Katrin Luchsinger hat Pionierarbeit geleistet: Sie erstellte in den letzten Jahren ein Inventar von Kunstwerken, die in psychiatrischen Kliniken der Schweiz um 1900 entstanden. Noch bis 19. Mai läuft dazu eine Ausstellung im Kunstmuseum Thun. Ergänzend findet am Freitag im Museum für Gestaltung in Zürich ein Symposium statt, organisiert von der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), wo Luchsinger unterrichtet. Katrin Luchsinger ist Dozentin für Kunstgeschichte der frühen Moderne und ästhetische Theorie an der ZHdK. Die 65-jährige Professorin hat Kunstgeschichte, Klinische Psychologie und Psychopathologie studiert.

Sie haben sich intensiv mit Werken von Patienten aus psychiatrischen Kliniken in der ganzen Schweiz befasst. Was sagen uns diese Werke aus der Psychiatrie um 1900 heute?

Katrin Luchsinger: Sie erzählen etwas über die Zeit und den Ort ihrer Entstehung; über die Kliniken und in diesem Sinne auch über die frühe Psychiatrie in der Schweiz. Und sie erzählen über die Interessen der Patienten, über ihre Lebenssituation – über Dinge, die viele Leute verstehen.

Zum Beispiel?

Einmal sind es zum Beispiel technische Entwicklungen aus jener Zeit, ein andermal jurassische Kochrezepte, die sich in Patientenwerken finden.

Ist das vor allem von (kunst-)historischem Interesse, oder sagen diese Werke auch etwas, das heute noch aktuell ist?

Vieles daran ist aktuell. Erstaunlich ist, dass Leute, die sich das Zeichnen und Schreiben oft selber beigebracht haben, so tiefgründige, differenzierte Werke schufen, bei denen man immer wieder etwas entdecken und lernen kann. In der Zeit um 1900 kamen die Leute aus psychiatrischen Kliniken meistens nicht mehr heraus.

Zeichnung von Gertrud Schwyzer (1896–1970), die 1920 eine Ausbildung an der Kunstakademie München begann. 1927 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau gebracht.

Zeichnung von Gertrud Schwyzer (1896–1970), die 1920 eine Ausbildung an der Kunstakademie München begann. 1927 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau gebracht.

Aus den Bildern spricht teils auch Entsetzen und Trauer darüber. Diese Leute waren ausgeschlossen und konnten das fast nicht akzeptieren. Das ist sehr aktuell, denn in der Gesellschaft gibt es immer Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen und von denen man nur wenig weiss. Die Bilder sind Stimmen, die davon erzählen – und vom Leben, das man in den psychiatrischen Kliniken führte.

Was war das für ein Leben?

In der Schweiz wurde in den 1910er und 20er-Jahren viel in die Entwicklung der Psychiatrie investiert. Aber das Leben der Patienten war vor allem Arbeit, unentschädigte, eintönige Arbeit. Hinzu kam ab und zu ein Gespräch mit dem Psychiater. Nebenbei zeichneten und schrieben manche Patienten. Es gab einige Psychiater, die fanden: Das sieht aus wie moderne Kunst.

Ist Kunst auch eine Form von Wahnsinn?

Nein. Aber weil es ja nun die Fotografie gab, mussten Künstler gar nicht mehr naturgetreu malen. Paul Klee etwa nahm sich alle Freiheiten, Träume und Vorstellungen zu malen, neue Gestaltungsmittel auszuprobieren. Fürs Kunstpublikum war das sehr ungewohnt – und ist es zum Teil immer noch.

Heute wird Kunst in der Psychiatrie auch als Therapieform verwendet. Wie kam das?

In der Schweiz fing das in den 1950er-Jahren an, und zwar bei kritischeren Psychiatern. Die Psychiatrie hatte sich damals stark in eine medizinische Richtung entwickelt: Man setzte vermehrt Medikamente ein, was auch heute zentral ist. Parallel dazu gab es kritische Stimmen, die fanden, man müsse auch verstehen, was die Patienten durchleben.

Gott und die Welt in einem Radieschen, gezeichnet von Ulrich Engler (1896–1951), aus der Sammlung von Hermann Rorschach.

Gott und die Welt in einem Radieschen, gezeichnet von Ulrich Engler (1896–1951), aus der Sammlung von Hermann Rorschach.

So wurde die Malerei in die Therapie eingeführt, um mit Patienten besser in Kontakt zu kommen. Ich habe selber einige Jahre in einer Klinik kunsttherapeutisch gearbeitet. Es war für manche Patienten schön, dass man im Atelier über «normale» Sachen reden konnte.

Was lässt sich bewirken mit Kunst als Therapie?

Kunst bedeutet immer, etwas zu formen, zu gestalten – und wenn es gelungen ist, merkt man das. Sprache, Musik, Tanz, Malen sind verschiedene Kanäle, mit denen jemand, der in sich eingeschlossen ist, etwas herauslassen kann. Wobei Kunst nie einfach Ausdruck einer Krankheit, sondern immer komplex und vielfältig ist. Und wenn Leute, die sonst fern von Kunst und Bildung sind, so etwas machen, ist es vielleicht genauso komplex. Denn dahinter steckt ein ganzes Leben.

Können künstlerische Werke von Psychiatriepatienten zum Verständnis psychischer Krankheiten beitragen?

Das glaube ich weniger. Man kann höchstens sehen, in was für einem Erregungszustand sich jemand beim Malen befand, zum Beispiel, ob er sehr aufgeregt war. Aber das trifft auf uns alle zu und hat nichts mit Krankheit zu tun. Schon die Definition, was überhaupt eine Krankheit ist, ändert sich in der Psychiatriegeschichte ja immer wieder.

Schiff mit Entenkopf, von Theodor K. (1875–1941), aus der Sammlung Königsfelden.

Schiff mit Entenkopf, von Theodor K. (1875–1941), aus der Sammlung Königsfelden.

Zum Beispiel gilt die Hysterie heute nicht mehr als Krankheitsbild. Früher waren auch viele Homosexuelle in der Anstalt. Nicht nur wegen ihrer Neigung, sondern weil ihnen deshalb immer wieder schlimme Dinge zugefügt wurden, etwa Erpressung. Heute sieht man das anders.

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Kunst in der Psychiatrie gekommen?

Aufgrund meiner Arbeit in der Klinik wusste ich, dass bemerkenswerte Werke entstehen. Dann habe ich Kunstgeschichte studiert. Man wusste, dass es in Königsfelden und Rheinau historische Sammlungen von Patientenwerken gab. In Königsfelden verstarb der Pfleger, der sich jahrelang darum gekümmert hatte – und in Rheinau wurde die alte Klinik leergeräumt. Dadurch stellte sich die Frage: Sollte man das bewahren – oder gehen diese Werke verloren? Als Kunsthistorikerin fand ich: Man sollte diese Werke bewahren und erforschen. So kamen drei Nationalfonds-Projekte zustande, um die Sammlungen schweizweit zu inventarisieren.

Welches Werk hat Sie besonders beeindruckt?

Zum Beispiel diese Radieschen-Zeichnung von Ulrich Engler: Er sagte, es sei ihm so passiert, dass er ein Radieschen aus dem Boden zog und dann sah, dass die ganze Welt und Jesus in diesem einen Radieschen steckte. Er hat Gott in einem Radieschen erfahren – und diese mystische Erfahrung dann detailliert auf ein dünnes, zerknülltes Packpapier gezeichnet. Das ist umwerfend. Sein Psychiater Hermann Rorschach bewahrte das Werk bis zu seinem Tod auf.