Als die Schlieremer Stimmbevölkerung im Mai 1929 über die Frage befinden musste, ob sich ihre Gemeinde der Stadt Zürich anschliessen soll, war sie Feuer und Flamme dafür: 68 Prozent sagten Ja zu einer Eingemeindung. Ganz anders sieht es 87 Jahre später aus. Die von AL-Mitglied Thomas Ragni lancierte Einzelinitiative betreffend eine Eingemeindung zur Stadt Zürich hatte am Montagabend im Parlament Schlieren keine Chance: Mit 28 zu 3 Stimmen lehnten es die anwesenden Gemeinderäte ab, die Initiative vorläufig zu unterstützen.

Mindestens zwölf Parlamentarier hätten sich hinter die Initiative stellen müssen, um den Stadtrat zu verpflichten, einen Antrag zuhanden des Parlaments auszuarbeiten. Erst nach dessen Zustimmung wäre das Stimmvolk an der Reihe gewesen, um über die Initiative zu befinden. Doch so weit wird es nicht kommen. Und damit ist man nun wieder ungefähr am gleichen Ort wie damals: Denn 1929 sagte Schlieren zwar Ja, doch der Kanton Zürich sagte Nein zur Grosseingemeindung von Schlieren und zehn anderen Gemeinden.

«Stolz, Schlieremer zu sein»

Auch im Jahr 2016 wird Schlieren vorläufig eigenständig bleiben. Initiant Thomas Ragni hatte vergeblich betont, bei einer Fusion mit Zürich wäre kein Identitätsverlust zu erwarten. Dies sehe man auch am Beispiel der heutigen Zürcher Quartiere Altstetten oder Albisrieden, die einst eigenständige Gemeinden waren. Sie hätten auch heute noch eine starke eigene Identität. Hingegen würde Schlieren als Teil der Stadt Zürich bei Themen wie Politik oder Städteplanung, von denen man heute schon betroffen sei, einbezogen. Er sprach zudem von der Möglichkeit, im Bereich der Verwaltung Synergien zu nutzen sowie mit einer Quartierdemokratie neue Wege zu gehen.

Im Parlament war man sich jedoch ziemlich einig, dass es keinen Grund gebe, sich Zürich anzuschliessen − vor allem mit Verweis auf den drohenden Identitätsverlust. «Einheitsbrei ist ein schlechtes Rezept», sagte Beat Kilchenmann (SVP). Er glaube nicht, dass Schlieren als Teil von Zürich eigenbestimmt bleiben könne. Zwar sei der Gedanke einer Fusion spannend, doch die SVP sehe aktuell weder Not noch Grund, diesen Weg zu gehen. Dezidiert gegen eine Eingemeindung stellte sich auch der Quartierverein, wie Gemeinderätin Gaby Niederer ausführte. «Wir sind stolz, Schlieremer zu sein», sagte sie. Man wolle nicht vom grossen Bruder «eingenommen» und zum «Wurmfortsatz» von Zürich werden. Schlieren sei für die Zukunft gut positioniert und würde von einer Fusion nicht profitieren. Eher noch könnte sich der Quartierverein für einen Zusammenschluss mit anderen Limmattaler Gemeinden erwärmen, sagte sie.

Auch die FDP war wenig euphorisch, wie Lucas Arnet sagte. Er betonte, es habe seit den 1930er-Jahren keine Eingemeindungen mehr gegeben, was wohl kein Zufall sei. Es sei wichtig, dass man weiterhin selber bestimmen könne, was in Schlieren geschehe. Schlieren habe heute gerade einmal 8000 Stimmberechtigte, während Zürich rund 220 000 habe. «Wer redet denn da bei wem mit?», fragte er rhetorisch.

Das Ganze sei letztlich eine Bauchfrage, fand Pascal Leuchtmann (SP), der sich ebenfalls gegen die Initiative aussprach. «Ich fühle mich als Schlieremer gut», sagte er. Zürcher zu sein, sei sicher nicht besser. «Lassen wir die Idee noch etwas gären», schlug er vor. «In einigen Jahren sieht es vielleicht anders aus.»

In guter Gesellschaft

Überhaupt nichts für die Idee übrig hatte Heidemarie Busch (CVP), die betonte, nach einer Eingemeindung hätte man nichts mehr zu sagen. «Wer in Zürich wohnen will, soll umziehen», fand sie.

Als einziger SP-Gemeinderat sprach sich Robert Horber für eine vorläufige Unterstützung der Initiative aus. Die Angst vor einem Identitätsverlust teile er gar nicht, sagte er. Er habe 13 Jahre in Zürich Witikon gewohnt und sich dort als Witiker gefühlt: «Man identifiziert sich mit dem Quartier und ist dort verankert.» Horber verwies darauf, dass man nach einer Fusion von der hochprofessionellen Verwaltung in der Stadt Zürich profitieren könnte, wie auch von den umfassenden soziokulturellen Angeboten und der zukunftsgerichteten Quartierentwicklung. Zudem sei es heute immer schwieriger, fähige Leute für öffentliche Aufgaben zu finden.

«Eine urbanere Gesinnung wäre eine Wohltat», sagte Andreas Kriesi (GLP), der die Initiative unterstützte. Gerade weil sich Schlieren in keiner Not befinde, sei jetzt ein guter Moment, um sich Gedanken über Entwicklungsmöglichkeiten zu machen. Man habe jetzt die Gelegenheit, eine differenzierte Auslegeordnung zu machen, statt die Initiative aus Angst vor Identitätsverlust zu verwerfen. «Es gehört zu unserer Arbeit, in alternativen Szenarien zu denken», so Kriesi.

Der Schlieremer Gemeinderat will das Thema Fusion jedoch nicht weiter bearbeiten– und befindet sich mit diesem Entscheid in bester Gesellschaft: Auch in Dietikon lehnte es das Parlament Anfang April deutlich ab, ein entsprechendes AL-Postulat an den Stadtrat zu überweisen.