ARA Dietikon
Kleine Krebse kontrollieren das Abwasser

Die neusten Mitarbeiter der Abwasserreinigungsanlage (ARA) arbeiten rund um die Uhr, ohne Pause – und ohne Lohn. Sie verlangen nur Kost und Logis. Die Rede ist von Bachflohkrebsen - eine Weltpremiere in Dietikon.

Dominic Kobelt (Text), Katharina Wernli (Fotos)
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Gebäude der ARA
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Bachflohkrebse kontrollieren das Abwasser in der ARA Dietikon
ARA-Leiter Christian Bühler und Bachflohkrebse
Wasser wird gereinigt
Christian Bühler und Jean-Pierre Balbiani (Stadtrat)
Nistplatz

Gebäude der ARA

Aber auch da sind sie nicht heikel: Sie leben auf kleinstem Raum und essen das, was so an ihnen vorbei schwimmt. Die etwa zwei Millimeter grossen Bachflohkrebse sind eine Art Polizisten, erklärt Christian Bühler, Leiter der ARA Dietikon: «Die Bachflohkrebse kontrollieren das Wasser ein letztes Mal, bevor es in die Limmat fliesst.» Im gereinigten Abwasser sind kleine Röhrchen installiert, in denen die Tiere leben. Elektronisch werden ihre Bewegungen gemessen. Hat es zu viele Giftstoffe im Wasser, wollen die Tiere flüchten - dieser «Stress» wird dann auf den Monitoren sichtbar. «Die Tiere reagieren sogar auf Stoffe, die mit herkömmlichen Messgeräten noch nicht nachweisbar sind», so Bühler.
Modernste Anlage Europas
Die ARA Dietikon ist weltweit die erste kommunale Anlage, die dieses Verfahren anwendet. Momentan handelt es sich noch um einen Versuch, die Ergebnisse sind aber positiv: «Ich bin erstaunt, wie gut es funktioniert - schliesslich ist das kein Flusswasser und die Tiere haben deswegen erschwerte Bedingungen», sagt Bühler. Dieses sogenannte «Biomonitoring» sei nicht zwingend, alle nationalen und internationalen Richtlinien seien auch sonst erfüllt. «Es ist wohl unser Ehrgeiz, der uns zu dieser Pionierleistung getrieben hat», sagt Jean-Pierre Balbiani nicht ohne Stolz. Er ist Verwaltungsratspräsident der Limeco, die Betreiber-Firma der ARA Dietikon.

Nicht nur die tierischen Helfer sind innovativ. «Die ARA Dietikon ist dank der Steuer- und Regeltechnik die modernste Anlage Europas», sagt Bühler. Damit meint er die moderne Messtechnik, die es ihm erlaubt, jederzeit den gesamten Prozess auf einem Monitor mitverfolgen zu können. Nicht nur den Zufluss und Abgang an Wasser wird damit überwacht, sondern auch die Wasserqualität in den einzelnen Becken. Entspricht sie nicht dem gewünschten Wert - 60 verschiedene Parameter werden überwacht - wird das Wasser nochmals zurückgepumpt. Mit verschiedenen Mechanismen wird zudem Energie gewonnen: Bei der Abwasserreinigung bleibt Schlamm zurück, der während drei Wochen in Türmen verfault. Dabei entsteht Klärgas, das für die Stromproduktion genutzt wird. Weiterer Energielieferant: Das gereinigte Wasser. Es ist wärmer als das Flusswasser, deshalb ist es sinnvoll, ihm Wärme zu entziehen, bevor es zurück in die Limmat fliesst. Mit Wärmepumpen wird diese Energie verwendet, um das Limmatfeld zu beheizen. «Damit können wir pro Jahr gut eine Million Liter Heizöl ersetzen», sagt Balbiani.

Eine augenfällige Neuerung ist die Fassade der ARA, die aus Steinkörben besteht. Zusammen mit dem begrünten Flachdach ist so zusätzlicher Lebensraum für Pflanzen und Tiere entstanden. Ebenfalls Teil dieser Fassade sind 50 Nist- und Brutkästen für Turmfalken, Mauersegler und Meisen. «Einen Falken habe ich bereits in einem Nistkasten gesehen, und auf dem Dach hat es Enten», sagt Bühler. Das Umweltbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Die Abwasserreinigungsanlage steht in einem Naturschutzgebiet. «Als die Gemeinden nach einem Standort für eine gemeinsame Anlage suchten, wurde der tiefste Punkt des Einzugsgebiets ausgewählt, damit es möglichst wenig Pumpen braucht», sagt Balbiani.
Projekt wurde laufend angepasst
Der Standort bringt seien Tücken mit sich. «Es ist ein schwieriger Baugrund», bestätigt Balbiani. Zum sumpfigen Untergrund erschwerte der fehlende Platz den Umbau: «In einem Naturschutzgebiet kann man nicht einfach ein neues Gebäude neben das alte stellen», erklärt er. Alle Arbeiten wurden im laufenden Betrieb vorgenommen. Vier Jahre Planung und acht Jahre Bauzeit waren nötig, rund 70 Millionen wurden in die Neuerungen investiert.
Während der Bauzeit haben sich aber auch die Technik und die Vorschriften verändert. «Das Projekt ist nicht mehr dasselbe, das wir ursprünglich geplant hatten - laufend mussten Anpassungen vorgenommen werden», sagt Balbiani. Das jetzige Gebäude 60 cm höher als das ursprünglich geplante, weil die Kapazität der wachsenden Limmattaler Bevölkerung angepasst werden musste. Rund 12 Milliarden Liter Wasser werden jährlich aufbereitet - die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 9,6 Millionen. Dies bezahlen die Gemeinden mit den Abwassergebühren.
Am 17 Juni von 10 bis 16 Uhr öffnet die ARA Dietikon ihre Tore und lädt die Bevölkerung zu einem Fest ein.