Dietikon

Krisenstimmung im Zentrum: So sehr leiden die Ladenbesitzer wegen der Limmattalbahn-Baustelle

Der Bau der Limmattalbahn im Dietiker Zentrum stellt das Gewerbe auf eine harte Probe. Weil die Kunden ausbleiben, will Pascal Bättig sein Reformhaus Libergy schliessen und Wirt Pablo Mariño sein Restaurant El Pablo am Mittag nicht mehr öffnen.

Fassungslos stehen zwei Kunden vor dem Reformhaus Libergy an der Zentralstrasse in Dietikon. Pascal Bättig hat ihnen eben gesagt, dass er sein Geschäft auf Ende Oktober schliesst. «Für viele ist es ein Schock. Einige Kunden haben sogar geweint», sagt Bättig, der selbst den Tränen nah ist. Vor zwei Wochen hat der 29-Jährige sich dazu entschieden, seinen Laden aufzugeben. «Es ist schade und macht mich traurig», sagt Bättig. In den vier Jahren habe er sich etwas aufgebaut und sich in der Stadt etabliert. «Meine Kunden stammen nicht nur aus der Region, sondern kommen aus der ganzen Schweiz.»

Doch seit dem Baustart der zweiten Etappe der Limmattalbahn Anfang September machen viele von ihnen einen grossen Bogen um Dietikon. «Meine Stammkunden haben wegen den Einschränkungen und dem Einbahnverkehr keine Lust und Geduld, in die Stadt zu fahren», sagt Bättig. Bereits eine Woche nach Baubeginn stellte er einen Umsatzrückgang von 50 Prozent fest. Dieser Umstand hat nach vier Jahren harter Arbeit ohne Ferien das Fass zum Überlaufen gebracht. «Ich bin am Anschlag und habe keine Energie, mich gegen diese Baustelle zu behaupten», sagt Bättig. Seiner Gesundheit zuliebe müsse er die Notbremse ziehen. «Ich habe Angst, dass ich sonst ein Burn-out erleide.»

Einen Nachmieter hat der Dietiker bereits gefunden, sagte er Anfang Woche. Das Reformhaus soll einem türkischen Supermarkt Platz machen. Am 1. Dezember soll das Geschäft eröffnen. Mit dem Ende von «Libergy» in Dietikon verliere die Stadt einiges, findet Bättig. «Es braucht eine gute Durchmischung und nicht nur Discount-Geschäfte.» Dass nur Läden im unteren Preissegment überlebten, sei schade. «Dietikon hätte so viel Potenzial. Hier könnte eine Einkaufsmeile entstehen, die Leute in die Stadt lockt. Doch man hat nur an die Limmattalbahn gedacht», sagt Bättig und zeigt auf die Zentralstrasse, die mit Baustellenabschrankungen vollgestellt ist.

Energie tanken und in einem Jahr durchstarten

Ganz aufhören wird der Unternehmer aber nicht. «Meinen Online-Shop werde ich weiterbetreiben.» Bättigs Ziel ist es, Energie zu tanken, sich zu erholen und in einem Jahr wieder durchzustarten. «Ich werde ein Lokal in Zürich suchen. Dort werde ich es mit meinen Lifestyle-Ernährungsprodukten bestimmt einfacher haben.» Seinen Lehrling will er weiter ausbilden. «Er hat gerade seine Detailhandelslehre begonnen. Ich kläre derzeit ab, ob er eine Ausbildung zum Logistiker machen und für den Online-Shop arbeiten kann.»

Doch ist das Ende von «Libergy» tatsächlich besiegelt? Die Stadt hat interveniert, wie im Verlauf der Woche bekannt wurde. Sie setzt sich dafür ein, dass das Reformhaus weitergeführt wird. «Wir versuchen, bei der Immobilienverwalterin eine Mietzinsreduktion zu erwirken», verrät der Dietiker Standortförderer Adrian Ebenberger. Zudem bemühe man sich, über eine Social-Media-Kampagne selbstständige Unternehmer aus dem Bereich der biologischen Ernährung zu finden, um im Lokal ein Shop-in-Shop-Konzept zu realisieren. So könnte Bättig die Ladenfläche mit anderen Unternehmern teilen. «Das würde ihm den Druck nehmen und es könnte ein neues Ladenkonzept in Dietikon entstehen», sagt Ebenberger. Bättig freut sich über das Engagement der Stadt. «Diese Solidarität ist sehr schön.» Und auch sonst erhalte er Hilfeangebote. «Es sind Kunden zu mir gekommen, die mich ein paar Wochen im Laden vertreten würden, damit ich in die Ferien gehen kann.» Eine Rettung des Ladens ist also nicht ausgeschlossen. Doch Bättig bleibt realistisch: «Die Zeit ist knapp.»

Vis-à-vis des Reformhauses sitzen ein paar ältere Damen auf der Terrasse des Migros-Restaurants im Löwenzentrum. Auch der Detailhändler hat mit der Baustelle zu kämpfen. «Die laufenden Bauarbeiten haben Einfluss auf die Kundenfrequenz», bestätigt Francesco Laratta, Mediensprecher der Genossenschaft Migros Zürich. Diese sei um bis zu zehn Prozent tiefer als gewöhnlich, weil das Center durch die Bautätigkeit schwieriger erreichbar sei. Entsprechend sei auch der Umsatz gesunken. «Die neue Verkehrssituation bereitet den Kunden Mühe. Manche weichen auf die Einkaufszentren in Spreitenbach oder Schlieren aus», sagt Laratta. Die aktuelle Situation sei eine Herausforderung. «Glücklicherweise können wir sowohl im Supermarkt als auch im Restaurant auf die Treue unzähliger Kundinnen und Kunden zählen.»

Für Thomas Tiefenbacher, CEO der Schuhhaus Tiefenbacher AG und Vorstandsmitglied des Dietiker Industrie- und Handelsvereins, ist es nach gut sechs Wochen Baustelle zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Die Zentralverwaltung und eine von 27 Schuh-Filialen befinden sich am Kirchplatz an der künftigen Limmattalbahnstrecke. Einen Rückgang des Umsatzes könne er bisher noch nicht festmachen. «So dramatisch wie an der Badenerstrasse, wo das Trottoir fehlt, ist es bei uns glücklicherweise nicht. Die Kunden können uns im Zentrum mit dem Zug, Bus oder zu Fuss gut erreichen», sagt Tiefenbacher. Auch der Verkehr laufe trotz Einbahn-Grosskreisel erstaunlich flüssig. «Ich bin überrascht, wie gut es funktioniert. Man muss zwar einen Umweg machen, kann das Zentrum aber problemlos erreichen und findet auch Parkplätze.»

Verkehrssituation nicht dramatisieren

Ähnlich sieht es Elio Frapolli vom Hotel und Restaurant Sommerau-Ticino. «Die Verkehrssituation sollte nicht dramatisiert werden. Wichtig ist, dass Parkplätze, Fahrwege und Zufahrten gut ausgeschildert und auch garantiert sind.» Diesbezüglich gebe es Verbesserungspotenzial. So sehe man die Anzeigetafel des Aldi-Parkhauses erst, wenn man schon fast daran vorbeigefahren sei. «Das ist mühsam, weil man aufgrund des Einbahnverkehrs wieder um das ganze Quartier fahren muss.»

Frapolli führt den Familienbetrieb an der Zürcherstrasse in vierter Generation. Bisher mache sich die Baustelle noch nicht dramatisch in den Umsatzzahlen bemerkbar. «Doch wenn der Abschnitt der Zürcherstrasse an die Reihe kommt, werden auch wir vermehrt Probleme haben.» Dabei denkt Frapolli weniger an den Verkehr, sondern viel mehr an den Lärm. «Vor allem für unsere Hotelgäste und Seminarbesucher könnte dieser störend sein.» Dass viele Leute das Zentrum derzeit meiden würden, liege nicht wirklich an der Baustelle. «Es hat eher psychologische Gründe. Man nimmt an, dass in Dietikon nun alles verbaut ist und es kein Durchkommen mehr gibt. Das stimmt aber nicht.» Um Abhilfe zu schaffen, hat Frapolli seinen Kunden Flyer mit einem Übersichtsplan des Zentrums zukommen lassen. «Man muss innovativ sein und gut informieren. Wir müssen positiv bleiben und intensiv Gästepflege betreiben, damit wir die zwei bis drei schwierigen Jahre überstehen können.»

Leid tun würden ihm als Präsident der Vereinigung Zentrum Dietikon alle Gastronomen und Ladenbesitzer an der Badener- und Zentralstrasse. Dort sei die Situation momentan viel prekärer. «Vor allem Geschäfte, die davor schon Schwierigkeiten hatten, stossen an ihr Limit.» Diese müssten von der Stadt und der Limmattalbahn AG Hilfe erhalten. Das Ziel müsse sein, die Bauarbeiten dort möglichst schnell über die Bühne zu bringen und vorzu über die Zugänglichkeit zu informieren, damit sich die Verluste in Grenzen halten.

«Sogar das Trottoir haben sie uns weggenommen»

Darauf hofft auch Pablo Mariño, Inhaber des mexikanischen Restaurants El Pablo. Vor seinem Lokal an der Badenerstrasse verläuft die Baustelle wie eine tiefe Wunde durch den Asphalt. «Seit vergangenem Montag öffne ich das Restaurant am Mittag nicht mehr», sagt der 45-Jährige. Das Mittagsgeschäft sei seit Baubeginn um 50 Prozent eingebrochen. Er könne es sich nicht leisten, das Restaurant nur für so wenig Gäste aufzumachen. «Meine Mitarbeiter muss ich trotzdem bezahlen und die Lebensmittel müssen frisch zubereitet sein, egal wie wenig Kundschaft wir haben», sagt Mariño. Dieser Schritt tue ihm weh. «Wenn der Service oder das Essen schlecht wären, hätte ich Verständnis. Doch wir können nichts dafür.»

Ein Problem für seine Gäste sei der Zeitverlust. «Viele arbeiten in Urdorf, Spreitenbach oder Schlieren. Sie haben wenig Zeit über den Mittag und wollen einfach schnell essen. Doch mit der Baustelle geht alles länger.» Viele seien zudem überfordert von der neuen Verkehrsführung. «Sie finden die Parkplätze nicht mehr oder haben das Gefühl, dass wir gar nicht offen haben», sagt Mariño und blickt aus dem Fenster seines Restaurants. «Sogar das Trottoir haben sie uns weggenommen. Es ist einfach grausam.» Das «El Pablo» lebe auch von Neukunden, doch die würden die Baustelle meiden.

Verteufeln will der gebürtige Bolivianer die Limmattalbahn aber nicht. «Sie bringt viele Vorteile. Gleich neben dem Restaurant entsteht eine Haltestelle. Die Herausforderung liegt nun darin, die Zeit bis zur Fertigstellung zu überbrücken.» Mariño, der seit über 20 Jahren in der Gastronomie arbeitet und sich 2015 mit dem «El Pablo» den Traum eines eigenen Restaurants erfüllt hat, setzt nun auf den Abend. «Dann haben die Gäste mehr Zeit. Ich hoffe, dass wir es so schaffen.»

Er habe viel Geld und Zeit in das Lokal investiert und sich in Dietikon einen Namen gemacht. «Ich will nicht woanders hin und wieder neu anfangen», sagt er. Deshalb auch die drastische Massnahme über den Mittag zu schliessen. Um seinen Stammgästen entgegenzukommen, plant der Wirt ab November an einem Tag pro Woche mittags wieder zu öffnen. Und auch sonst hegt er Pläne. «Ich möchte Integrationsprojekte für Flüchtlinge und Migranten durchführen und ihnen die Chance geben, Erfahrung in der Gastronomie zu sammeln», sagt Mariño. Doch dieses Vorhaben könne er erst anpacken, wenn er die Zeit der Limmattalbahn-Baustelle unversehrt überstanden habe.

Autor

Sibylle Egloff

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