Anita Leuzinger macht trotz des vollen Terminkalenders einen entspannten, moderner gesagt, einen entschleunigten Eindruck. Ein Blick auf ihr Handy verrät, ihr inneres Metronom richtet sich nicht nach den gängigen Schwingungen. Geradewegs aus der Urzeit scheint das Gerät zu stammen. Konsequent besitzt die 35-Jährige auch keine Webseite.

Dabei bräuchte sie sich wahrlich nicht zu scheuen, der Welt ihren Werdegang zu präsentieren. Mit nur 23 Jahren wurde die gebürtige Oberengstringerin als Solo-Cellistin im Tonhalle Orchester Zürich aufgenommen. Drei Jahre später gewann sie den Naumburg-Wettbewerb in New York, einer der renommiertesten Musikerpreise überhaupt. Seither unterrichtet Leuzinger an der Basler Musikhochschule, tritt mit dem Tonhalle Orchester auf und ist in der Kammermusik tätig. Diesen Samstag tritt sie wieder einmal in ihrer alten Heimat auf. Zusammen mit Muriel Cantoreggi und Anton Kernjak wird sie Schubert und Mendelssohn spielen.

Herz an die Kammermusik gehängt

An die Kammermusik, das Musizieren in kleiner Formation, hat Leuzinger ihr Herz besonders gehängt. Die Stimmen der einzelnen Musiker sind hier maximal ausgestellt und in dem feinen Klanggewebe jederzeit herauszuhören. «Das ermöglicht mir eine direkte Kommunikation mit dem Publikum und mit den Mitmusikern», sagt Leuzinger. Die Arbeit im Orchester verlange dagegen ein Zurücktreten des Einzelnen und ein bescheidenes Sich-Einfügen ins Ganze.

In letzter Zeit hatte sie das Glück, vermehrt mit Heinz Holliger zusammenarbeiten zu können. Er gilt als einer der hochkarätigsten Schweizer Komponisten, Dirigenten und Oboisten «Das Zusammenspiel mit ihm ist jedes Mal eine riesige Bereicherung», schwärmt Leuzinger. Vor drei Jahren erschien bei ECM eine erste CD, die diese Zusammenarbeit dokumentiert. Auf ihr findet sich neben Werken von Schumann auch «Romancendres», eine Eigenkomposition Holligers für Cello und Klavier.

Neue Ansätze

Klassische Musik stellt grosse Anforderungen an eine Zeit, die – im Gegensatz zu Leuzinger – ununterbrochen durch Mails und Benachrichtigungen auf Trab gehalten wird. Das multimediale Bombardement verursache eine immer stärker segmentierte Aufmerksamkeit, so Leuzinger. Diese verträgt sich schlecht mit einer Musik, die den Zuhörenden nicht selten eine stundenlange Konzentration abverlangt.

Nun gelte es deswegen nicht die Fahne zu streichen, sondern Klassik neuartig zu präsentieren. Namentlich gefällt Leuzinger die Idee, Konzerte an besonderen Orten stattfinden zu lassen. So habe sie einmal in der obersten Etage des Primetowers in Zürich gespielt; an einem Cüpli nippend und die Aussicht geniessend, konnte man ihr da zuhören.

An einem anderen Abend seien die Besucherinnen und Besucher dazu eingeladen worden, nicht Platz zu nehmen, sondern auf am Boden verteilte Kissen zu liegen. Für einmal konnten sie die Musik so in Horizontallage konsumieren, ein deutlicher Kontrast zum gestrengen Dasitzen, wie es sonst erwartet wird.

«Konservativ im positiven Sinne»

Trotz der Freude an solchen innovativen Ansätzen, bezeichnet sich Leuzinger als konservativ. «Konservativ im positiven Sinne», wie sie hinzufügt. Mit Schaudern betrachte sie die Einflüsse des Marketings, von denen auch die Klassikszene nicht verschont geblieben ist. «Immer schneller, immer schöner», laute heutzutage das Credo. Da sei ein glänzendes CD-Cover mitunter wichtiger als eigentliche musikalische Tiefe.

Leuzinger hält nichts von solchen Oberflächlichkeiten. Heute würden viele junge Talente von der Klassikindustrie regelrecht verheizt, es gehe in erster Linie um den schnellen Erfolg. «Dabei erfordert das Aufbauen eines Repertoires vor allem eines, Zeit.» Es ist ein Glück, dass sich Leuzinger diese Zeit nimmt und ihr inneres Metronom nicht von aussen manipulieren lässt.