Auf der Bühne ein Tisch, ein paar Stühle, drei Säulen. Zwischen den Szenen dumpfe, unheilvolle Klänge. Menschliche Abgründe tun sich auf. Fünf Menschen sind verstrickt in einer gemeinsamen Vergangenheit, der sie nichts entgegenzusetzen haben. «Gespenster» ist eine Kampfansage an Verlogenheit und Scheinheiligkeit, an Aberglauben und an die Freudlosigkeit rigider Moralvorstellungen. Helene Alving kämpft gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung, ihre Konventionen und Pflichten, die sie zu einer unglücklichen Ehe mit einem Trinker verdammten.

Ihr Sohn Oswald, den sie als Kind aus dem Haus gegeben hatte, damit er nicht mit der Lüge aufwachsen sollte, sein Vater sei ein Ehrenmann, kehrt als junger Mann zu seiner Mutter zurück, nur um dann dem Wahnsinn zu verfallen. Selbstgerecht und rigide tritt Pastor Manders auf, der Helene Alving an ihre Pflichten im Jammertal des Lebens erinnert.

Inzest, Geschlechtskrankheiten und Sterbehilfe

Regisseur André Revelly ist überzeugt, dass uns Ibsen auch heute noch etwas zu sagen hat. «Es geht um die Auseinandersetzung mit den Fragen um Wirklichkeit, Schein und Sein. Der Pastor verkörpert den Schein, die Mutter will durchbrechen in die Wahrheit. Das sind die beiden Pole. Und dazwischen der Sohn. Er möchte in die Zukunft gehen und scheitert. Ein schwieriges Stück!»

Ibsen griff Tabus seiner Zeit wie Inzest, Geschlechtskrankheiten und aktive Sterbehilfe auf und es verwundert nicht, dass zu seiner Zeit die Aufführung von vielen Theatern abgelehnt wurde. Die Uraufführung fand schliesslich 1882 in Chicago statt. Heute mag vieles überholt klingen. Etwa wenn sich Pastor Manders über wilde Ehen entrüstet. Auch sein Frauenbild ist - es sei gedankt - heute weitgehend überholt. Mancher Lacher war im Publikum zu hören beim Satz, einer Frau sei es nicht gestattet, zu richten über ihren Mann.

Beeindruckende Leistungen

Viele Zuschauer waren sich aber einig, dass die Thematik dieses Dramas auch in unserer Zeit nach wie vor Gültigkeit hat. «Diese Verlogenheit des Bürgertums - daran hat sich doch bis heute nichts geändert», empört sich eine Besucherin und ergänzt: «Natürlich ist bei Ibsen alles etwas überzeichnet, aber so viel fortschrittlicher sind wir heute gar nicht.»

Ein Besucher sieht in der Handlung durchaus Parallelen zu den Verhältnissen, wie sie zu seiner Jugendzeit in kleinen Dörfern allzu oft an der Tagesordnung waren: «Gewisse Vorkommnisse wurden mit allen Mitteln vertuscht und unter dem Deckel gehalten.» Die Zuschauer zeigten sich beeindruckt von der schauspielerischen Leistung. «Super gespielt! Diese Bigotterie!», so eine Besucherin. Und eine Dietikerin fügt einen Wunsch an, dem sich wohl viele im Publikum angeschlossen hätten: «Ein- bis zweimal pro Jahr ein Klassiker, das darfs in Dietikon schon sein. Man soll dafür nicht immer nach Zürich ins Schauspielhaus fahren müssen!»