Mit Hilfe von SP und Grünen wurde Hollenstein 2005 in den Regierungsrat gewählt. Im zweiten Wahlgang stach er einen SVP-Kandidaten aus. Die SVP hat ihm dies nie verziehen. Er sei in Geiselhaft der Linken, hielt sie ihm vor und kritisiert ihn noch heute, wo sich Gelegenheit dazu bietet. Auch die FDP hielt sich auf Distanz und zweifelte an Hollensteins bürgerlicher Gesinnung. Sie hat sich kürzlich aber anders besonnen und empfiehlt Hollenstein zur Wahl. Vor allem aus taktischen Gründen. Ihr ist ein CVP-Mann in der Regierung lieber als ein Grüner. Wahltaktisch motiviert war auch die Linke, als sie 2005 hinter Hollenstein stand. Sie wollten einen SVP-Mann verhindern.

Hollenstein hat keine Hausmacht im Rücken. Es ist sein Schicksal, bei Wahlen Spielball der Interessen zu sein. Gespalten ist das Gewerbe. Der kantonale Gewerbeverband empfiehlt Hollenstein nicht zur Wahl, die Zürcher Handelskammer und der Hauseigentümerverband schon. Dass Hollenstein kein Bürgerlicher sein soll, ist eine kühne Behauptung. In allen relevanten Finanz-, Verkehrs- oder Sozialfragen unterscheidet er sich nicht von einem Freisinnigen. Sein Habitus ist durch und durch bürgerlich, auch wenn er täglich mit dem Velo von seinem Bauernhaus am Rande Winterthurs zum Bahnhof fährt und zu Hause ein paar Schafe und einen Sennenhund hält.

Als Zweitbester gewählt

Seit 1990 ist Hollenstein vollamtlicher Magistrat - bis 2005 Winterthurer Stadtrat, ab dann Regierungsrat. Diese Rolle ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn alles rund läuft, scheint sie ihm Spass zu machen, wie seine stets gute Laune oder seine lockeren Sprüche vermuten lassen. An öffentlichen Veranstaltungen versteht er es, mit magistralem Pathos aufzutreten. Obwohl dies manchmal übertrieben wirkt, scheint ihn das Volk dafür zu mögen. 2007 erzielte er bei seiner Wiederwahl das zweitbeste Resultat. Zuvor hatte er einen harzigen Start als Finanzdirektor. Bevor er richtig sattelfest war, wechselte er in die Sicherheitsdirektion. Es liegt ihm besser, Chef für die Sicherheit, das Soziale und den Sport zu sein.

Hans Hollenstein sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Hans Hollenstein sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Dass aber auch in dieser Direktion nicht immer nur Routine herrscht, musste Hollenstein in den letzten beiden Jahren erfahren. Die erste Krise begann Ende 2008, als Papierlose die Predigerkirche besetzten und die rigide Härtefallpraxis des Kantons zum Thema machten. Es dauerte lange, bis er reagierte und das Heft in die Hand nahm. Den Besetzern versprach er, wieder eine Härtefallkommission einzuführen, was er auch umsetzte und damit rechts Ärger und links Genugtuung auslöste. Unsicherheit verriet er, als er den Besetzern die Überprüfung von Härtefällen in Aussicht stellte und vom Bund einheitliche Härtefallvorgaben forderte, statt seinen Spielraum zu nutzen und selber Marken zu setzen. Insgesamt vermittelte er nicht das Bild eines souveränen Konfliktmanagers.

Kurve knapp geschafft

Die zweite Krise brach im Frühjahr 2010 im Migrationsamt aus. Ein namhafter Anwalt erhob Vorwürfe wegen grotesker Zustände im Amt. Die Rede war von verschleppten Dossiers, lascher Arbeitshaltung und verschickten Pornobildchen. «Ich habe rasch gehandelt, das Nötige getan und die Vorwürfe untersuchen lassen», sagt Hollenstein. Kritiker sehen das anders. Er habe viel zu spät gehandelt, obwohl er die Missstände längst hätte kennen müssen. Hollenstein bestreitet dies. Am Ende musste der Amtschef den Hut nehmen. Die Rechte sprach von einem Bauernopfer. Unterdessen ist ein neuer Chef im Amt und Reformen sind aufgegleist. Aber es bleibt der Eindruck, der Sicherheitsdirektor habe die Kurve erst im letzten Moment geschafft.

Die Angestellten des Migrationsamtes haben Hollenstein die Entlassung des Chefs übel genommen. Ansonsten scheint er bei seinem Personal wegen seiner jovialen Art beliebt zu sein. Diese kommt auch bei den Politikern gut an. «Ein netter, umgänglicher Mensch», lautet die Charakterisierung von links bis rechts. Etliche rügen aber seine schwachen Dossierkenntnisse. Ohne Fachleute an seiner Seite wirkt er oft verloren, wenn vertiefte Auskünfte gefragt sind. Hingegen läuft er zur Hochform auf, wenn er über Grundsätze und Strategien referieren kann. Vor allem, wenn diese unbestritten sind.