Triemli

Krisenbegleiter Ernst Labhart: «Nach einer Nacht im Spital spüre ich das Leben intensiver»

Ernst Labhart ist zwei Mal im Monat als Krisenbegleiter am Triemli-Spital.

Ernst Labhart ist zwei Mal im Monat als Krisenbegleiter am Triemli-Spital.

Rund 40 Freiwillige verbringen zwei Mal im Monat die Nacht bei ängstlichen oder unruhigen Patienten im Stadtspital Triemli. Der Rentner Ernst Labhart ist einer davon. Die Einsätze fordert dem 68-Jährigen dabei viel ab.

Endhaltestelle Triemli. Die Passagiere strömen aus dem 14er-Tram. Einige laufen zum Stadtspital hoch. Es dämmert. In der Cafeteria herrscht Betrieb. Zeit für den Morgenkaffee. Während um diese Zeit die meisten Menschen zur Arbeit gehen, fährt Ernst Labhart meist in die entgegengesetzte Richtung nach Hause. Der 68-jährige pensionierte Sekundarschullehrer ist Krisenbegleiter am Triemlispital. Seit zweieinhalb Jahren unterstützt er freiwillig und gemeinsam mit dem Pflegepersonal schwerkranke, ängstliche oder unruhige Patientinnen und Patienten, indem er die Nacht bei ihnen verbringt.

«Wie eine Krisenbegleitung abläuft, entscheidet der Patient», sagt Labhart. Er hat eine ruhige Stimme, zwei wachsame Augen sind hinter den Gläsern seiner silbernen Brille erkennbar. Labhart reisst dem Grittibänz ein Bein ab. Er hält inne. Dann sagt er: «Meist beginnen die Patienten von alleine zu reden. Erzählen, was sie beschäftigt. Oft höre ich Lebensgeschichten. Manchmal schlafen sie auch während dem Gespräch ein.» Labhart schaut in die Ferne. Dann erzählt er weiter: Als Jugendlicher habe er am Sonntagmorgen freiwillig Patienten in ihren Betten zum Gottesdienst gefahren. «Die Begegnung mit einer Patientin, deren Bett nach einigen Wochen einfach leer war, war meine erste bewusste Begegnung mit der Endlichkeit des Lebens.»

Etwas zurückgeben

Labhart ist ein Helfer im Herzen. Er war lange Zeit in der Feuerwehr. Als er in Rente ging, hat er sich für die Krisenbegleitung im Triemli-Spital gemeldet. «Durch ein Inserat bin ich darauf aufmerksam geworden», sagt er. Daneben unterrichtet er Deutsch für Asylsuchende. Montags kümmert er sich um seine Enkelin. Dann arbeitet er noch als Verkäufer in einem Claro-Laden und unterstützt eine Care-Organisation. Der in Maur wohnhafte Pensionär sei zudem der einzige sozialistische Religionslehrer, den die städtische Alternative Liste zu bieten habe. Er lacht über seinen Spruch. «Als Vertreter der goldenen Generation kann ich doch der Gesellschaft etwas zurückgeben», fährt er fort und reisst das zweite Grittibänz-Bein ab.

Zurückgeben heisst für Labhart anwesend zu sein, den Patienten nachts Geborgenheit und Erleichterung zu spenden. Das tut er zwei Mal im Monat von halb zehn Uhr abends bis morgens um fünf Uhr dreissig. Am Nachmittag erfahre er jeweils von der Krisenbegleitungsstelle, ob er in der Nacht des kommenden Tages gebraucht werde. In der letzten Nacht war dies beispielsweise nicht der Fall. «Dafür habe ich einen freien Tag gewonnen», sagt er zufrieden. Nach nächtlichen Einsätzen habe er erst ab dem Nachmittag wieder ein Programm. «Ich muss mich von den Nächten im Spital erholen. Ich stelle mir regelmässig die Frage, wie lange ich das wohl körperlich schaffe», sagt er. Jeder einzelne Einsatz sei aufs Neue eine Herausforderung. Zur Vorbereitung habe er kein Ritual.

Wenn er abends im Spital eintreffe, lese er zuerst den Rapport des letzten Krisenbegleiters durch, gehe auf die Station und lasse sich vom Pflegepersonal ausführlich über den Patienten informieren. «Je mehr ich weiss, desto besser kann ich auf den Menschen eingehen», sagt Labhart. Krisenbegleiter unterstehen wie das Pflege- und Ärztepersonal der Schweigepflicht. Ihnen gegenüber äussert Labhart seine Bewunderung. Mehrmals sagt er: «Die haben keinen einfachen Job. Die Patienten fordern viel. Es ist ein schwieriges Umfeld – man kommt ja nicht ins Spital, weil es einem gut geht», sagt er. Das körperliche und psychische Leid lägen hier nah beieinander. Sein Blick schweift in die Ferne.

Reden hilft

Auch Krisenbegleiter müssen auf sich achten. «Wir tauschen uns regelmässig untereinander aus, reden über das Erlebte mit den Patienten. Auch mit der Seelsorge des Triemli-Spitals stehen wir in engem Kontakt», sagt Labhart. Dabei senkt er die Hand, die mittlerweile einen Teil des Grittibänz-Bauchs hält. Dann beginnt er von seinem, wie er sagt, «prägendsten Erlebnis» zu erzählen.

Es sei nicht nur seine erste Nacht als Krisenbegleiter gewesen, sondern auch seine erste Nacht, in der ein Patient verstorben sei. «Wir haben zusammen geredet. Gegen ein Uhr nachts habe ich dann eine Pause gemacht. Als ich zurückkam, hatte der Sterbeprozess begonnen», sagt Labhart. Er stockt. Es sei eine lange Nacht geworden. «Ich hoffte bis zum Morgen, dass er vor Ende meiner Schicht den Übergang in den Tod schafft», sagt Labhart schulterzuckend. Er habe ihn dabei einfach nicht alleine lassen wollen.

Da sitzen und zuhören: Krisenbegleiter geben den Patienten nachts Geborgenheit und spenden Erleichterung.

Da sitzen und zuhören: Krisenbegleiter geben den Patienten nachts Geborgenheit und spenden Erleichterung.

Labhart selber konnte nach dieser Nacht auch nicht alleine sein. «Ich bin aus dem Spital raus und habe einen Patienten, der auf der Parkbank sass, um eine Zigarette gebeten», sagt er. Sie seien ins Gespräch gekommen. Jeder hat seine Geschichte erzählt: Der Patient von seinem Leiden. Labhart von seiner Nacht. «Wir haben eigentlich aneinander vorbeigeredet und uns dennoch verstanden», sagt Labhart schmunzelnd.

Reden sei wichtig. «Als Krisenbegleiter muss man betroffen sein, sonst ist man ja ein emotionaler Eisblock», sagt der Pensionär. Die Frage sei nur, wie lange einem die Erlebnisse beschäftigen. Diesbezüglich werde man in der einwöchigen Ausbildung zum Krisenbegleiter geschult. «Denkt man Tage später noch darüber nach, träumt man gar davon oder findet keinen Schlaf, dann sollte man Hilfe suchen», so Labhart. Zwei Tage nach seiner ersten Nacht als Krisenbegleiter habe er sich mit der Seelsorge ausgetauscht. Das sei gut gewesen.

Das Gefühl stimmt

Und solange er die Nähe zu den Patienten und ihren Lebensgeschichten aushalte und mit einem guten Bauchgefühl nach Hause gehe, solange will Labhart weiterhin nachts den Menschen zur Seite sitzen. «Es beruhigt die Patienten, dass jemand nur für sie da ist. Oft reicht das auch schon», sagt Labhart. Seine Familie würde ihn für seine Arbeit bewundern. Was er aber nicht verstehe. «Ich kann für andere da sein. Wieder andere können gut kochen», sagt Labhart kopfschüttelnd. «Ich kann zwar auch kochen, man kann es einfach nicht essen», beendet er den etwas ungewöhnlichen Vergleich.

Beim Verlassen der Cafeteria schiebt sich Labhart das letzte Stück des Grittibänzen in den Mund und verlangsamt seinen Schritt. «Ich war um diese Uhrzeit noch nie im Spital.» Draussen scheint die Sonne. Zwar hat Labhart kein Ritual im Vorfeld einer Krisenbegleitung, dafür aber eines auf dem Nachhauseweg. Er nehme das Tram bis zum Stadelhofen. Dort trinke er einen Kaffee. «Nach einer Nacht im Spital schaue ich mir die Welt und die Menschen viel genauer an. Ich bin dann irgendwie aufmerksamer und spüre das Leben intensiver», so Labhart. Danach steige er in die Forchbahn, die ihn nach Hause bringe.

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