Der durchschnittliche Stadtmensch dürfte schnell an seine Grenzen stossen, wenn es darum geht, Flora und Fauna eines Waldes zu benennen. Vielleicht kennt man noch einen Ahorn, eine Esche, das Zwitschern eines Buchfinks. Doch oft ist dann schon Schluss. Um das Wissen um unsere Umwelt etwas anzureichern, hat der Vogel- und Naturschutzverein (VNV) «Schwalbe» Schlieren am Samstag zu einem Rundgang eingeladen.

«Einmal die Augen öffnen, einmal schauen, was es alles hat», dazu will Monica Laim die etwa 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermuntern. Die Präsidentin des Vogel- und Naturschutzvereins wird verstärkt durch Nino Kuhn. Im Verlauf des Spaziergangs vom Alten Reitplatz bis zum Dunkelhölzli hält er immer wieder inne, bückt sich und streckt liebevoll erklärend eine Pflanze in die Höhe.

Da wäre zum Beispiel die Taubnessel, die im blütenlosen Zustand dem Wald-Ziest zum Verwechseln ähnlich sieht. Kuhn rät, im Zweifelsfall ein Blatt zwischen den Fingern zu verreiben. «Riecht es angenehm, handelt es sich um eine Taubnessel, stinkt es, ist man an den Wald-Ziest geraten.»

Sprösslinge als Schweinefutter

Eine höchst interessante Pflanze ist das Lungenkraut. Dessen Blüten, die entweder in kräftigem Blau oder Rosarot stehen, funktionieren wie Signallampen. In den blauen gibt es für die Bienen noch Nektar zu holen, die rosaroten sind dagegen schon ausgeplündert und werden von ihnen auch nicht mehr angeflogen.

Der auf dem Schlieremer Berg vorhandene Mittelwald verdankt sich auch unseren Vorfahren. Kuhn erklärt, dass diese Bau- und Brennholz benötigten und deshalb Eichen, Buchen und Eschen setzten – viele davon stehen noch heute. Die überschüssigen Sprösslinge der Eichen dienten gleichzeitig als Schweinefutter. Nicht von ungefähr daher die Redewendung: »Auf der Eiche wachsen die besten Schinken.»

Laim macht zwischendurch immer wieder auf verschiedene Vogelgesänge aufmerksam. Zu dem Gezwitscher von vier Kohlmeisen verrät sie: «Auch Vögel haben Dialekte. Sind viele Artgenossen nahe beisammen, beginnen sie ihren Gesang zu differenzieren.» Und tatsächlich konnte man das «Judi-Judi-Judi» vom «Jut-Jut-Jut» einer anderen Kohlmeise unterscheiden.

Hoffen auf ein Juwel

Während des Rundgangs deutet Laim auf das Gebiet um die alte Schiessanlage im Horgen. Um die dortige Biodiversität sei es eher suboptimal bestellt. «Fast keine Insekten und nur zwei Vögel haben wir angetroffen.» Stattdessen ist auf dem vorgelagerten Acker eine «Teenagerbande von Krähen» unterwegs, die zwar die Singvögel kaum stören, aber die Knospen von Jungbäumen wegpicken.

Laim will das Gebiet mit der Unterstützung der Stadt Schlieren aufwerten: Steinhaufen sollen Reptilien anlocken, Gebüsche und Stachelhecken den Menschen auf Entfernung halten. «Wir hoffen, dass es in fünf Jahren ein kleines Juwel wird», so Laim.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer äusserten sich positiv über den Naturrundgang. »Ich habe zweifellos viele neue Pflanzen kennen gelernt», meinte etwa Margrit Oesterreicher aus Schlieren. «Mich hat erstaunt, wie intelligent die Natur ist, namentlich das Lungenkraut mit den Signalfarben», sagte Gertrud Wild. «Ausserdem habe ich einige neue Vogelstimmen kennen gelernt.»