Sonntagsgespräch
Jugendarbeiter: «Die Dietiker Jugend ist nicht aggressiv»

Die Dietiker Jugendarbeiter Katja Schulz und Oliver Badrzadeh sagen, wieso Herumhängen nicht per se etwas Schlechtes sein muss, was die Jugendlichen heute beschäftigt und welches Verhalten sie nicht tolerieren.

Bettina Hamilton-Irvine
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Frau Schulz, Herr Badrzadeh, wie sind die Jugendlichen in Dietikon?

Katja Schulz: Lebhaft (lacht).

Oliver Badrzadeh: Sie sind angenehm und lustig. Es gibt viele Leute, die glauben, Jugendliche in Dietikon seien besonders aggressiv, aber das ist nicht der Fall. Klar gibt es einige, die sich gerne etwas krass geben. Aber das ist bloss ein Spiel.

Schulz: Es sind halt typische Jugendliche. Sie haben die gleichen Themen zu bewältigen wie junge Menschen anderswo auch. Es gibt immer zwei oder drei, die aus der Reihe tanzen und etwas mehr auffallen. Auch bei uns.

Was beschäftigt die Dietiker Jugendlichen?

Schulze: Auch hier sind sie typische Jugendliche, die versuchen, sich selber zu finden und ihre Rolle zu definieren. Sie probieren Verschiedenes aus, versuchen, sich gegenüber den Erwachsenen abzugrenzen. Das gehört zur Jugendphase.

Wie wichtig sind Strukturen wie ein Jugendzentrum für die Jugendlichen?

Badrzadeh: Sehr wichtig, glaube ich. Das Jugendzentrum ist beliebt. Es gibt ja auch nichts anderes Entsprechendes für Jugendliche, wo sie sich einfach treffen können, ohne dass es etwas kostet.

Schulz: Im Sommer treffen sie sich draussen, zum Beispiel in der Badi. Im Winter gibt es aber wenig Möglichkeiten, wenn sie nicht im Shoppi in Spreitenbach rumhängen wollen.

Ist das Jugendzentrum ein Ort zum Rumhängen?

Schulz: Bei uns dürfen die Jugendlichen rumhängen, wenn sie wollen. Sie geniessen es aber auch enorm, dass sie sich mit uns kurzschliessen können. Die Mädchen wenden sich oft mit ihren Anliegen an mich, die Jungs eher an Oliver. Sie suchen eindeutig auch Gesprächspartner, bei denen sie sich Meinungen einholen können. Zudem können sie bei uns tanzen, Musik machen, Workshops besuchen oder sich Hilfe bei ihren Bewerbungen holen.

Der fehlende Raum für Jugendliche ist in Dietikon seit Jahren ein Thema. Nun konnte das Jugendzentrum endlich in grössere Räumlichkeiten umziehen. Ist das Problem damit gelöst?

Schulz: Das Jugendzentrum kann natürlich nicht die Bedürfnisse aller Jugendlichen abdecken. Wenn der Treff gut läuft, erreichen wir damit etwa 40 bis 50 Jugendliche.

Das ist nur ein sehr kleiner Teil.

Schulz: Genau. Unser Angebot spricht eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen an. Andere gehen in die Pfadi, die Cevi, in Vereine oder nutzen die Angebote der kirchlichen Jugendarbeit.

Gewisse Jugendliche wollen sich wohl auch nirgendwo anschliessen.

Badrzadeh: Das stimmt – aber genau für diese Jugendlichen, die sich sonst am Bahnhof treffen würden, sind wir unter anderem da. Bei uns sind sie sehr frei, solange sie keinen Blödsinn machen.

Dass es solche gibt, die Blödsinn machen, hört man immer wieder. Hat Dietikon ein grösseres Problem mit Vandalismus und Littering von Jugendlichen als andere Gemeinden?

Badrzadeh: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich diese Probleme in den letzten Jahren verstärkt haben oder dass Dietikon stärker darunter leidet als vergleichbare Gemeinden.

Schulz: Das sehe ich auch so. Aber ich weiss, dass die Meinungen dazu auseinandergehen.

Viel kritisiert wird auch das Herumhängen. Gruppen von Jugendlichen in der Öffentlichkeit werden oft als störend wahrgenommen.

Schulz: Herumhängen gehört halt zu dem, was viele Jugendliche gerne machen. Das ist eine Form von sozialem Kontakt.

Badrzadeh: Das Herumhängen kann ein Ausdruck von Langeweile sein, muss aber nicht. Auf jeden Fall ist es auch Austausch und persönlicher Kontakt. Nur weil sich Jugendliche in einer Gruppe treffen, sind sie noch keine Bedrohung.

Schulz: Ich habe es schon öfters erlebt, dass in Konfliktsituationen nicht die Jugendlichen, sondern die Erwachsenen die Auslöser waren. Den Jugendlichen wird viel Ablehnung entgegengebracht, da sie halt manchmal laut sind. Die Jugendlichen müssen sich korrekt verhalten. Ich erwarte aber auch von den Erwachsenen, dass sie mit den Jugendlichen anständig umgehen.

Was raten Sie Erwachsenen, bei denen Gruppen von Jugendlichen Unbehagen auslösen?

Schulz: Gewisse Leute schüchtert es ein, dass die Jugendlichen, zumindest äusserlich, sehr selbstbewusst auftreten. Wie es in ihrem Inneren aussieht, ist wieder eine andere Geschichte. Das darf man nicht vergessen.

Badrzadeh: Man sollte sich von Gruppen von Jugendlichen auf keinen Fall generell bedroht fühlen. Ich wünsche mir, dass Erwachsene intervenieren, wenn sich Jugendliche wirklich daneben benehmen. Aber dass sie nicht schon mit dem Finger auf die Jugendlichen zeigen, wenn diese nichts anderes tun, als sichtbar zu sein.

Schulz: Auch wir haben doch als Jugendliche oft genau das Gegenteil von dem gemacht, was unsere Eltern wollten. Alle haben irgendwie rebelliert.

Badrzadeh: Als Jugendlicher ist man der Teil der Gesellschaft, für den es irgendwo dazugehört, sich aufzulehnen und anzuecken. Das ist eine der Aufgaben der Jugend.

Trotzdem darf damit nicht jegliches Verhalten entschuldigt werden.

Badrzadeh: Absolut nicht, das propagieren wir auch nicht. Man muss sich definitiv nicht alles gefallen lassen. Es gibt Jugendliche, die Mist bauen und denen muss man Einhalt gebieten. Wichtig ist aber, dass man das nicht schon tut, wenn sie noch friedlich sind. Das kann dann schnell kontraproduktiv werden.

Wie sehr werden Jugendliche von Medien und Werbung beeinflusst?

Badrzadeh: Ganz extrem. Sie stehen bereits unter beruflichem Druck, müssen im System bestehen. Dazu kommt der Druck, sich darzustellen, im Mittelpunkt zu stehen. Es gibt heute eine riesige Industrie, gerade im Bereich Musik und Mode, die die Jugendlichen aus wirtschaftlichen Gründen manipuliert. Das war früher nicht der Fall.

Die Jugendlichen streben nach dem, was ihnen als Idealbild vermittelt wird?

Badrzadeh: Auf jeden Fall. Sie werden auf allen Kanälen mit Bildern dieses Idealbilds bombardiert – von Erwachsenen, die damit Geld verdienen wollen.

Schulz: Bei den Mädchen geht es vor allem um das Äussere, sie wollen sich in Schale schmeissen wie die Diven, die sie am TV sehen. Bei den Jungs ist es dieser ganze Hip-Hop-Lifestyle.

Nehmen Sie das einfach zur Kenntnis oder geben Sie bewusst Gegensteuer?

Badrzadeh: Wir geben im Alltag dort subtil Gegensteuer, wo es Sinn macht. Aber man kann nicht ihr ganzes Weltbild kaputtmachen, das würden sie nicht akzeptieren.

Schulz: Das wollen wir auch nicht. Aber wenn ein Mädchen im Winter mit einem bauchfreien Top ankommt, dann sage ich schon etwas. Wir geben subtil Feedback und versuchen auch vorzuleben, dass man sich selber sein darf. Es gibt aber auch Jugendliche, bei denen die Rückmeldung mal etwas härter sein muss. Dann sind wir konsequent und sagen, das wollen wir hier nicht.

Wo ziehen Sie die Grenzen?

Schulz: Ganz klar dort, wo es andere Menschen beeinträchtigt. Gewalt, das Zerstören von Dingen oder Bedrohungen akzeptieren wir nicht.

Welche Konsequenzen hat das?

Badrzadeh: Wenn so etwas wiederholt oder bösartig geschieht, sprechen wir ein Hausverbot aus. Wir bestrafen die Jugendlichen einerseits, geben ihnen aber andererseits auch die Möglichkeit, die Strafe abzuschwächen, wenn sie sich auf ein Gespräch einlassen.

Schulz: Wichtig ist uns, dass wir Ansprechperson bleiben. Wenn jemand Hausverbot hat, stehen wir ihm trotzdem zur Verfügung, wenn er Rat braucht. Wir wollen die Tür nie ganz schliessen.

Badrzadeh: Wir sind ja dafür da, dass auch Jugendliche, die Probleme haben, Halt und eine Ansprechperson finden.

Bewegen Sie sich problemlos in diesem Spannungsfeld zwischen Freund, Vorbild und Autoritätsperson?

Schulz: Sehr wichtig ist, dass man konsequent ist. Die Jugendlichen müssen wissen, woran sie sind.

Badrzadeh: Die allermeisten Jugendlichen sprechen darauf sehr gut an. Es gibt ein paar wenige, die mal überborden. Aber wenn man sie zurechtweist, verstehen sie es meistens sofort und entschuldigen sich.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Jugendlichen in Dietikon?

Badrzadeh: Etwas mehr Verständnis und Offenheit. Zudem wünsche ich mir, dass die junge und die ältere Generation noch mehr Kontakt finden und voneinander profitieren können.

Schulz: Ich wünsche mir, dass sich die Jugendlichen entwickeln dürfen. Und dass sie das Jugendzentrum für sich positiv nutzen können. Das erfordert etwas Eigeninitiative von ihnen. Aber wenn sie das an den Tag legen, können sie hier wirklich lässige Sachen machen.