«Wo ist diese Scheiss-Politik-Sache?» Die jungen Männer trotten die Treppenstufen hoch. Im dritten Stock, meinen die andern. Einer ächzt, «boah, diese Treppe.» Ein anderer gibt zurück: «Mann, das ist gut für die Kondition.»

Da wären wir also, im dritten Stock, Zimmer 309. Vor der Wandtafel eine Tischreihe mit den Politikern, allesamt Kandidaten für die Nationalratswahlen; Links sitzt links, Rechts sitzt rechts, die Mitte mittig. Vis-à-vis die Stuhlreihen für die Berufsschüler, die vordersten Plätze sind leer. Frontalunterricht, eineinhalb Stunden lang, danach sieht es aus. Die Berufsschüler – drei Logistiker-Klassen im 2. Lehrjahr, Frauen sind nur eine Handvoll darunter – liegen in den Stühlen, die Beine lang gestreckt, die Arme verschränkt, der Gesichtsausdruck desinteressiert, wie achtlos hingelegte Schaufensterpuppen.

Man duzt sich

Vor jedem der fünf Kandidaten stehen ein Namensschild und zwei Wasserfläschchen, eins mit, eins ohne. Von links nach rechts – «weil Ladies first» – Rosmarie Joss (Juso), Bela Gisin (Junge Grüne), Stefan Erb (JEVP), Raffaele Cavallaro (Jungfreisinnige) und Rafael Wohlgemut (JSVP). Man hat sich darauf geeinigt, sich gegenseitig zu duzen, Schüler und Jungpolitiker, man ist ja altersmässig nicht zu weit weg voneinander.

Der Reihe nach erklären die Jungpolitiker, was ihnen für ihre Politik wichtig ist: Physikerin Joss («Für mich stehen Chancengleichheit und Reichtumsbeteiligung im Zentrum»), Philosophie-Student Gisin («Ich bin von Haus aus Umweltschützer»), Lokführer Erb («Der ÖV liegt mir am Herzen»), Oberstufenlehrer Cavallaro («Bildung ist das wichtigste Gut der Schweiz») und Wohlgemut, Mitarbeiter von AUNS, der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz («Unabhängigkeit, Sicherheit und Freiheit; das liegt mir am Herzen»). Die Berufsschüler rutschen noch etwas tiefer.

Einer nach dem anderen richtet sich auf

Die Diskussion danach gestaltet sich zäh. Welche Themen den Lernenden aus der Politik denn präsent seien? «AKWs», ruft einer. «Masseneinwanderung», ein anderer; «Legalisierung von Cannabis», ein Witzbold. «Was sagen Sie zu Windkraftwerken?», fragt einer in der vordersten Reihe zaghaft und bringt damit die Diskussion in Schwung. Die Berufsschüler, eben noch lang gestreckt, richtet sich einer nach dem andern auf, das Interesse scheint geweckt.

Die Passiven werden aktiv, stellen Fragen: «Wird der Strom teurer?», «Wo soll man Windräder hinstellen?», «Was bringt mehr Strom als ein AKW?», «Werfen wir für die Entwicklung neuer Technologien nicht Geld aus dem Fenster?» Die Argumente und Gegenargumente fliegen zwischen den Kandidaten von Juso, Jungen Grünen und Jungfreisinnigen hin und her. «Die Strompreise werden steigen», sagt Cavallaro – «Noch teurer ist aber ein Vorfall wie Fukushima», entgegnet Gisin – «Das Risiko eines solchen Vorfalls ist aber nicht so hoch, wie uns die Linke weissmachen will», gibt Cavallaro zurück – «Entwicklung und Forschung in der erneuerbaren Energie müssen jetzt gleich unterstützt werden, wie die Atomenergie damals», meint Joss. Erb äussert sich nur kurz zur Frage, weshalb die grossen Firmen nicht eine Vorreiterrolle einnehmen und auf Solarenergie setzen: «Weil die Grossen am Atomstrom verdienen.» Wohlgemut weist auf die Stromlücke hin, auf die man zusteuere. Ansonsten halten sich Erb und Wohlgemut vornehm zurück, überlassen den anderen das Feld. Wohlgemut: «Ich habe es genossen, nur zuzuhören. Ein Thema, bei dem die SVP mal nicht schuld ist.»

«Einwanderungsströme der Profiteure stoppen»

Das grosse SVP-Thema kommt später: Er habe jetzt genug von AKWs, sagt plötzlich einer der Lernenden. «Ich will was über Ausländerpolitik hören.» Was er denn hören wolle, fragt Wohlgemut und wirbt dann für die neuste Volksinitiative: «Auch wir sind uns bewusst; ohne ausländische Arbeitskräfte ginge gar nichts.» Aber man wolle die Einwanderungsströme der Profiteure stoppen. Einige klatschen.

«Warum werden Ausländer heftiger bestraft als Schweizer», will einer wissen. Das Strafgesetzbuch kenne keinen Unterschied, so die Antwort, danach folgt der schon oft gehörte Schlagabtausch zwischen den Parteien mit den immer gleichen Argumenten.

Sind die Ausländer nun gut oder schelcht?

Ein anderer meldet sich: «Im Alltag sind es die Scheissausländer, wenn einer von ihnen in der Nati ein Goal schiesst, jubelt man sie hoch. Was sind sie jetzt; gut oder schlecht?» Applaus auf eine Frage, die keine schlüssige Antwort kennt. Dann ist die Zeit um, eineinhalb Stunden sind vorbei, für die Jungpolitiker gibt es Applaus und ein Glas Honig oder Guetzli, für die Lernenden ein paar Minuten Pause.

Vier Lernende stehen draussen auf der Treppe. Sie seien positiv überrascht, sagen sie. Es sei tatsächlich spannend gewesen. «Wir dachten erst, es wird langweilig.»