"Verbunden, verknüpft, verrückt"
Kein Schlaf-Quartier: Eine neue Ausstellung zeigt, wie sich Höngg verändert hat

Das Zürcher Quartier ist vom Rebbauerndorf zu einem Zentrum für Pendler mutiert. Diesen Wandel dokumentiert die Ausstellung "Verbunden, verknüpft, verrückt", bei der Kunst- und Designschüler mit 18 Installationen die Endhaltestelle Frankental bespielen.

Lina Giusto
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Frankental: Mit der starken Bautätigkeit in den letzten Jahren hat sich auch die soziale Struktur in Höngg verändert.

Frankental: Mit der starken Bautätigkeit in den letzten Jahren hat sich auch die soziale Struktur in Höngg verändert.

Lina Giusto

Endhaltestelle Frankental. Seit 1954 wendet an dieser Station das 13er-Tram. Für einige Anwohner ist die Frankental-Haltestelle der Ort, an dem sie vom Bus ins Tram steigen, um in die Stadt zu fahren. Andere wiederum umfahren den Ort mit dem Auto auf dem Weg ins Limmattal oder nach Regensdorf. An diesem Knotenpunkt treffen die unterschiedlichen Bewohner aufeinander, welche gemeinsam das Quartier im Nordwesten der Stadt bilden. Wie die Bevölkerung zusammengesetzt ist, hat sich während zweier Jahrhunderten schleichend verändert, besonders stark aber in den letzten Jahren mit der wachsenden Bautätigkeit.

Dieser Veränderung widmet sich die Ausstellung «Verbunden, verknüpft, verrückt», die heute beginnt. Auf Initiative der Zürcher Gemeinschaftszentren GZ Höngg bespielen Schüler der F + F Schule für Kunst und Design Zürich mit insgesamt 18 Installationen während zehn Tagen die Endhaltestelle Frankental wie auch den Rohbau der Gewerberäume der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg im 1. Stock des kürzlich eröffneten Coops Bombach. Die Kunst im öffentlichen Raum an einem noch unfertigen Ort soll gemäss den Veranstaltern den Wandel des Quartiers vom Rebbauern- zum Pendlerdorf widerspiegeln.

Erster Höngger Pendler

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete in Höngg, wer auch dort lebte. Wie in der Höngger Ortsgeschichte geschrieben steht, dürfte der Küfer Hans Ulrich Nötzli, der 1749 in den Akten erfasst ist, der erster Höngger Pendler gewesen sein. Der Grossteil der Bevölkerung des Dorfes fand damals Arbeit in den Rebbergen oder den bereits vereinzelten im Dorf vorhandenen Haushalten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dies schleichend, bis die Zahl der im Gewerbe tätigen Bewohner jene in der Landwirtschaft deutlich überstieg. Obwohl die landwirtschaftlich genutzte Fläche rund um das Dorf Höngg gleich blieb, waren weniger Personen in der Landwirtschaft tätig. Parallel dazu nahmen die Arbeitsplätze im Gewerbe und der Industrie zu. Historiker gehen davon aus, dass auch in dieser Zeit erst wenige Höngger zu Fuss nach Zürich pendelten. Dafür aber vermuten sie, dass die Zahl der Pendler in etwa mit der Zahl der Bevölkerung zugenommen hat, weil die Zahl der Arbeitsplätze im Dorf ungefähr gleich blieb.

Die Zahl der Reben sank

Während die Industrie in Höngg nur kurz vertreten war, ist das Gewerbe, wenn auch nur in bescheidenem Umfang, noch heute vorhanden. Früher waren es mehrheitlich Müller, Metzger, Schuhmacher und Schneider, welche zur Versorgung der Dorfbewohner benötigt wurden. Viel stärker vertreten sind heute dafür Dienstleistungen im Bereich Medizin, Schönheit oder Wellness.

Der Wandel vom Rebbauerndorf zum Wohnquartier zeigt sich deutlich an der Umschichtung der landwirtschaftlichen Fläche. Während 1800 insgesamt 120 Hektaren Rebfläche vorhanden waren, ging diese bis zur Eingemeindung des Dorfes in die Stadt Zürich 1934 auf acht Hektaren zurück. Diese teilte sich im Verlauf der nächsten 30 Jahre nochmals durch vier um sich dann bis 1986 wieder bei acht Hektaren einzupendeln. Gleichzeitig wurden immer mehr neue Wohnungen gebaut. Wohnhäuser bedecken heute fast die ganze Fläche des Quartiers.

Ein Quartier voller Vereine

So pendeln denn auch die meisten Anwohner in die Stadt oder umliegende Regionen, da die Zahl der Arbeitsplätze im Quartier nach wie vor bescheiden sind. Zudem war das Quartier in den letzten Jahren vornehmlich von starkem Wohnungsbau geprägt. In Stadtecken, die hauptsächlich zum Wohnen genutzt werden, besteht laut Historikern die Gefahr, dass sich die Bewohner nach Feierabend in ihre vier Wände zurückziehen und der Kontakt zu Nachbaren eine Seltenheit bleibt. Dies aber treffe in Höngg nicht zu.

Auch wenn der alte Dorfkern – heute noch aus Kirche, der Firma Zweifel, dem Ortsmuseum und dem Haus zum Weingarten bestehend – kaum mehr erkennbar ist, besteht das Dorfleben weiterhin. Zu den ältesten und bekanntesten Vereinen des Quartiers gehören seit 1828 der Männerchor, der über 154-jährige Schützenverein und die Musik, die es seit 1881 gibt. Zu den Besonderheiten gehört der seit 1904 tätige Verschönerungsverein, der bis heute das Ortsmuseum betreibt. Seit der Eingemeindung von Höngg 1934 besitzt das heutige Quartier auch eine Zunft sowie den grössten Quartierverein in der Stadt Zürich. Weit über die Grenzen von Höngg hinaus bekannt ist das seit 1973 jährlich zur Traubenlese stattfindende Wümmetfäscht.

Vernissage «Verbunden, verknüpft, verrückt» heute um 18 Uhr mit Performances und Ansprachen, Finissage am 28.1. ab 17 Uhr. Öffentliche Führung am 27.1. um 15 Uhr, Führung für Kinder und Jugendliche am 24.1. um 15 Uhr.