Der Schritt von der Sek ins Gymi ist für viele Schülerinnen und Schüler ernüchternd. Gross sind teilweise die Niveauunterschiede zu den Schülern aus dem Untergymnasium. Für die Sekabgänger ist es frustrierend, von Anfang an den neuen Mitschülerinnen und Mitschülern hinterherzuhinken.

Nach dem Übertritt müssen sie nicht nur fachlich aufholen, sie werden auch mit einer anderen Lern- und Prüfungskultur konfrontiert. Manche geben das Kurzzeitgymi nach einigen Wochen auf oder fallen am Ende der sechsmonatigen Probezeit durch. Jeder Fünfte scheitert.

Schwächere Sekundarschule

Der schlechte Start ins Kurzzeitgymi ist auch systembedingt. Das verdeutlichen nun die Resultate des Projekts Volksschule-Gymnasium (VSGYM). Lehrpersonen beider Stufen haben gemeinsam Fach um Fach untersucht und aufgezeigt, wo die Probleme liegen. Der Bericht wurde kürzlich öffentlich. Darin zeigen die Fachgruppen auf, dass das Gefälle besonders in den Fächern Mathematik und Deutsch gross ist.

Mathematik: Einen Nachteil sieht die Fachgruppe ganz einfach darin, dass die Schulzeit im Gymi zweimal reduziert wurde: 2002 wurden das Langzeit- und das Kurzzeitgymnasium um je ein halbes Jahr gekürzt. 2012 fanden die Maturprüfungen erstmals vor den Sommerferien statt. Seither fehle den Schülern insbesondere im Kurzzeitgymi die Zeit, sich gut einzugewöhnen.

Die Lehrpersonen sehen zudem eine deutliche Schwächung der Sekundarschule. Dies, weil immer mehr Primarschüler direkt die Mittelschule anpeilen. Dadurch sinke das Sekniveau. Mit dem neuen Lehrmittel «Mathematik Sekundarstufe I» habe sich die Situation verschärft. Es verfolge einen völlig neuen Ansatz, Mathematik zu vermitteln.

So würden unter anderem neu die Wahrscheinlichkeitsrechnung behandelt und dafür algebraische Techniken vernachlässigt. Den Sekschülern fehle dadurch die nötige Routine, die für den Anschluss ans Gymi wichtig sei. Die Schüler erlebten einen regelrechten Kulturschock und müssten erst einmal damit umgehen können, dass ihre Mitschüler aus dem Untergymi den Stoff bereits beherrschten.

Deutsch: Dass mehr leistungsstarke Schüler von der 6. Klasse direkt ins Gymi wechseln, mache sich auch im Deutsch bemerkbar. Es fehlten schulische Vorbilder mit herausragenden sprachlichen Leistungen, schreibt die Fachgruppe. Das führe dazu, dass die Sekschüler weniger Ehrgeiz entwickelten.

Zudem habe der Anteil der Sekschüler, deren Muttersprache nicht Deutsch sei, zugenommen. Und der SMS-Stil, soziale Medien, automatische Korrekturprogramme und die Schnelllebigkeit von Informationen führten dazu, dass im Unterricht Fähigkeiten erworben und trainiert werden müssten, die zuvor als selbstverständlich galten. Die Rechtschreibung habe auch in der Lehrerausbildung weniger Gewicht. Beim Thema Korrektur werde beispielsweise mehr auf Inhalt und Schreibprozess geachtet statt auf Orthografie und Interpunktion.

In vereinzelten Sekundarschulen würden zudem Berufswahlunterricht, Klassenrat oder Projektarbeiten in den Deutschunterricht gepackt, ohne die Anzahl der Deutschlektionen zu erhöhen.

Getrennte Klassen

Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, kennt den Bericht. «Der akuteste Handlungsbedarf besteht sicherlich im Fach Mathematik», sagt er. Mit dem Lehrmittel «Algebra-Training» habe man bereits reagiert. Das Heft dient Sekundarschülern, welche die Gymiprüfung bestanden haben und sich auf die Probezeit vorbereiten möchten.

Teils sind die Kantonsschulen selber aktiv geworden. Einige führen getrennte Klassen für Sekabgänger respektive Schüler aus dem Untergymnasium. Andere bieten während der Probezeit Nachhilfestunden an.

Erst ab der 3. Sek ins Gymi?

Die Fachgruppe Mathematik fragt sich, ob es nicht sinnvoll wäre, den Zugang künftig nur noch ab der dritten Sekundarstufe zu ermöglichen und nicht bereits ab der zweiten – oder die Aufnahmequote der Langzeitgymnasiasten leicht zu senken und damit die Sekundarschule wieder zu stärken.

Überlegen müsse man sich auch, ob man nicht die Vornoten berücksichtigen oder die Prüfungsgebühr erhöhen wolle. Der Grund: Sekundarlehrpersonen berichten offenbar, dass viele ihrer Schüler die Gymiprüfung ablegen würden, «um es einfach einmal zu versuchen». Das Problem aber sei: Wer nicht wirklich ins Gymi wolle, werde Mühe haben, sich für den grossen Arbeitsaufwand zu motivieren.

Der Lehrplan 21 und das Gymi

Um zu verhindern, dass die Untergymnasien den Stoff des Kurzzeitgymi vorwegnehmen, solle zudem geprüft werden, ob in den Mittelschulen der Lehrplan 21 oder zumindest Teile davon übernommen werden könnten. Niklaus Schatzmann sagt dazu: «Das Gymnasium ist zwar nicht direkt vom Lehrplan 21 betroffen. Es muss sich aber klar werden, inwiefern Stundentafel, Lehrplan und Unterricht vom LP 21 beeinflusst werden sollen.»

Dass nun alle Vorschläge der Fachgruppen umgesetzt werden, ist höchst unwahrscheinlich. Volksschulamt-Chefin Marion Völger sieht sie vor allem als gute Basis, um den Dialog unter den Lehrpersonen und Amtsstellen weiterzuführen. Auch Niklaus Schatzmann findet es primär wichtig, dass sich die Lehrpersonen der jeweils anderen Stufe austauschen. Sie sollen die unterschiedlichen Lehrmittel und Bedürfnisse kennenlernen – und sich auch mal gegenseitig im Unterricht besuchen.