Sonntagsgespräch
Kanti-Rektor: «Auch die Lehrer haben mehr Stress»

Werner De Luca ist Rektor der Kantonsschule Limmattal (KSL). Dass die mündlichen Prüfungen erstmals vor den Sommerferien stattfinden, bringe Vor- und Nachteile, sagt er.

Dominic Kobelt
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Kantonsschul-Rektor Werner De Luca kann den neuen Prüfungsterminen Gutes und Schlechtes abgewinnen.

Kantonsschul-Rektor Werner De Luca kann den neuen Prüfungsterminen Gutes und Schlechtes abgewinnen.

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Herr De Luca, was hat sich in diesem Jahr an den Abschlussprüfungen des Gymnasiums verändert?

Werner De Luca: Die mündlichen Prüfungen wurden bis anhin nach den Sommerferien durchgeführt, jetzt finden sie vor den Sommerferien statt. Dementsprechend sind auch die schriftlichen Abschlussprüfungen rund einen Monat früher als bisher. Damit kann die gesamte Matur vor den Sommerferien abgeschlossen werden – der Abschluss wurde vom September auf den Juli verlegt.

Gab es weitere Änderungen?

Die Probezeit wurde verlängert und dauert jetzt ein halbes Jahr. Die Aufnahmeprüfungen finden ebenfalls früher statt, gleich nach den Sportferien.

Wo befinden sich die Schülerinnen und Schüler momentan in diesem Prozess?

Die schriftlichen Prüfungen sind abgeschlossen, die mündlichen beginnen nächste Woche.

Und die Zeugnisse?

Die haben die Schüler bereits vor den schriftlichen Prüfungen erhalten. Es ist uns an der KSL wichtig, dass die Zeugnisse vor den Maturaprüfungen verteilt werden.

Die Schüler haben jetzt keine Zeit mehr über die Sommerferien, um sich auf die mündlichen Prüfungen vorzubereiten. Bedeutet das mehr Stress?

Ja. Zwei Monate weniger Vorbereitungszeit ist natürlich auch mit Stress verbunden. Zudem bedeutet das ja auch weniger Zeit für die Repetition. Allerdings wird der Stoff von den Lehrern teilweise auch angepasst. Ich unterrichte Italienisch, und wir haben uns zum Beispiel Gedanken darüber gemacht, welche und neu auch wie viele Bücher die Schüler noch frei nach ihrer Wahl zusätzlich lesen sollen.

Verlangt man heute von den Schülern mehr?

In allen Schulreformen, die bereits stattgefunden haben, wurde stets die Ausbildungszeit gekürzt. Bei der aktuellen erneuten Verkürzung der Vorbereitungszeit musste sich jede Fachschaft Gedanken machen, ob der Stoffumfang noch sinnvoll ist und wie man einem zunehmenden Druck auf die Schüler adäquat begegnen kann. Wir stossen jetzt an eine Grenze: Weiter kann man die Zeit am Gymnasium nicht verkürzen. Es ist heute zusätzlich so, dass wir vor neuen Problemen stehen, wenn zum Beispiel ein Schüler während der Prüfungszeit für längere Zeit krank wird. Dann kann es sein, dass jemand eine Prüfung nach den Sommerferien im Herbst nachholen muss, und das ist natürlich nicht ideal.

Kann der neue Zeitplan in manchen Fächern auch ein Vorteil sein?

Ja, ich kann mir vorstellen, dass in Fächern wie Mathematik eine mündliche Prüfung vor den Sommerferien besser ist, weil dann der Stoff noch präsenter ist. Gross vorbereiten kann man sich da sowieso nicht. Und die Sommerferien sind sicherlich erholsamer, wenn man sich nicht auf Prüfungen vorbereiten muss.

Was hat die Verschiebung der Abschlussprüfungen sonst noch für Auswirkungen?

Nach den Frühlingsferien haben wir neuerdings einen sehr dichten Zeitplan: Kaum sind die Aufnahmeprüfungen durch, kommen nun die Maturaprüfungen. Das hat auch auf die Lehrerinnen und Lehrer Auswirkungen – einige haben sogar zwei Abschlussklassen. Das ist nicht optimal, lässt sich aber nicht vermeiden. Für einen Lehrer mit zwei Abschlussklassen kann das bedeuten, dass er neben dem normalen Unterricht innert zwei Wochen noch 50 Maturaufsätze korrigieren muss. Deshalb ist die Vorverschiebung der Prüfungstermine ein gewichtiger Einschnitt – für die Lehrer wie auch für die Schüler.

Gab es denn Beschwerden vonseiten der Lehrer?

Nein, eigentlich nicht. Sie gehen diese Erneuerung professionell an, und das Korrigieren gehört zu ihrem Aufgabenbereich. Aber man merkt ihnen die Mehrbelastung schon an. Lehrpersonen, die Abschlussklassen haben, haben im Moment für nichts anderes mehr Platz.

Die Anforderungen steigen, trotzdem hat man das Gefühl, es gäbe immer mehr Gymnasiasten und Studenten.

Zumindest für die Anzahl Mittelschülerinnen und Mittelschüler im Kanton Zürich stimmt das so nicht. Die Zahl ist ziemlich konstant geblieben. Betrachtet man die Mittelschülerquote, sieht man, dass sie seit über zehn Jahren bei etwas mehr als 20 Prozent stagniert, wenn man die Privatschulen auch einbezieht. Ich glaube nicht, dass diese Zahl plötzlich explodieren wird.

Müssten mehr Schüler das Gymnasium absolvieren?

Nein, ich denke nicht. Wir haben ein sehr breites Bildungssystem in der Schweiz. Auch über eine Berufsmatur kann man an eine Hochschule gelangen. Das Gymnasium – besonders das Langzeit-Gymnasium – ist für Jugendliche gedacht, bei denen die schulischen Interessen im Vordergrund stehen.

Ist das Gymnasium eine Eliten-Ausbildung?

Nicht jede Schülerin oder jeder Schüler möchte ins Gymnasium. Manche wählen bewusst auch andere Wege, und das ist richtig so. Das Gymnasium ist in diesem Sinne für eine «schulische Elite» vorgesehen.

Bis 2009 waren Sie auch Rektor der Neuen Schule Zürich, einer Privatschule. Wie haben Sie die Abstimmung zur «Freien Schulwahl» empfunden?

Dazu Stellung zu nehmen ist für mich natürlich etwas speziell. Ich denke aber, dass die freie Schulwahl im Kanton Zürich bezüglich der kantonalen Gymnasien schon gegeben ist. Man darf ja schon heute an einer beliebigen Kantonsschule die Aufnahmeprüfung ablegen – dafür muss man aber möglicherweise einen längeren Schulweg in Kauf nehmen. Und genau da liegt meiner Meinung nach das Problem der freien Schulwahl: Sie bevorzugt letztlich diejenigen, die mobiler sind.