Bei Wahlen interessiert in Zeiten der Quotendiskussionen an vorderster Stelle die «Frauenfrage»: Inwieweit gelingt es den Parteien, dem Wahlvolk auch weibliche Kandidaten anzubieten? Dietikon steht hierbei nicht so schlecht da. Denn mit 64 Kandidatinnen bewerben sich drei Frauen mehr um einen Parlamentssitz als noch vor vier Jahren. Damit gibt es zwar immer noch weitaus weniger Kandidatinnen als Kandidaten, von denen 96 aufgelistet sind. Da sich aber 2018 insgesamt elf Kandidierende weniger zur Wahl stellen, bedeutet diese kleine Zunahme bei den Bewerberinnen, dass sich der Kandidatinnenanteil um 4 Prozent von 36 auf 40 Prozent gegenüber 2014 erhöht hat.

Das ist deutlich mehr, als der derzeitige Frauenanteil von 28 Prozent im 36-köpfigen Gemeinderat. Bleibt abzuwarten, wie viele der 40 Prozent es dann auch tatsächlich ins Parlament schaffen. In Schlieren, wo nicht nur die Frauen, sondern auch die Kandidierenden insgesamt zugelegt haben, beträgt die Steigerung bei den Frauen nur gut 2 Prozent (die Limmattaler Zeitung berichtete).

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Weibliches Quartett an der Spitze

Dass sich der Frauenanteil auf der Dietiker Gemeinderatsliste positiv entwickelt, kann man als Trostpflaster dafür betrachten, dass für die Stadtratswahl keine einzige Kandidatin aufgestellt wurde. In Schlieren dagegen bewirbt sich mit Bea Krebs (FDP) nicht nur eine Frau für den Stadtrat, sondern mit Manuela Stiefel (FDP) sogar fürs Präsidium.

Die FDP Dietikon hatte ein nicht ganz so glückliches Händchen bei der Damenrekrutierung. Unter den 18 Kandidierenden finden sich nur drei Frauen; keine belegt einen der aussichtsreichen vorderen Plätze. Werner Hogg, Präsident der Dietiker FDP: «Ich gebe zu, dass es schön wäre, wenn sich mehr Frauen politisch engagieren und in einem Wahlkampf mitmachen würden.»

SP und EVP mit vielen Frauen

Nicht alle Parteien kennen dieses Problem. Beispielsweise die SP. Als einzige unter den grossen Parteien sind auf ihrer Liste beide Geschlechter nahezu paritätisch vertreten (19 Männer, 17 Frauen). Getoppt wird sie nur von der EVP, die als einzige der grösseren Parteien mehr Kandidatinnen als Kandidaten anbietet (18 Frauen gegenüber 14 Männern). Und nicht nur das – sie tritt sogar mit einem komplett weiblichen Viererticket an der Spitze an. Christiane Ilg-Lutz, Präsidentin der EVP und Spitzenkandidatin: «Frauen sind in unserer Ortspartei schon immer gut vertreten, ob als Mitglied, im Vorstand oder in einem Amt. Es freut uns, dass wir mehr Frauen finden konnten, welche sich für das Gemeinwohl und die Stadt engagieren wollen.»

Auf den ersten Blick steht auch die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU), die derzeit nicht im Parlament vertreten ist, bei den Frauen gut da, denn unter ihren 7 Kandidierenden sind 5 Frauen. «Für uns sind Männer und Frauen gleichwertig. Frauen sind aber mit den Fragen aus den Bereichen Schule und Soziales besser vertraut. Gleichzeitig geht es auch darum, das Image der EDU als Männerpartei zu widerlegen», so Walter Schmid, der trotz all der EDU-Frauenpower den Spitzenplatz belegt.

Eine Umfrage unter den Parteien ergab, dass man schon gerne mehr Kandidatinnen auf der Liste hätte, die Frauen sich aber oft nicht motivieren liessen. Beat Rüfenacht, Präsident der Dietiker GLP: «Wir konnten nur zwei Frauen bewegen, sich aufstellen zu lassen.» Ähnliches schildert Ottilie Dal Canton, Präsidentin der Dietiker CVP, für die 12 Männer und 5 Frauen kandidieren: «Wir haben mehr Absagen von Frauen als von Männern erhalten, was wir bedauern.»

Volle Liste als Ehrensache

Dass das mangelnde Interesse nicht unbedingt an das Geschlecht gebunden ist, erkennt man daran, dass das Kandidatenfeld im Vergleich zu 2014 geschrumpft ist. Während in Schlieren 16 Kandidierende mehr als 2014 antreten, sank in Dietikon die Zahl von 171 in 2014 auf 160 dieses Mal. Das ist bedauerlich für das Wahlvolk, das damit elf Kandidierende weniger zur Auswahl hat.

Mit einer vollständigen Liste mit 36 unterschiedlichen Kandidatinnen und Kandidaten für die 36 zu vergebenden Parlamentssitze kann lediglich eine Partei aufwarten, genauso wie schon 2014: die SP. Entsprechend zufrieden zeigt sich Manuel Peer, Präsident der Dietiker Ortspartei: «Für uns ist es Ehrensache, eine volle Liste abzugeben. Die Kandidatensuche ist aufwendig, aber immer auch eine Gelegenheit, neue Leute kennen zu lernen. Wir haben genügend qualifizierte Leute, die bereit sind, zu kandidieren.»

Politisierung in der Familie

Um ihre Listen zu füllen, behelfen sich alle anderen Parteien damit, dass sie entweder allen oder auch nur den Topkandidaten zwei Listenplätze geben. Bei der EVP will man auf diese Weise ihrem Vierer-Ticket mehr Gewicht verleihen, ähnlich wie die SVP mit ihren Bisherigen, die «während der Legislatur einen guten Job gemacht haben und es verdienen, wieder gewählt zu werden», so Burtscher. Und auch die Grünen wollen so ihre drei Spitzenkandidaten stärken. Pragmatischer dagegen sieht es Ernst Joss, Präsident der AL-Limmattal: «Durch die Doppelbelegung hat es nicht so viele freie Linien. Das hat weniger Panaschierstimmen von anderen Listen zur Folge und sieht auch besser aus.»

Bis auf die SP meinten alle Parteien, dass die Kandidatensuche manchmal zäh verläuft. Werner Hogg von der FDP: «36 Kandidierende sind ein Wunschszenario. Leider gibt es viele geeignete und kompetente Parteimitglieder, die den Schritt in die Öffentlichkeit nicht wagen.» Auch Burtscher kennt diese Zögerlichkeit: «Es ist für die SVP nicht einfach, Menschen zu politischem Engagement zu motivieren.»

Was sich wie ein roter Faden quer durch alle Listen zieht, sind die vielen «Familienbande». Für die meisten Parteien kein Grund, sich zu schämen, im Gegenteil. «Die ‹Verbandelung› hängt natürlich damit zusammen, dass bei Politikern zu Hause politisiert wird. Damit werden deren Kinder schneller in diesen Prozess aufgenommen», so Burtscher. Um Bevorteilungen auszuschalten, würden die Entscheide, wer welchen Platz bekomme, nicht vom Präsidenten, sondern von der Wahlkommission gefällt. Ottilie Dal Canton sieht auch die praktische Seite: «Diese Kandidaten wissen besser, worauf sie sich einlassen. Umso schöner, dass sie motiviert sind, politische Verantwortung zu übernehmen.» Auch bei der SP ist man erfreut über die vierzehn «politisierten» Kinder und Partner auf der Liste. Peer: «Familienbande sind wichtig, auch bei uns in der Partei.»

Bei der EDU sieht man das Thema von einer höheren Warte: «Geistlich gesehen sind alle Kandidaten Geschwister. Alle sind Brüder und Schwestern im Herrn», so Schmid.

Wenig Chancen für U30

Beim auch immer interessanten Faktor Alter haben sich keine grossen Verschiebungen ergeben. Die mit Abstand jüngste Bewerberin auf einem aussichtsreichen Platz ist die Bisherige Nadine Burtscher (24) von der EVP. Sie zog 2014 mit nur 20 Jahren ins Parlament ein. Alle anderen U30 werden wohl keine Chance haben, 2018 Einsitz zu nehmen. Ältester Bewerber mit guten Chancen ist Ernst Joss (72) von der AL. Überrundet vom Alter aber nicht von den Chancen her wird Joss nur von Alex Grieder (78) von der EVP.

Peer freut sich über die Jungen auf der SP-Liste. Viele junge Leute hätten selbst die Initiative ergriffen. Er vermutet dahinter eine Art Trump-Effekt. Sie hätten signalisiert, dass sie auch wirklich ins Parlament wollen. Ob es damit allerdings auch klappt, ist unwahrscheinlich, denn bis auf einen Bisherigen, tummeln sich die Jungen auf den hinteren Plätzen.

Die SVP sieht sich bei der Altersstruktur der Kandidaten gut aufgestellt. Man sei stolz darauf, junge und ältere Menschen an Bord zu wissen, deren Meinung in die politische Arbeit einfliessen könne. Dass die Platzierung der Jüngeren weiter hinten erfolgte, entspreche deren Wunsch wegen zu grosser zeitlicher Belastung durch Ausbildungen. Burtscher: «Das Durchschnittsalter beträgt 44 Jahre. Wir haben den Generationenwechsel eingeläutet.» Wenn es allerdings nur die Bisherigen der SVP wieder ins Parlament schaffen, wird der Altersdurchschnitt der SVP-Gemeinderäte bei 54 verbleiben.

Einmal mehr eine Sonderstellung nimmt die EDU ein, deren 7 Kandidierende alle älter als 50 sind.

Top-Plätze für Akademiker

Für Wähler besonders interessant ist immer auch der Blick auf die Berufe der Kandidaten. Wirtschaftsprüfer, Kantonspolizist, Hochbauzeichnerin, soziokultureller Animator, Biologe, LKW-Chauffeuse, Rettungssanitäter, Modedesignerin, Sigrist, Friedensrichter, Pastor, Familienfrau, Hausmann, Koch, Coiffeuse, Hauswart, Rentner, Student – die Berufe der Kandidaten versprechen einen guten Querschnitt aus der Bevölkerung. Betrachtet man allerdings die aussichtsreichen vorderen Plätze, finden sich vermehrt Geschäftsführer, Rechtsanwälte, Physiker, Lehrer, Unternehmer, Manager, Ökonomen und Ingenieure. Vor allem bei der FDP bewerben sich zahlreiche Akademiker. Werner Hogg: «Viele unserer Kandidaten haben die Fachhochschule absolviert. Das geschieht meistens berufsbegleitend und ist ein Beleg dafür, wie fokussiert sie arbeiten und so auch in der Politik für Lösungen sorgen können.»

Bei der SP freut man sich über das breite Spektrum an Berufen bei ihren Kandidierenden. Peer: «Wir sind stolz darauf, vom Handwerker bis zur Doktorin, von der Angestellten bis zu Unternehmern einen guten Querschnitt zur Wahl anzubieten.»

Solche Fragen sind für den Ingenieur Martino Agustoni dagegen zweitrangig, denn für seine Partei geht es um die Existenz. Agustoni übernahm erst vor wenigen Monaten den einen DP-Sitz von Martin Müller, als dieser aus Dietikon wegzog. Agustoni: «Ich hatte nicht genug Zeit, die Partei neu aufzubauen. Wenn der eine Sitz verloren geht, wird die DP nicht mehr weiter bestehen.»