Herr Goetschel, heute Samstag wird gegen Pelz demonstriert, das Modehaus Gucci verzichtet kommende Saison auf Fell. Erst kürzlich wurde gegen Primaten-Versuche demonstriert. Warum werden Aktivisten wieder lauter?

Antoine F. Goetschel: In den 70er- und 80er-Jahren wurde deutlich mehr demonstriert. Aber mir fällt auf, dass Themen rund um die Ernährung und Pelz die Menschen wieder vermehrt auf die Strasse treiben. Von einer Massenbewegung kann aber nicht die Rede sein. Die Demonstration heute hat sicher auch damit zu tun, dass die Pelzsaison gerade beginnt. Für die Aktivisten reichen Inserate und Aufrufe gegen Pelz nicht aus, um das gewünschte Umdenken zu erreichen.

Ist die Nachfrage nach Pelz gestiegen?

Nein, das Angebot steigt, weil viele Konsumentinnen und Konsumenten Pelz in Kauf nehmen. Nicht weil sie ihn unbedingt wollen, sondern ein bestimmtes Kleidungsstück suchen. Wenn es eine Pelzbordüre hat, ist das den Käuferinnen und Käufern schlichtweg egal.

Heute will man doch wissen, woher das Essen oder die Kleidung kommt. Dennoch nimmt man Pelz in Kauf. Das ist widersprüchlich.

Die Mensch-Tier-Beziehung ist komplex. Die Katze gehört auf den Schoss und der Fisch landet in der Pfanne. Es existiert eine gesellschaftliche Gleichgültigkeit, die nichts mit Unwissenheit zu tun hat. Ich sehe den Ursprung für diese Ist-mir-egal-Haltung in einer Art Verrohung, wie sie einst Immanuel Kant formulierte: «Tiere soll man schützen. Wenn man Tierquälerei anschaut, dann verroht man.»

Woher kommt diese Abstumpfung?

Aus Gesprächen mit Werbe-Experten zeigt sich, dass wegen Schockbildern gequälter Tiere heute niemand mehr sagen kann, er wisse nichts über die Herstellung von Fleisch oder Pelz. Gerade deswegen ist es den Menschen egal, dass sie Essen aus tierunfreundlicher Haltung zu sich nehmen oder Pelz tragen.

Laute Provokation bewirkt also das Gegenteil.

Die Schreckenskultur oder schlimme Bilder mit viel Blut waren nie mein Weg. Die hawaiianische Philosophie sagt dem Menschen nach, er habe zwei Hirne: Eines im Kopf, das andere im Bauch. Der Zwang zum Verzicht ist nicht zielführend, weil er Angst auslöst. Man muss sich viel eher Fragen, wie kann ich mit dem Bauchgefühl arbeiten, ohne dass diese Verzichtsangst entsteht. Nimmt man einem Mann sein Steak weg, kann das Kastrationsängste auslösen. Die Gesprächskultur rund um das Tierschutzrecht ist überhitzt.

Was schlagen Sie vor?

Bei dieser Debatte müssen Tiernutzer wie auch Tierschützer zu gleichen Teilen einbezogen werden. Dürrenmatt schrieb 1961 in der These «Zu den Physikern»: «Jeder Versuch eines Einzelnen, zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» Ich befürworte eine mehrheitsfähige Lösung.

Und die wäre?

Für ein menschlicheres Mensch-Tier-Verhältnis braucht es neue Ansätze. Es braucht eine Haltung, die sagt, das Tierthema ist gesamtgesellschaftlich relevant. Die Debatte darf nicht nur den Tierschützern, den Tierschutzorganisationen, den Veganern oder den Pelzgegnern überlassen werden. Tierschutz geht uns alle an. Das Thema muss so beleuchtet werden, dass es nicht zu Konfrontationen, Ängsten oder persönlichen Verletzungen kommt.

Haben Sie eine konkrete Lösung?

Ich habe den Verein Global Animal Law GAL gegründet, mit dem Ziel, dass es dem Tier weltweit besser geht. Mit warmem Herzen und kühlem Kopf sollen die Standpunkte von den Tierschutzextremisten bis hin zu den Tiernutzextremisten einbezogen werden.

Extremisten und kühle Köpfe passen irgendwie nicht zusammen.

Stecken Sie einmal einen Tierschützer und einen Tiernutzer für zehn Tage in einen Bunker. Ich bin überzeugt, dass daraus ein grundlegender Konsens entstehen kann, von welcher Tiernutzung man Abstand nimmt und welche man akzeptiert, weil sie vielleicht sinnvoll ist. Schliesslich kennt ein Jäger das Tier besser als ein urbaner Tierschützer. Für mich liegt der Schlüssel deshalb im Recht. Im Gegensatz zur Ethik kann und muss man es durchsetzen. Nehmen wir das Beispiel der Zoophilie. Bis vor wenigen Jahren war Sex mit Tieren in der Schweiz noch erlaubt. Dann kam das gesetzliche Verbot.

Das schweizerische Tierschutzgesetz gilt als streng. Hat es noch Lücken?

Eine Verschärfung der Gesetze ist derzeit in Bundesbern schwierig durchzubekommen. Erst diese Woche hat der Ständerat das Importverbot von Fois gras und anderen tierquälerisch produzierten Produkten abgelehnt. Dies, obwohl der Bundesrat ein solches Verbot bereits erlassen könnte. Die meisten unserer kantonalen Vollzugsbestimmungen stammen aus den 1980er-Jahren. Hinsichtlich des Gesetzesvollzuges gibt es noch Verbesserungspotenzial. Zudem wird im Bereich von Nutztieren der Tierschutz von Bauernverbänden organisiert. Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, dass dieser Prozess suboptimal abläuft. In Bereichen der fortschrittlichen Tierhaltung hingegen ist der Gesetzesvollzug sogar zu scharf.

Was heisst fortschrittlich?

Ein Bauer in Küsnacht am Zürichsee betreibt Weideschlachtung. Jeden Mittwoch führt dieser Bauer, der auch eine Jägerlizenz hat, seine Herde an einen bestimmten Ort auf der Weide. Er wählt dann die Rinder aus, die reif für die Schlachtung sind und verzieht sich auf seinen Hochsitz. Der Bauer erlegt das Rind erst dann, wenn es ihn direkt anschaut. Die Ruhe des Tiers überträgt sich auf den Rest der Herde. Bluttests belegen den stressfreien Tod des Tieres. Als Jurist empfinde ich diese Form der Tötung würdig, obwohl ich seit 30 Jahren Vegetarier bin.

Was ist denn daran zu «scharf»?

Der Bauer hat grosse Mühe, eine Bewilligung für diese Schlachtmethode zu bekommen, obwohl man weiss, dass Stress bei der Schlachtung einen erheblichen Einfluss auf die Fleischqualität haben kann. Der Bauernverband hat einen starken Stand in der Schweiz. Und damit ist die Liste von erlaubten tierschutzwidrigen Eingriffen und Haltungsformen lang. Aber wie die Pflanze, die durch Beton wächst, stärker wird, so führt Widerstand zu Wachstum. Ich glaube, im globalen Ansatz liegt die Lösung. Wie kann die Haltung von Tieren gerechter werden, wie können wir das überprüfen und durchsetzen? Daran arbeite ich gerade mit meinem Verein.

Sie erwähnen häufig den globalen Ansatz. Gibt es hier nichts mehr zu tun?

Im Kanton Zürich können Tierversuchsbewilligungen richterlich geprüft werden. Grundsätzlich hat das Tierschutzgesetz in der Schweiz einen recht guten Stand. Deswegen empfinde ich diese Bringschuld nach aussen.

Das heisst: Als Ihre Stelle als Tieranwalt 2010 aufgehoben wurde, brauchten Sie eine neue Arbeit?

Das Jahr 2010 war relativ gemein zu mir. Immerhin übernahm das kantonale Veterinäramt die Funktion des Tieranwaltes. Damals musste ich mir sagen: Nur das Amt wurde aufgehoben, nicht ich selber. Ich musste lernen, die Funktion von meiner Person zu trennen. Ich hätte mich dann, um reich zu werden, auf Scheidungsrecht konzentrieren können. Mir wurde aber klar, dass es wenige Personen im Tierschutz gibt, die den rechtswissenschaftlichen und vollzugsrechtlichen Ansatz gut kennen. Ich wollte mein Wissen in die Welt tragen, weil ich es als meine Pflicht empfinde, zur Verringerung des Leidens auf der Welt, am Beispiel der Tiere, ein klein wenig beizutragen.

Wie kamen Sie zum Tierschutzrecht?

Da bin ich nach und nach hineingerutscht. Ich habe in den 80er-Jahren im Auftrag eines Freundes das Schweizer Bundesrecht nach Artikeln, die das Tier betreffen, durchforstet. Daraus entstand ein Buch zum Tier im Bundesrecht. Dabei wurde mir klar, dass es ein grosses Potenzial für Änderungen gibt. Daraus entwickelte sich 1991 die Stelle des Tieranwaltes im Kanton Zürich. Ich war schon früh der Auffassung, Tiere gehen uns alle etwas an.

Als Tieranwalt haben Sie über 700 Fälle betreut. Welcher hat Sie am meisten geprägt?

Bei einem meiner ersten Fälle ging es um einen überbelegten Schweinetransport. Zwei Tiere haben die Fahrt nicht überlebt, zwei weitere waren so schwer verletzt, dass man sie bei der Ankunft notschlachten musste. Der Lieferant nahm die Überbelegung des Transporters in Kauf, sodass er die maximale Anzahl Schweine liefern konnte. Stellen Sie sich vor, ich hätte als Militärfahrer den Pinzgauer mit neun statt der zugelassenen sechs Soldaten gefüllt. Und argumentiert, immerhin kam die maximale Zahl der Soldaten lebendig und unverletzt am Ziel an. Diese Selbstverständlichkeit des In-Kauf-Nehmens von Tod und Leid ist, um beim Bild zu bleiben, eine Sauerei.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Tierschutzrechtes?

Von 193 Staaten verbieten etwa 30 die Tierquälerei nicht. Wenn wir das Tier als Wesen in die Charta der Vereinten Nationen aufnehmen wollen, dann bringt man Staaten wie Italien oder Frankreich dazu, umzudenken und ein Tierschutzgesetz zu erlassen. Wir konzipieren derzeit einen Global Animal Friendly Index, damit die nationalen Rechtsordnungen verglichen werden können. In meiner Vision für die Schweiz soll der Vollzug des Tierschutzes selbstverständlich werden. Ich plädiere dafür, dass alle Tierversuche vor einem Gericht auf ihre Verhältnismässigkeit hin geprüft werden können. Die Debatte über Tiere soll nicht konfrontativ, sondern kultiviert und zielorientiert sein. Hier leistet das Gesetz einen wichtigen Beitrag, weil es mehrheitsfähig und durchsetzbar ist.

Das ist Ethik doch auch?

Nicht mehr. In den 80er-Jahren gab es einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Tiere eine Würde haben. Seit den 90er-Jahren hat sich diese Ethik zur Privatsache gewandelt.