Schlieren
Kinderstreit endet vor Bundesgericht

Nach einem Streit zwischen Kindern verprügelten zwei Brüder einen Nachbarn und wollten ihn aus dem Fenster des dritten Stocks werfen. Sieben Jahre später hat das Bundesgericht nun zum zweiten Mal geurteilt.

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Das Bundesgericht in Bern veröffentlichte am Freitag den definitiven Entscheid.

Das Bundesgericht in Bern veröffentlichte am Freitag den definitiven Entscheid.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Ausgerechnet an einem Sonntagnachmittag hat alles begonnen. Auf dem Rasen vor einem Schlierener Wohnblock geraten ein zehnjähriger Junge und ein Mädchen aneinander. Vielleicht haben sie zuvor gejauchzt ob des schönen Altweibersommertags, damals am 13. September 2009. Sicher gekreischt hat dann das Mädchen, als ihm der Junge Gras ins T-Shirt warf. Der Vorfall wurde zum Urknall eines langen Rechtsstreits.

Denn das Mädchen rannte zum Vater. Der ging zum Jungen, um ihn zurechtzuweisen. Wie genau er das tat, wird für immer ungeklärt bleiben. «Zumindest verbal» habe er es getan, schreiben die Juristen. Mit Schlägen, sagte hingegen der Vater des Jungen.

Darum wollte der Vater des Jungen auf den Vater des Mädchens losgehen. Die Freundschaft, die die beiden benachbarten Kosovaren zuvor pflegten, zerbröckelte an diesem Punkt. Der Vater des Jungen stürmte mit seinem Bruder in die Wohnung.

Die beiden schlugen auf das Opfer ein, würgten ihn und drängten ihn zum offenen Fenster, um ihn rauszuwerfen. Das Opfer hing nun mit dem Oberkörper aus dem Fenster – vor den Augen der verheerende Sturz aus dem dritten Stockwerk. «Du wirst jetzt umgebracht», sagten die Peiniger.

Sekunden vor dem Todessturz

Ein letzter Hilfeschrei. Die Ehefrau alarmiert die Polizei. Die Brüder verlassen die Wohnung. Übrig bleibt das Opfer mit massiven Würgespuren am Hals, einem gebrochenen Finger und diversen weiteren ernsten Verletzungen. Einen Monat lang war er arbeitsunfähig. Die Polizei verhaftete die Brüder.

Das Bezirksgericht Dietikon sprach sie schuldig wegen einfacher Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Sie ziehen das Urteil weiter, gehen vor Zürcher Obergericht. Dieses gibt den Dietiker Richtern Recht und begründet den Entscheid in einem 81-seitigen Urteil vom 21. Oktober 2014.

Doch der Bruder des ausgerasteten Vaters gibt nicht auf. Er sieht sich nicht als Schläger, sondern als Friedensstifter. Die Frau des Opfers habe ihn gebeten, die beiden Streithähne auseinanderzubringen, darum sei er in die Wohnung gegangen. Da das Obergericht diese Bitte in einem Punkt seines Urteils verbindlich feststellte, heben die Lausanner Richter am 30. Juni 2015 das Urteil des Obergerichts tatsächlich auf. Die Bestrafung wegen Hausfriedensbruchs war nicht zulässig.

Das Obergericht musste nochmals ran. Und verurteilte den Bruder am 6. April 2016 erneut, dieses Mal nur wegen einfacher Körperverletzung – zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 50 Franken. Ein Erfolg für den Bruder: Zuvor betrug die bedingte Geldstrafe noch 120 Tagessätze.

Doch der Bruder hielt daran fest: Das einzig richtige Urteil sei ein Freispruch sowie 2500 Franken Schadenersatz für die 25 Tage Untersuchungshaft. Daher gelangte er erneut an das Bundesgericht in Lausanne. Dieses hat nun am 13. Januar 2017 einen definitiven Entscheid gefällt, der am Freitag veröffentlicht wurde. Es weist die Beschwerde ab.

«Urteil war nicht willkürlich»

Die Beschwerde des Bruders fusste vor allem auf der Aussage einer Zeugin, die gehört haben will, wie die Frau des Opfers den Bruder gebeten hatte, die beiden streitenden Väter auseinanderzubringen. Diese Zeugenaussage werde im Entscheid des Obergerichts zu wenig gewürdigt, monierte der Beschwerdeführer.

Das Obergericht sieht das natürlich anders und führte schon im umfassenden Urteil von 2014 unter anderem aus, dass die Aussagen des Bruders ungenau, sehr spärlich, verallgemeinernd, schlecht nachvollziehbar und widersprüchlich seien. Zudem sei es ohne weiteres vorstellbar, dass der Bruder die Wohnung zwar in der Absicht betreten habe, die beiden Streitenden zu trennen, dann aber auf der Seite seines Bruders eingegriffen habe.

Dazu sagt nun auch das Bundesgericht, diese Annahme sei nicht realitätsfern und insbesondere nicht willkürlich. Auch das Anklageprinzip und der Grundsatz in dubio pro reo seien nicht verletzt, so die Lausanner Richter.

Damit ist die bedingte Geldstrafe nun definitiv. Der Junge, der dem Mädchen damals Gras ins T-Shirt warf, wird dieses Jahr volljährig. Auf dem Rasen vor dem Wohnblock spielen jetzt andere Kinder.