Uitikon

Künstlerin veröffentlicht neues Buch: Ihre helle Welt hat sich etwas verdüstert

Isabella von Seckendorff präsentiert die zweite Auflage des Buches. Auf der Schachtel rechts liegt die erste Version – ein Druck- und Kunstwerk.

Mit dem Buch «Teamwork: Mutter und Tochter!» endet für die Uitikerin Isabella von Seckendorff das längste Kapitel ihres Lebens.

«Wir sind keine Einzelgängerinnen», pflegten sie zu sagen. Das Mutter-Tochter-Duo Johanna Henggler und Isabella von Seckendorff ist seit dem 7. Dezember letzten Jahres unvollständig. Bis sich Henggler 94-jährig von der Weltbühne verabschiedete, verbrachten die Künstlerinnen ihr Leben fast ununterbrochen miteinander.

Das gemeinsam gestaltete Buch «Teamwork: Mutter und Tochter! 137 Fragen – 136 Antworten», das am Samstag in der Bibliothek Uitikon erstmals präsentiert wird, erlaubt private Einblicke in die ereignisreiche Biografie beider Frauen.

Über ein halbes Jahrhundert lebte das Duo in einer hellen Welt. Betritt man ihr Zuhause – eine bewohnbare Kunstinstallation in Uitikon – sind die Räume in Weiss getaucht. Die Beschichtung der Wände und Böden ähnelt Gips, doch die verwendeten Materialien heissen Marmorsand und geleimtes Katzenhaar. Der Blick richtet sich nach rechts und links, die Helligkeit wirkt entleerend im Raum. Hier ist nicht mehr Uitikon, sondern ein Universum für sich, gehüllt in einem weissen, hohlen Kokon.

«Wir haben Privates preisgegeben und offenbart, was die wenigsten wussten.»

Aus diesem Kokon kommt Isabella von Seckendorff, selbstverständlich in cremigem Weiss gekleidet. Hier hat sich die heute 66-Jährige mit ihrer Mutter seit 1968 weiterentwickelt. Aus der jungen Sinologie- und Kunstgeschichtsstudentin (Seckendorff) sowie aus der ehemaligen Ballerina (Henggler) wurden zwei Künstlerinnen, die sich vor Zäsuren nicht scheuten.

Seit sie 1991 fast das Gesamtarchiv ihrer Werke zugunsten eines Neubeginns vernichteten, gestalteten sie den Alltag in der bewohnbaren Kunstinstallation in Weiss. Kleidung, Lebensmittel – alles in hellen und dunkleren Weisstönen. «Weiss ist ein totaler Verzicht auf das, was man nicht benötigt. Dafür brauchten wir Jahre», sagte von Seckendorff einst in einem Interview. Akzente setzt sie nun durch ein goldenes Accessoire hie und da, oder durch rote Fingernägel.

Fotos von René Groebli

In den Händen hält von Seckendorff ein rechteckiges Buch: «Teamwork: Mutter und Tochter! 137 Fragen – 136 Antworten» ist die zweite Auflage eines im Jahr 1995 publizierten Werks. Die Essenz des Buchs – eine Art Fragebogen von verschiedenen Fragenden an das Duo – bleibt. Ursprünglich waren es 50 knappe Fragen und Antworten, ergänzt auf jeder Seite von einzelnen chinesischen Zeichen, die gemäss von Seckendorff eine fernöstliche Version der Geschichte von Max und Moritz erzählen.

Die Zahl der Fragen hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Dazu kommen 189 unveröffentlichten Bilder, alle vom Fotografen René Groebli bearbeitet. «Das neue Werk ist das Intimste und Unkonventionellste, das wir je kreiert haben», sagt von Seckendorff. «Wir haben Privates preisgegeben und offenbart, was die wenigsten wussten.»

Danke an die Mutter

Anfänglich wollte Henggler das Buch genau aus diesem Grund nicht veröffentlichen. Sie wurde von ihrer Tochter mit einem «wasserfesten Entschluss» überredet. Entstanden ist ein Werk, das einen gemeinsamen Werdegang mit allen Eigenarten der Damen detailreich illustriert.

Etwa, weshalb sie nie in die Ferien fahren oder ob sie ihr Gartengebäude direkt an die Grenze zum Nachbar bauen dürfen. «Die Bearbeitung des Buchs hatte einen lebensverlängernden Effekt», beobachtete von Seckendorff. Das entstandene Werk sei ein Dankeschön an Johanna Henggler für das Zusammenleben.

Nun ist es vier Monate her, seit von Seckendorff alleine wohnt. «Viele haben gesagt, ich würde in ein Loch fallen, wenn sie nicht mehr da wäre», sagt die Künstlerin. «Dieses Loch ist nicht entstanden. Ich musste für das neue Buch derart arbeiten, dass ich mir alles andere nicht leisten konnte.» Sie war zuständig für die verlegerische Arbeit des hauseigenen Verlags Art-Museum sowie für das Layout, worauf sie besonders stolz ist.

Doch früher oder später kommt das Gespräch zurück auf Johanna, wie von Seckendorff sie zu nennen pflegte. Unlängst nahm die Tochter die Mutter mit zu einem Ausflug. «Wir waren schon lange nicht mehr in Schaffhausen gewesen, in ihrer Heimat» sagt von Seckendorff. Auf dem Beifahrersitz lagen Erbschein und Todesbescheinigung, im Kofferraum die Urne.

Wie trennt man sich von einer Person, die die eigene Existenz in allen wichtigen Facetten so stärk geprägt hat? «Das ist für mich Neuland. Das wird sich in den nächsten paar Monaten entwickeln», sagt die Uitikerin. Die Zukunft ist ungewiss. Einzelne Werke, Möbel oder dekorativ Gegenstände könne sie verkaufen. Sogar das ganze Haus. «Ich weiss nicht, was passiert. Das finde ich aber spannend. Es ist für mich ein Neubeginn», sagt die Künstlerin in Weiss.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1