Selbstverteidigung
Kung Fu für das Hilfsprojekt: Wie eine junge Urdorferin nepalesischen Kindern Bildung ermöglicht

Die 23-jährige Urdorferin Jeanine Eberle hat einen Verein für Bildung von Strassenkindern in Nepal gegründet. Mit der Kampfkunst will sie Geduld und Selbstverteidigung lernen, um dort zu bestehen.

Ly Vuong
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Jeanine Eberle trainiert mit Lehrer und Schulleiter Marcello Ventre die Kampfkunst Wingtsun, die ein Stil des Kung Fus ist.

Jeanine Eberle trainiert mit Lehrer und Schulleiter Marcello Ventre die Kampfkunst Wingtsun, die ein Stil des Kung Fus ist.

Ly Vuong

Über die Anfänge der Kampfkunst Wingtsun, die ein Stil des Kung Fus ist, gibt es keine gesicherten Überlieferungen. Eine populäre Legende lautet: Im 17. Jahrhundert fürchtete der chinesische Kaiser Kangxi um seine Macht, weil die Shaolin-Mönche dank ihrer Kampfkunst im ganzen Land sehr berühmt wurden. Das Shaolin-Kloster im Süden sollte geschlossen und die Mönche getötet werden.

Die Shaolin-Nonne Ng Mui flüchtete nach Tai-Leung-Berg und traf dort per Zufall auf ein Mädchen namens Yim Wingtsun. Wingtsun floh aus ihrer Heimat vor einem Dorfschläger, der sie zur Heirat zwingen wollte. Die Nonne unterrichtete Wingtsun, damit sie sich vor dem Dorfschläger verteidigen konnte. Das Unterfangen verlief erfolgreich und Wingtsun besiegte den Dorfschläger. Die Kampfkunst wurde deshalb nach diesem Mädchen benannt, dessen Name Wingtsun «Ode an den Frühling» bedeutet.

Den Gegner abwehren

Die Kampfkunst übt bis heute eine grosse Faszination aus. Der Zufall wollte es, dass die 23-jährige Urdorferin Jeanine Eberle im März nach Tanzkursen in Urdorf suchte und auf die Wingtsun-Schule in Urdorf stiess. «Schon bei der ersten Probelektion fühlte ich mich sehr gut aufgenommen von der Gruppe», erinnert sich die Primarlehrerin.

«Mit einer eigenen kleinen Schule wollen wir etwas Licht in die Welt dieser Kinder bringen.»

Jeanine Eberle

«An unserer Wingtsun-Schule in Urdorf unterrichten wir in der Regel 10 bis 20 Schüler, darunter 20 Prozent Frauen», sagt Schulleiter Marcello Ventre. Seine Schule ist Teil der Europäische Wingtsun-Organisation, der weltweit grössten Selbstverteidigungsorganisation mit 50 000 Schülerinnen und Schülern an 900 Schulen. Auch Polizisten und Spezialeinheiten werden oft an Wingtsun-Schulen unterwiesen. Aus diesem Austausch heraus entwickelte die Europäische Wingtsun-Organisation die Selbstverteidigung weiter und passte sie der Zeit an. «Bei Wingtsun geht es darum, die Kraft des Angriffs umzuleiten. So kann man einen 100 Kilo schweren Gegner abwehren und besiegen», erklärt Ventre.

Für die Strassenkinder

Eberle hat in der Zwischenzeit ihre erste Wingtsun-Prüfung erfolgreich absolviert. Und sie hat grosse Pläne: Sie plant, in drei Jahren nach Nepal zu gehen, um dort eine Schule für Strassenkinder zu eröffnen. Sie will sich dort möglichst frei bewegen können. «Von Wingtsun lerne ich Selbstverteidigung, aber auch Geduld», sagt sie. Denn die Bewegungsabläufe und Reaktionsmöglichkeiten zu lernen, ist, was der Name Kung Fu übersetzt heisst: harte Arbeit. Harte Arbeit war auch ihre Bachelorarbeit an der Pädagogischen Hochschule, wo sie vor zwei Jahren das theoretische Rüstzeug für ihr Projekt erlernte und Nepal als Beispiel für Arbeit im interkulturellen Kontext wählte.

Letztes Jahr war Eberle für sechs Monate im nepalesischen Butwal bei der Familie ihres Freundes Amit Bidhyarthi. «Amit ist Sekundarlehrer. Ich lernte ihn bei einem Austauschsemester in Finnland kennen und verliebte mich sozusagen ein zweites Mal, als ich sah, wie geduldig und einfühlsam er mit traumatisierten Kindern umging.» Schon vor zwei Jahren hat sie mit Bidhyarthi den Verein «Sano Prakash», was auf Nepalesisch «Kleines Licht» heisst, gegründet. «Unsere Hilfsorganisation will Kindern in Butwal Bildung ermöglichen. Mit einer eigenen kleinen Schule für Strassenkinder wollen wir etwas Licht in die Welt dieser Kinder bringen», so Eberle, die über Grundkenntnisse in Nepalesisch verfügt.

Die Sprache habe sie sich selbst anhand von Lehrbüchern beigebracht, aber auch in Interaktion mit den Strassenkindern. Denn bereits bei ihrem letztjährigen Aufenthalt hat sie zehn obdachlose Buben in den Fächern Englisch, Sport, Musik und Zeichnen unterrichtet. Mädchen würden seltener obdachlos, weil sie eher als Hausmädchen eingestellt oder an Betriebe verkauft werden.

Partys sind etwas Neues

Es sei auch schon ein Skandal gewesen, dass sie als Unverheiratete bei der Familie ihres Freundes lebte. Doch die Mutter des Freundes war schon immer politisch aktiv, progressiv und feministisch, weshalb sich die Familie Gerede hinter ihrem Rücken gewohnt ist.

«In Nepal haben Frauen wenig zu sagen. Partys sind etwas Neues, und sie müssen spätestens um 22 Uhr zu Ende sein. Danach wird erwartet, dass sich alle nach Hause begeben. Vor allem für Frauen kann es gefährlich sein, sich spät abends oder nachts noch draussen aufzuhalten», sagt Eberle. Zweimal wurde sie von betrunkenen Männern angepöbelt. Erstens sind solche, die abends ausgehen, 90 Prozent Männer, und zweitens fällt Eberle als Europäerin besonders auf.

Rückständiges Schulsystem

Das Arm-Reich-Gefälle in Nepal ist gross. Überbleibsel des hinduistischen Kastensystems wirken weiter. Das nepalesische Schulsystem sei sehr rückständig, autoritär und setze körperliche Bestrafungen ein, so Eberle. Die Kindersuizidrate ist dort sehr hoch. «Unsere zukünftige Schule soll ein Klima von Wertschätzung und Unterstützung schaffen, das Selbstständigkeit und kritisches Denken fördert.»

Ihre Mutter sei dabei ihr Vorbild, sagt die Urdorferin. Sie sei immer für sie da gewesen und habe sie nach einem schwierigen Tag getröstet. Die Strassenkinder hätten niemanden, der sie nach einem schlechten Tag trösten könnte. In dieses kalte Klima wolle sie mit ihrer zukünftigen Schule etwas Wärme bringen. Eberle kann sich durchaus vorstellen, den Kindern ein bisschen Wingtsun beizubringen.

Und was schätzt sie an Nepal besonders? «Am besten gefällt mir, dass dort viel gesungen und getanzt wird», sagt Eberle, die bei der Harmonie Urdorf Querflöte spielt. Ihr Herz schlage stark für Musik und Tanz. Ventre weist sie darauf hin, dass es doch nicht so ein Zufall war, dass sie bei der Suche von Tanz auf Wingtsun kam. Schliesslich sagt man, dass gute Wingtsun-Kämpfer wie gute Tänzer seien.

Die Regeln der Selbstverteidigung

Jede Gefahrensituationen ist anders. Trotzdem hat die Europäische Wingtsun-Organisation ein Programm entwickelt, das auf Gefahrenmuster sensibilisiert und vorbereitet, wobei die gemeinsamen Nenner der Verteidigung «auf Bauchgefühl hören», «Grenzen setzen» und «Hilfe mit einbeziehen» lauten. Die Gefahren lassen sich nach demografischen Gruppen unterscheiden:

Männer sind oft in Ritualkämpfe und Pöbeleien verwickelt. Da sollten Sie mit Worten deeskalieren, bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt.

Frauen müssten die Frühwarnzeichen erkennen. Die Gefahren kommen meist aus dem näheren Umfeld im Privaten und bei der Arbeit.

Kinder lernen, Gefahren zu erkennen, wie etwa, was Erwachsene dürfen und was nicht, oder dass sie auf dem Schulweg in Gruppen gehen sollen. Auch gibt es Code-Wörter, welche die Kinder mit den Eltern definiert haben; nur wenn die Kinder die Code-Wörter hören, können sie Fremden trauen.