wünsche hören. Ich habe mich gefunden.» Das habe wohl auch damit zu tun, dass er in dieser Zeit erwachsen geworden ist. «Ich kann mittlerweile auch Stopp sagen.» Das sei früher gerade als Milizpolitiker mit Parteiveranstaltungen und einer vollen Agenda schwierig gewesen.

Zu sehr in der Öffentlichkeit

Dass Gubler während dieses Prozesses in der Öffentlichkeit stand, machte es nicht leichter. Fernsehen, Radio und Zeitungen stürzten sich auf den jüngsten Kantonsrat aller Zeiten. «Das war mir eigentlich zu viel. Wenn man auch immer noch von Journalisten zu seinen Plänen befragt wird, ist das natürlich etwas ganz anderes, als wenn man diese nur mit dem eigenen Umfeld und sich selbst verhandeln muss», sagt er.

Elf Jahre danach, als diese Zeitung Gubler um ein Gespräch bat, war er sich zunächst nicht sicher, ob er nochmals öffentlich in Erscheinung treten will. Im Gespräch ist sein Auftreten vorsichtig. Gubler spricht druckreif und wägt trotzdem sehr genau ab, welches Wort er als nächstes wählt. Er wirkt sehr reflektiert, seine Sätze haben tieferen Sinn. «Mein Selbstanspruch ist sehr hoch. Ich habe mich damals oft gefragt, was es eigentlich heisst, ein guter Kantonsrat zu sein. Solche Fragen stelle ich mir häufig. Doch dafür interessiert sich das System herzlich wenig», sagt Gubler.

Im Kantonsrat müsse man kämpfen und «ellböglen» und sich nicht fragen, ob man gut genug ist. «Ich bin jemand, der andere Meinungen sehr schätzt. Vielleicht fast zu sehr. Das hat mich im Kantonsrat vor einen Widerspruch gestellt, weil dort geht es ja vor allem darum, seine eigene Meinung zu vertreten», sagt er. «Also musste ich diesen Teil von mir ablegen.»

Wenn Gubler auf seine politische Arbeit im Parlament zurückblickt, ergibt sich ein zwiespältiges Bild. Einerseits sei es eine «spannende und sehr lehrreiche» Zeit gewesen. Er habe zum Beispiel gelernt, wie man Festreden hält und mit Medienanfragen umgeht. Doch mit einer grossen Justizreform und einem Spitalneubau kann sich Gubler nicht brüsten. «Böse könnte man sagen, dass ich keine Rolle gespielt habe und überhaupt nicht entscheidend war», sagt er. «Aber welcher Politiker kann das wirklich von sich behaupten?» Ausserdem: «Ich fand und finde heute noch einen Teil des Ratsbetriebs etwas peinlich und altmodisch. Er spiegelt die Behäbigkeit, die in der Schweiz herrscht, stark wieder.»

Die politische Ader Gublers existiert auch nach seinem Rücktritt weiter. «Ich kann mich immer noch stark über Dinge aufregen», sagt er. Doch seine Positionen wurden – auch aufgrund des Alters – etwas differenzierter. Er sieht sich heute eher in der politischen Mitte. Und er sagt: «Manchmal juckt es mich schon, wieder ein politisches Amt zu übernehmen.».

Sein Rekord wurde gebrochen

Vor wenigen Wochen wurde Gublers Rekord als jüngster Kantonsrat aller Zeiten gebrochen: Die 20-jährige Hannah Pfalzgraf (SP) rückte in den Rat nach. Davor war es lange nicht gut bestellt um die Vertretung der Unter-25-Jährigen. Jüngstes Mitglied des Kantonsrates war in dieser Legislaturperiode bis dahin der 26-jährige Benjamin Fischer (SVP). Nur fünf der 180 Parlamentarier sind unter 30 Jahre alt. Mit seinem Rücktritt hat Gubler also auch dafür gesorgt, dass der Kantonsrat älter und unter Umständen, eben «altmodischer und behäbiger» wurde.

Dazu sagt er: «Ja, das ist tatsächlich ein guter Punkt. Aber es hätte der Allgemeinheit auch nichts gebracht, wenn ich damals die Chance nicht ergriffen hätte und nicht das studiert hätte, was richtig für mich war. Dann würde ich vielleicht noch heute herumdümpeln. Ausserdem gibt es ja zum Glück immer wieder Nachwuchs in der Politik, das finde ich sehr erfreulich.»

Arbeitslosigkeit vor dem Traumjob

Dass Gubler nicht «herumdümpelt», sondern das macht, was er machen will, hat damit zu tun, dass er sich vor etwa vier Jahren getraute, sich beim regionalen Arbeitsvermittlungszentrum als arbeitslos zu melden. Nach dem Studium nahm er verschiedene Stellen an, unter anderem in der Kommunikationsabteilung einer Grossbank und bei einer Versicherung. «Bei der Bank war ich nach einem Monat wieder weg, das hat überhaupt nicht gepasst», sagt er.

Als er dann ein Anschlussstudium anfing, bei dem er sich einredete, es sei genau das Richtige, traf er eine folgenreiche Entscheidung. «Ich hatte den Mut, mich zumindest neben dem Studium teilweise als arbeitslos zu melden», sagt Gubler. Zuvor war er davor immer zurückgeschreckt. Über diesen Weg hat sich dann vor drei Jahren sein jetziger Arbeitgeber gemeldet. «Es war wie beim ZHAW-Studium: Es hat sofort gepasst», sagt Gubler.

Jetzt bestreitet er für die Morbus-Bechterew-Vereinigung die Kommunikation und schreibt die Texte für deren Zeitschrift. Der Mix passt ihm. Er sagt: «Der Weg bis hierhin war steinig und hatte viele Umwege. Doch Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis. Heute stehe ich mit beiden Füssen auf dem Boden. Rückblickend bin ich stolz, dass ich in meinem Alter schon so viele Dinge gemacht habe.»