Zürich
Kantonsrat wärmt Fehrs Bierdusche auf – die SVP bezeichnet den SP-Regierungsrat als Sonnenkönig

Die SVP attackierte gestern SP-Regierungsrat Mario Fehr in einer Fraktionserklärung. Er verhalte sich wie ein Sonnenkönig. Es geht um eine Bierdusche, die Fehr letzten Mai nach einem Fussballmatch in Winterthur verabreicht wurde. Und um die Anzeige, die er erstattete und später zurückzog.

Patrick Gut
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Mario Fehr hatte keine Freude an der Bierdusche. (Archiv)

Mario Fehr hatte keine Freude an der Bierdusche. (Archiv)

KEYSTONE

Am 13. Mai 2017 unterlag der FC Winterthur zuhause auf der Schützenwiese dem FC Zürich im Derby mit 0:3. Der Abend wird aber nicht wegen des Spielresultats in Erinnerung bleiben. Für Schlagzeilen sorgte neben einem Böllerschuss und einem geworfenen Schachtdeckel, der einen Fan verletzte, eine Bierdusche.

Das Ziel der Dusche war Regierungsrat Mario Fehr (SP). Der FCZ-Fan besuchte das Derby auf der Schützenwiese. Im Anschluss wurde Fehr in der Libero-Bar von zwei Anhängern des FC Winterthur attackiert. Sie leerten ihm Bier über den Kopf und auf den Bauch. Fehr zog schnaubend von dannen und, wie kolportiert wird, soll er geschimpft haben: «Das wird ein Nachspiel haben!»

Der Petarden- und der Schachtdeckelwerfer wurden längst gefasst, um die Bier-Affäre blieb es lange ruhig. Bis Ende letzter Woche zuerst das Online-Magazin «Republik» und dann der «Tages-Anzeiger» die Geschichte erneut aufs Tapet brachten. Dem Sicherheitsdirektor wurde unter anderem vorgeworfen, er habe überreagiert. Fehr soll Anzeige erstattet haben wegen Tätlichkeit und Sachbeschädigung. Ermittelt hätten zunächst die Stadtpolizei Winterthur und dann die Kantonspolizei. Anonyme Quellen bezeichneten den Aufwand als «unverhältnismässig».

Täter ist Sohn von SP-Regierungsrätin

Der Täter wurde ermittelt. Es handelt sich um den erwachsenen Sohn der Thurgauer Sicherheitsdirektorin Cornelia Komposch, wie der «Blick» publik machte. Auch sie politisiert in der SP. Fehr und Komposchs Sohn trafen sich zu einer Aussprache. Der Angreifer entschuldigte sich beim Regierungsrat und sie vereinbarten Stillschweigen. Fehr zog seine Anzeige zurück.

Erledigt hat sich die Sache damit noch nicht. Gestern ist die Bierdusche im Kantonsrat angekommen. Jürg Trachsel (SVP, Richterswil) warf Fehr in einer Fraktionserklärung «herrschaftliches, absolutistisches Gehabe» vor. Er verglich den Regierungsrat mit Sonnenkönig Louis XIV.

SVP sieht den «wahren Skandal» in Fehrs Rückzug

Dabei hat die SVP kein Problem mit der Strafanzeige, die Fehr eingereicht hatte. «Bierduschen müssen nicht geduldet werden», sagte Trachsel. Die lange und intensive Suche nach dem Täter sei möglicherweise unverhältnismässig. Aber auch darüber mochte sich die SVP nicht ereifern.

Der wahre Skandal sei Fehrs Verhalten, nachdem klar war, dass der Übeltäter der Sohn von SP-Regierungsrätin Komposch ist. «Der Rückzug der Anzeige ist Soihäfeli-Soideckeli-Verhalten in Reinkultur», sagte Trachsel.

Unterstützung erhielt Fehr von SP-Seite. Kantonsrat Thomas Marthaler sagte, als Friedensrichter habe er pro Jahr mit drei bis fünf ähnlichen Fällen zu tun. «Zum Glück hat Mario Fehr keinen Friedensrichter gebraucht, sondern das selber hingekriegt», sagte Marthaler. Es sei zudem normal, dass eine Anzeige zurückgezogen werde.

Mario Fehr äussert sich erstmals öffentlich

Erstmals äusserte sich gestern Mario Fehr öffentlich zum Vorfall. Er sei auf Einladung des FC Winterthur am Match gewesen und habe sich nach dem Spiel mit dem Geschäftsführer des FCW über die Anliegen des Clubs unterhalten. «Unvermittelt habe ich einen Schlag verspürt und war von Kopf bis Fuss nass vom Bier», beschrieb Fehr die Szene. Er habe den Abend abbrechen müssen.

Dies sei innert kürzester Zeit die zweite Attacke auf ihn gewesen. «Die Kantonspolizei hat mir geraten einen Strafantrag zu stellen», sagte Fehr. Er habe lange überlegt und den Antrag erst eingereicht, als die übrigen Delikte, die im Umfeld desselben Fussballspieles stattgefunden hatten, aufgeklärt waren. «Ich wollte diese Arbeit nicht stören.».

Gewisse Leute meinten offenbar, solche Vorfälle gehören zu einem Fussballspiel und seien hinzunehmen. «Mir sind solche mittelalterlichen Stammesrituale fremd», sagte der SP-Politiker. Er habe nicht gewusst, wer, wie oder was ermittelt werde. Die Polizei habe ihm aber bestätigt, dass dieselben Ermittlungen vorgenommen würden, wenn eine Privatperson Anzeige erstatte.

Ausgleich gesucht

Mit dem Verursacher der Attacke habe er einen Ausgleich gesucht. «Ich wollte nicht die berufliche Zukunft eines jungen Mannes gefährden», begründete Fehr den Rückzug seiner Anzeige. Zudem habe ihm der Angreifer glaubwürdig versichert, dass er etwas Ähnliches nicht mehr tun würde. «Ich bin nicht der Meinung, dass sich Politikerinnen und Politiker solche Angriffe bieten lassen müssen», sagte Fehr. Er sei mit sich im Reinen und würde wieder genau gleich handeln.

Das Thema wird den Kantonsrat weiter beschäftigen. Die AL-Kantonsräte Markus Bischoff (Zürich) und Manuel Sahli (Winterthur) haben gestern eine Anfrage eingereicht. Sie wollen – vereinfacht gesagt – wissen, ob bei der Untersuchung alle Regeln eingehalten wurden.