In Schlieren verlegten Bauarbeiter am Montag die Gleise für die erste Etappe der Limmattalbahn (LTB). Gleichzeitig stimmte der Kantonsrat über die Volksinitiative gegen den Bau der zweiten Etappe ab, die von Schlieren bis Killwangen-Spreitenbach geplant ist. Mit 162 zu 1 Stimmen sprach sich der Rat gegen die Initiative aus. Die einzige Gegenstimme stammte von Hans-Peter Amrein (SVP, Küsnacht), der Mitglied des Initiativkomitees ist.

Dass es überhaupt zu dieser Volksinitiative kam, hat mit dem Ausgang der ersten Volksabstimmung über die LTB zu tun: Im November 2015 hatten zwar 64,5 Prozent der kantonalzürcher Stimmberechtigten das Bahn- und Strassenbauprojekt gutgeheissen. Doch im Bezirk Dietikon sprachen sich 54 Prozent dagegen aus. Für die Limmattaler Bahngegner, zu denen sich Amrein gesellte, war dies der Grund, den Bau der zweiten LTB-Etappe, den das kantonale Stimmvolk eigentlich schon bewilligt hat, erneut vors Volk zu bringen.

Einer gegen alle

«Nehmen Sie die Mehrheit der Limmattaler Bevölkerung ernst», warb Amrein im Rat als einziger für die Initiative – und führte die Argumente der Bahngegner auf: Eine langsame Bahn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 22 Stundenkilometern löse keine Verkehrsprobleme. Elektrobusse seien schneller und günstiger. Zudem sei die geplante LTB-Linienführung im Zentrum von Dietikon «Zwängerei», in Schlieren gar «idiotisch», da die Spitalhaltestelle zu weit weg vom Spital liege. Und mit dem Bahndepot im Dietiker Müsli-Areal würde obendrein wertvolles Landwirtschaftsland vernichtet.

Einzig Hans-Peter Amrein (SVP, Küsnacht) stimmte für die Initiative.

Einzig Hans-Peter Amrein (SVP, Küsnacht) stimmte für die Initiative.

Der Widerspruch aus allen Parteien war ihm gewiss, hatte sich doch schon die vorberatende Kantonsratskommission einstimmig gegen die Volksinitiative ausgesprochen. «Mit der Ablehnung der zweiten LTB-Etappe werden die Verkehrsprobleme nicht gelöst, sondern verstärkt», sagte Kommissionsvizepräsidentin Barbara Schaffner (GLP, Otelfingen). Präsidentin Rosmarie Joss (SP, Dietikon) fehlte am Montag im Rat, weil sie kurz vor Ostern ein Kind zur Welt gebracht hat.

«Es wäre ein Schildbürgerstreich»

An Stimmen aus dem Limmattal, die sich für die LTB aussprachen, fehlte es dennoch nicht: «Es wäre ein Schildbürgerstreich, das Projekt jetzt zu stoppen», sagte Andreas Geistlich (FDP, Schlieren). «Wollen wir unsere Dörfer vom Durchgangsverkehr entlasten, brauchen wir ein Verkehrskonzept, das öffentlichen Verkehr und Strassenbau verbindet.» In Anspielung auf die Wachstumsmüdigkeit, die mit zum Limmattaler Abstimmungsresultat von 2015 geführt habe, meinte er: «Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.»

 Sonja Gehrig (GLP, Urdorf) erinnerte daran, dass das Limmattal laut Prognosen des Kantons im Jahr 2030 wohl 100'000 Einwohner zählen werde. «Das entspricht einer Zunahme von 14'000 in 15 Jahren.» Die Limmattalbahn lenke diese Entwicklung in geordnete Bahnen. Martin Romer (BDP, Dietikon) betonte, dass mit dem LTB-Bau auch Investitionen ins Strassennetz verbunden sind, die Dietikon und Schlieren vor dem Verkehrskollaps bewahren würden. «Damit werden die Verkehrsprobleme im Limmattal endlich angegangen», doppelte Josef Wiederkehr (CVP, Dietikon) nach.

Startschuss für die Limmattalbahn

Startschuss für die Limmattalbahn

 

«Viele Limmattaler hätten kein Verständnis dafür, wenn der Bau der Limmattalbahn vor der Vollendung gestoppt würde», meinte Markus Bärtschiger (SP, Schlieren). Für die Schlieremer öV-Anbindung wäre dies ein Rückschritt, da die Buslinie 31 künftig fehlen werde. Zudem wäre die geplante Verkehrsentlastung der Zentren Schlierens und Dietikons ohne das Herzstück Limmattalbahn nicht möglich, so Bärtschiger weiter. Sein Noch-Stadtratskollege Pierre Dalcher (SVP, Schlieren) wies darauf hin, dass der Platz im Zentrum Schlierens zu gross dimensioniert wäre, wenn die LTB nicht dort fahren würde.

Terminlich und kostenmässig auf Kurs

Doch nicht nur die Limmattaler Kantonsräte legten sich für den Bau der zweiten LTB-Etappe ins Zeug. «Wir geben uns Mühe, die Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen», sagte Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP). «Es werden sogar ganze Bäume versetzt für die Limmattalbahn.» Das Projekt sei terminlich und kostenmässig auf Kurs. Die Volkswirtschaftsdirektorin betonte, es handle sich um ein Gesamtverkehrskonzept. «Ohne die Limmattalbahn gäbe es nur punktuelle Einzelmassnahmen. Diese wären nicht so nachhaltig, und auch die Kosten wären höher», so die FDP-Regierungsrätin.

Der Bund habe im Februar sein finanzielles Engagement bekräftigt: «Er will knapp die Hälfte der für den öV reservierten Mittel der Limmattalbahn zur Verfügung stellen.» Auch die Vorstände aller betroffenen Gemeinden im Limmattal hätten kürzlich ihre zustimmende Haltung zur LTB erneut zum Ausdruck gebracht. Bei einem Projektabbruch müsste der Kanton Zürich laut Walker Späh 30 bis 35 Millionen Franken Planungsleistungen ohne Gegenwert abschreiben.

Stadt Zürich auch betroffen

Von einem «merkwürdigen Demokratieverständnis» der Initianten sprach Thomas Forrer (Grüne, Erlenbach). Schliesslich habe sich seit der Volksabstimmung im November 2015 materiell am LTB-Projekt wenig geändert. Lediglich die Linienführung der Bahn sei verbessert worden.

Das Argument, wonach die betroffene Bevölkerung die Limmattalbahn ablehne, wiesen mehrere Votanten mit Verweis auf die Stadt Zürich zurück: Dort lag der Stimmenanteil der LTB-Befürworter im November 2015 mit 72 Prozent kantonsweit am höchsten. Da die geplante Bahn in Zürich-Altstetten starte, müsse man die Stadtzürcher Stimmen auch zu jenen der direkt betroffenen Bevölkerung zählen – und damit hätte diese mehrheitlich Ja zur Limmattalbahn gesagt, argumentierte Felix Hoesch (SP, Zürich).

Eine Fahrt mit der Limmattalbahn gefällig? Die geplante Strecke im Schnelldurchlauf – inklusive Haltestellen.

Eine Fahrt mit der Limmattalbahn gefällig? Die geplante Strecke im Schnelldurchlauf – inklusive Haltestellen.

Die Redaktoren der Limmattalerzeitung sind die künftige Strecke schon einmal abgefahren, respektive abgelaufen.

Wiederkehr nahm den Faden auf und spann ihn weiter: 1985 habe die Limmattaler Bevölkerung auch Nein zur Gründung des Bezirks Dietikon gesagt. Wäre ihr Votum damals massgeblich gewesen, würden die Limmattaler Gemeinden immer noch zum Bezirk Zürich gehören. Und dieser habe 2015 deutlich Ja zur Limmattalbahn gesagt, so der Dietiker CVP-Kantonsrat.

Die kantonale Volksinitiative «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren» kommt laut Regierungsrätin Walker Späh diesen Herbst zur Abstimmung.