Im Atelier von Doris Bosshard riecht es nach frischer Farbe. Doch dieser Geruch rührt nicht nur von den zwölf Collagen her, die sie auf einem Tisch zum Trocknen ausgelegt hat, sondern auch vom Raum selber. Die Künstlerin hat ihr Atelier im Untergeschoss ihres Einfamilienhauses im Dietiker Weinberg-Quartier renoviert. Die Wände wurden neu verputzt und gestrichen, der Teppich wich einem Betonboden. Grund dafür war ein Wasserschaden im letzten Herbst. «So etwas kann passieren», sagt Bosshard. Ihr Haus sei schliesslich über 30 Jahre alt.

Wie sie beim Rundgang erzählt, habe das Wasser an ihren Bildern glücklicherweise keinen Schaden hinterlassen, von einigen gewellten Rändern abgesehen. «Das ist schnell behoben.» Während eines halben Jahres konnte sie nicht zu den Pinseln greifen. «Ich habe es vermisst», sagt Bosshard. Umso motivierter habe sie sich nach der Renovierung wieder an die Arbeit gemacht.

Seit 1979 lebt Bosshard, die in der Stadt Zürich aufgewachsen ist, in Dietikon – «eine Stadt mit einer wunderbar lebendigen Kunstszene». Seit 20 Jahren widmet sich die 66-Jährige mit Leidenschaft der abstrakten, expressiven Malerei. Acryl kombiniert sie mit Bitumen, Tusche, Kohle, Kreide und Pigmenten – und mit bestehenden Elementen. Auf einem Regal bewahrt Bosshard in fein säuberlich beschrifteten Pappkartons Schnipsel von Plakaten, von Zeitungen, Büchern und Fahrplänen auf. «Abfälle», gibt sie zu. Dann präzisiert sie mit einem Schmunzeln: «Schöne Abfälle.» Denn ein 70 Jahre alter Pariser Zugfahrplan mag genau jene sandgelbe Tönung haben, die sie für ein Bild vorsieht.

Derzeit verwendet sie vor allem Naturtöne

Früher hat Bosshard viel mit Rot gemalt. Doch diese «Phase» sei vorüber, sagt sie. Genauso habe sie ihre Angewohnheit abgelegt, während der Arbeit «Power-Musik» zu hören. Tom Waits und dergleichen. Heute malt sie am liebsten bei völliger Ruhe. Ihr Stil hat sich zu einem «reduzierten Stil» gewandelt. Das heisst, sie verwendet vor allem Naturtöne. Braun, Beige und Weiss.

Energiegeladen und kraftvoll seien die Bilder, die so entstehen, sagt Bosshard. Und alle seien sie Ausdruck von ihrer Persönlichkeit: «Ich bin schon nicht eine, die tagelang ruhig sitzen kann. Ich bin eine Macherin.» Am liebsten malt sie in den frühen Morgenstunden. Dabei verliert sie jegliches Zeitgefühl: «Ich lasse mich beim Malen gerne treiben.» Und wenn sie mal Abstand von ihrer Arbeit braucht, bekommt sie in der Natur ihren Kopf wieder frei. Beim Wandern im Bündnerland, beim Spazieren am Franzosenweiher oder beim Arbeiten im Garten. Oder dann bei einem Ausflug mit ihren fünf Enkeln.

In einem der Kurse, die Bosshard an Akademien im In- und Ausland besuchte, begegnete sie einem österreichischen Künstler, an dessen Credo, mehrheitlich grosse Pinsel zu verwenden, sie bis heute festhält. Breit wie Handteller sind Bosshards grösste Pinsel, die kleinsten kaum grösser als eine Fingerbeere. So malt sie gerne grosszügig, auf meterlangen Leinwänden. Das Problem: Je grösser die Bilder, desto knapper wird der Platz. Ein Bild etwa liegt auf dem Boden, eine Auftragsarbeit. «Da muss noch der Finish drauf», sagt Bosshard und steigt vorsichtig über die 50 Zentimeter breite Leinwand. Das Bild ist 2,4 Meter lang – so lang, dass Bosshard es in ihrem Atelier nicht aufstellen kann.

Sie weiss, wo ihre Bilder aufgehängt sind

Sich aber ihrer älteren Bilder zu entledigen – damit tut sich Bosshard schwer. «Das können dann meine Nachkommen machen.» Auch gebe es Bilder, von denen sie sich bisher für keinen Preis trennen konnte. Zum Beispiel jenes, das sie am Eingang ihres Ateliers aufgehängt hat: Ein Hingucker aus wildem Rot und Orange, doch hängen bleibt der Blick beim Musical-Plakat, das Bosshard ins Bild eingearbeitet hat. Mamma Mia – was sonst. «Das war eben unsere Zeit», sagt Bosshard in einem Anflug von Nostalgie.

Von fast allen Bildern, die Bosshard verkauft hat, gibt sie an zu wissen, wo diese zurzeit aufgehängt sind. Viele hängen im Limmattal. «Ich finde es immer interessant zu sehen, wie die Käufer meine Bilder in ihren vier Wänden kombinieren», sagt die gelernte Innendekorateurin. Muss denn ein Bild zur Einrichtung passen? Keineswegs, findet Bosshard. «Ein Bild ist ein Bild, es ist etwas Eigenes.»

Auch im eigenen Haus hat Bosshard ihre Bilder aufgehängt – und lässt sie oft von Zimmer zu Zimmer wandern. An der Wand zwischen Wohn- und Esszimmer hängt jedes Bild, das beinahe fertig ist, einmal. An jener Wand nämlich geht Bosshard am häufigsten vorbei. Und je nachdem nimmt sie das Bild wieder mit in den Keller und arbeitet erneut daran. Sie schleift, kratzt, übermalt und überklebt. Schicht um Schicht. Bis sie zufrieden ist. «Wenn ich eine Idee habe, kann ich in Trainerhosen ins Atelier runtersteigen und sogleich mit Ausprobieren beginnen.» Das sei das Schönste an einem Atelier im eigenen Haus. Obwohl, zurzeit sei ihr frisch renoviertes Atelier noch «etwas zu schön», sagt Bosshard und lacht. «Erst wenn der Boden voll Farbe ist, ist es wieder ein richtiges Atelier.»