Man trifft Mike Mateescu im «Café de Bonheur». Hier am Bullingerplatz, mit Blick auf die vier Hardau-Türme, den ikonischen Wohnklötzen aus den 1960er-Jahren, eröffnet sein neuster Krimi, «Der König von Wiedikon». Wie seine beiden Vorgänger spielt auch dieser ausschliesslich in Zürich und dreht sich um die Privatdetektivin Enitta Carigiet. Sie hat sich in diesem Café nahe ihrer Wohnung an der Sihlfeldstrasse 122 mit einer Schauspielerin verabredet, die Carigiet in einem Film über ihr Leben verkörpern soll. Und herein zur Tür kommt — ein Mann.

Es bleibt nicht die einzige Überraschung im Buch. Hans-Ueli «Hukki» Zünd, ein führender Eventmanager und selbst ernannter König von Wiedikon — schwierig, aber auch populär und umtriebig — wird auf dem besetzten Scheuermatt-Areal in Altstetten (das fiktive Koch-Areal) umgebracht. Die Ermittlungen bringen «Enitta», wie sie ihr Erfinder beim Vornamen nennt, als wäre sie eine gute Freundin, schliesslich auf die Fährte ihrer verschollenen Schwester.

Subkulturen stehen im Zentrum

«Subkulturen interessieren mich», sagt Mateescu, deshalb habe er auch die Besetzerszene ins Zentrum seines dritten Krimis gestellt. Ebenso das Spiel mit den Geschlechterrollen — im Buch am Beispiel des Mannes, der im Film mittels einer Perücke die Ermittlerin darstellen soll, «weil Männer Frauen besser verstehen», wie «Tootsie» beweise. Eine andere Subkultur seien die «Self Unemployed», die ihren Brotjob an den Nagel gehängt hätten und nur noch täten, was sie mögen. «Die Mehrheit der Menschen geht ja einem Bürojob nach, am Morgen früh sieht man sie mit ihren Kaffeebechern an den Gleisen stehen.» Die «Self Unemployed» aber leben «ausserhalb der gängigen Ökonomie», zu denen sich auch Mateescu zählt, verwirklichten sich selbst. In seinem Fall als Kaufmann, Werbetexter, Velomechaniker. Deshalb brauche er keine Hobbys. Als Schreiber holt er sich verschiedene Aufträge auch über sein Netzwerk beim Online-Magazin Tsüri.ch ein, für welches er regelmässig bloggt. Natürlich über Zürich, «was ich die ganze Nacht lang machen könnte».

Bei all seiner Schwärmerei für die Stadt ist Mateescu aber auch kritisch. «Zürich ist eine sehr sichere Stadt, man kann zu jeder Tages- oder Nachtzeit durch jedes Quartier laufen und es passiert einem nichts. Strom und Wasser funktionieren immer und Hilfe bekommt man, wenn man sie nötig hat.» Diese Sicherheit mache die Zürcher jedoch «abgeklärt», und verunsichere sie. Denn, fehlten die echten Sorgen, so bleibe einem genügend Zeit, sich Gedanken über den eigenen Status zu machen. «Gehöre ich dazu oder nicht?», diese Frage umtreibe die Zürcherinnen und Zürcher.

«Ich bin aus guter Wohnung»

Kommt dazu, dass in Zürich «alle wie 25 aussehen, immer und überall.» Dieser Druck, jung und dynamisch sein zu müssen, könne ebenfalls verunsichern. Deshalb verstecke man sich gern hinter Uniformen, wie Mateescu das Phänomen in seinem Tsüri-Blog treffend beschreibt: «Weisse Turnschuhe, grüne Parka, Jutetasche: So prägen die Kreativen das Stadtbild.»

Und Mateescu selbst? Zürich ist für ihn eine kleine Stadt. Nirgendwo anders aber will der gebürtige Dietiker lieber leben. Genauso wie die Hauptfigur seiner Krimis, die 25-jährige Carigiet, die ursprünglich aus Chur stammt, es aber noch extremer hält als Mateescu: Sie würde keinen Fuss mehr ausserhalb der Stadtgrenze setzen. Ihre schlimmste Vorstellung ist es, dass Felix, ihr Freund, sie eines Tages mit in die Agglomeration nehmen will.

Mateescu beschreibt seine Herkunft zwar lieber mit: «Ich bin aus guter Wohnung». Er steht aber dazu, dass er aus Dietikon kommt. «Es ist auch keine Schande», sagt er, kann es sich dann aber nicht verkneifen, anzufügen: «Wenn man einmal raus gekommen ist.» Aufgewachsen sei er sehr idyllisch, in einem Mehrfamilienhaus nahe des Stadthauses, mit Blick auf die grüne Wiese, die es heute nicht mehr gibt. Für Junge habe es ausser der «Zeus-Bar» aber nichts gegeben, in den Ausgang sei man schon früh nach Zürich gegangen. Schliesslich verlagerte sich sein ganzes Sozialleben in die Stadt. Vor sechs Jahren zog der 39-Jährige dann endgültig weg, nach Wiedikon, «das zentral und grün ist».

Halb Vampir, halb Stadtzürcher

Eine Herkunft aber bildet noch einen blinden Fleck im Erfahrungshorizont des Autoren: Sein Vater stammt aus Transsilvanien, auch Siebenbürgen genannt, heute im Zentrum von Rumänien gelegen. Deshalb auch sein Name Mateescu, oder phonetisch korrekt viel dunkler als «Matääschcuu» ausgesprochen. «Ich bin halb Vampir, halb Schreiber», scherzt er. Und diesen Sommer will er endlich auch einmal in die Heimat seiner Vorfahren reisen.

Für Zürich wünscht er sich mehr Freiräume, «das Hauptthema in meinem dritten Krimi». Denn der Mangel an günstigem Wohnraum beschäftige die Stadtzürcher am meisten. Deshalb engagiert sich der Autor auch im Verein Zitrone, welcher sich für die Zwischennutzung von unbewohnten Räumen einsetzt. Generell mehr Gemeinschaft hätte Mateescu gern für Zürich, «das sehr einsam sein kann».

Ob für den ehemaligen Dietiker einmal der Zürcher Krimipreis drinliegt, der dieses Jahr zum zehntem Mal vergeben wird? «Freuen würde es mich», sagt er, «mein Personal wäre bestimmt das jüngste, das je einen Preis gewonnen hat». Erst aber müsste man vielleicht irgendwie hinein kommen in diese Subkultur, um eine Chance zu haben. Bislang ist Mateescu erst Zuschauer. Unverblümt schwärmt er von Sunil Manns Buch «Gossenblues», das er zur Zeit liest und das heuer nominiert ist.

Vielleicht ist Mateescu dann mit seinem vierten Krimi am Zug, der gedanklich schon in Planung ist? Angemeldet hat er sich jedenfalls für die Kriminale in Leipzig Anfang März — inklusive eines Schiesstrainings für ambitionierte Krimiautoren.