Zürich

Längere Schattenzeit: Hochhäuser sollen künftig näher an Nachbargebäude gebaut werden

Der Schattenwurf des Swissmill-Towers in Zürich sorgte in der Vergangenheit für viel Knatsch.

Der Schattenwurf des Swissmill-Towers in Zürich sorgte in der Vergangenheit für viel Knatsch.

Schattenwurf – beim Gedanken daran verfinstert sich bei manchen Bürgern die Miene schlagartig. Viele Grossprojekte im Kanton Zürich waren in den vergangenen Jahren besonders dort heftig umstritten, wo sie gebaut werden sollten. Das prominenteste Beispiel in der näheren Vergangenheit sind wohl die Pläne für das neue Fussballstadion in Zürich.

Nun legt der Regierungsrat dem Kantonsrat eine Vorlage mit Sprengkraft vor: Hochhäuser sollen an einem Wintertag künftig drei statt wie bisher nur zwei Stunden lang einen Schatten auf benachbarte Wohnhäuser werfen dürfen. Als Hochhaus gilt wie bis anhin ein Gebäude ab 25 Meter Höhe, was sieben bis acht Stockwerken entspricht. Dieser Wert stammt aus den 1970er-Jahren. Er richtet sich an der Höhe aus, die damals ein Löschtankwagen der Feuerwehr mit ausgefahrener Leiter erreichen konnte.

Auch die Regelung für die maximale Dauer eines Schattenwurfs ist gemäss einem Bericht der kantonalen Baudirektion auf die Gegebenheiten in den 1970er-Jahren zurückzuführen. Damals forderten Architekten mehr «Licht, Luft und Sonne» für städtische Siedlungen. Der Kanton führte deshalb die 2-Stunden-Regel ein. An einem mittleren Wintertag – ausschlaggebend waren der 3. November und der 8. Februar – durfte ein Hochhaus andere Wohnhäuser nicht länger als besagte zwei Stunden beschatten. Die Regel gilt nur für Hochhäuser. Den Schatten, den Regelbauten werfen, müssen Anwohner hingegen auch dann in Kauf nehmen, wenn das Wohnzimmer länger als zwei Stunden verdunkelt wird.

In Zug gelten bereits drei Stunden

Seit damals hat sich der Städtebau verändert. Verdichtung nach innen heisst das Stichwort, das der Regierungsrat nun auch bezogen auf Hochhäuser anwenden will. Die Rechnung ist einfach: Darf ein Hochhaus drei statt nur zwei Stunden einen Schatten auf ein benachbartes Wohnhaus werfen, kann es näher an dieses heran gebaut werden. Eine vergleichbare Regel kennt bereits der Kanton Zug. In den Kantonen Basel-Stadt, Aargau und Luzern gilt wie derzeit noch in Zürich die strengere 2-Stunden-Marke.

Die Lockerung der Bestimmung im Kanton Zürich hätte mehr Spielraum für die Architektur in den Städten und Gemeinden zufolge. Berechnungen anhand von Beispielen wie dem Bettenhaus des Zürcher Stadtspitals Triemli und dem Wintower in Winterthur zeigen, dass sich der durch den Schatten bedingte zulässige Abstand zu Nachbargebäuden deutlich verringern würde.

Hochhäuser sollten als Bauform ihren Beitrag zu Siedlungsentwicklung nach innen leisten, hält der Bericht der Baudirektion dazu fest. Und in einer Medienmitteilung schrieb sie gestern beschwichtigend: «Dadurch werden nicht wesentlich mehr oder grössere Hochhäuser möglich. Das Potenzial des Gebäudetyps kann jedoch besser ausgeschöpft werden.»

Konkret geht es darum, dass dank der neuen Regel mehrere Hochhäuser auf einer Parzelle besser angeordnet werden können. Aus städtebaulicher Sicht, argumentiert die Baudirektion gestützt auf Fachpersonen aus Architektur, Immobilienwirtschaft und weiteren Bereichen, sei es sinnvoll, Hochhäuser an einem Ort zu gruppieren. Dadurch würden sie als Ensemble im Stadtbild wahrgenommen. Zulässig sind sie aber weiterhin nur in bestimmten Gebieten, die ihnen die jeweiligen kommunalen Bau- und Zonenordnungen einräumen.

Gemeinden und Parteien sind dafür

In der Vernehmlassung stiess das Vorhaben auf breite Zustimmung – allerdings äusserten sich dazu in erster Linie Institutionen wie Planungsgruppen, Branchenverbände, Gemeinden und Parteien. Gemäss einer Auswertung der Vernehmlassung durch die Baudirektion sprachen sich fast alle für eine Lockerung der Schattenwurfregelung aus. Am skeptischsten waren noch die Gemeinden, von denen aber ebenfalls mehr als 80 Prozent dafür waren. Mehrere Städte – etwa Zürich, Winterthur, Uster und Wallisellen – sprachen sich bei dieser Gelegenheit auch dafür aus, die Hochhausgrenze von 25 auf 30 Meter anzuheben, was der Regierungsrat aber ­ablehnt.

Da sich die im Kantonsrat vertretenen Parteien positiv zur neuen Regelung äusserten, dürfte es bei der Beratung der Vorlage im Parlament keinen breiten Widerstand geben. Kritische Stimmen gibt es dennoch, etwa von der Wohnbaugenossenschaft Schweiz. Diese sieht unter anderem die Gefahr, dass die Lockerung der Regel die ­ablehnende Haltung gegenüber Hochhäusern bei vielen Menschen verstärken könnte.

Dass in der Bevölkerung zum Teil grosse Vorbehalte bestehen, zeigen auch jene zwei Stellungnahmen, die von Privatpersonen eingegangen sind. Sie sind ungleich kritischer als jene der Institutionen. Hochhäuser seien für die Verdichtung ungeeignet, sie würden die Sommerhitze in den Städten verstärken, sie seien psychisch belastend für die Bewohner und die Dauer des Schattenwurfs müsse auf eine Stunde pro Tag reduziert werden, lauteten die Kommentare.

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