Es war an einem Mittwoch im Oktober 2011. Wäre jemand an jenem nebligen und kalten Abend an der Universität Bern vorbeigegangen, hätte er Fackeln gesehen, die vergrämt durch den Nebel flackerten, und daneben die Umrisse von Gestalten, die eine merkwürdige Mütze trugen. Verwundert hätte so jemand die feierlichen Worte vernommen: «Wer ist Fux?» und ein im Chor hallendes «Sarabi ist Fux». Wäre er neugierig herangegangen, hätte er eine junge Frau ausgemacht, die vor zwei Gestalten kniete. Die junge Frau heisst mit bürgerlichem Namen Jil Suter. Die Dietikerin ist seit jenem Mittwochabend Mitglied bei der bernischen Studentenverbindung Av Berchtoldia.

Dass Studenten mit ihrem Beitritt zu einer Verbindung auf einen Spitznamen, den «Vulgo», getauft werden, ist eine alte Tradition, die daher rührt, dass Verbindungsmitglieder im 19. Jahrhundert in Deutschland und Österreich wegen ihrer demokratischen Gesinnung verfolgt wurden. So liess das Mitgliederverzeichnis Aussenstehende ahnungslos zurück. Deutsche und österreichische Studenten brachten die Sitte mit in die Schweiz. Ihren Namen verdankt die 26-Jährige der Mutter von Simba aus dem Zeichentrickfilm «Lion King». «Ich bemuttere die anderen gerne», sagt sie.

Das grüne Band

Viele Gebräuche der Verbindungen reichen in der Zeit weit zurück. Berchtolder tragen eine rote Studentenmütze mit Kreuz und ein Band mit den Farben rot, weiss und grün, die in dieser Reihenfolge Freundschaft, Wissenschaft und Tugend symbolisieren. «Rot und weiss tragen die Neulinge, also Füxe, von Anfang an», sagt Sarabi. «Die Tugend muss man sich verdienen». Das grüne Band erhält, wer einen Test besteht und in den Grad eines Burschen aufsteigt. Den Test bestand die Juristin nicht im ersten Durchgang und das obwohl sie dafür mehr gelernt habe, als für die meisten Uni-Prüfungen. Es lag an der Berner Stadtgeschichte. «Mit den kniffligen Fragen eines unserer Historik-Studenten hatte ich nicht gerechnet», sagt sie.

Von allen drei Idealen liegt Sarabi die Freundschaft besonders am Herzen. Diese zeigt sich etwa beim wöchentlichen Feierabendbier, wo Verbindungsmitglieder über Gott und die Welt diskutieren. Dabei lernen die Studenten auch, sich in Gruppen zu behaupten. Dass dabei Hierarchien eine Rolle spielen, will Sarabi nicht bestreiten. Diese seien aber nicht todernst.

«Wir lernen einen spielerischen Umgang mit Hierarchien, wie es sie im Berufsleben auch gibt», sagt sie. Die Füxe hätten die Möglichkeit, die Hierarchie umzudrehen, indem sie den Präsidenten auf seinem Stuhl hinaustragen. «Als das einmal geschah, wurden wir Burschen laut. Die Füxe hatten Mühe, uns in Zaun zu halten», sagt sie. Doch es gehe auch ums Zuhören und Füreinander-da-sein. Berchtolder wollen mit allen Wassern gewaschen sein.

Erinnerung bewahren

Den Vorwurf, dass sich Verbindungsmitglieder gegenseitig «Jöbli» zuschanzen, lässt Sarabi nicht gelten. «Man kann jemanden nur empfehlen, beweisen muss sich jeder selber», sagt sie. Dies sei nicht unfair, denn Menschen lernten sich auch in anderen Vereinen kennen.

Sarabi geht es um die Tradition. Tradition sei etwas Schönes. «Es ist die Erinnerung», sagt sie, «wir bewahren die Erinnerung.» Aber nicht nur. Für die Berchtoldia entschied sie sich, weil die liberale Reformverbindung auch Frauen aufnimmt und kein Trinkzwang besteht. Die Verbindung ist bereits seit der Gründung 1917 offizielles Mitglied im Schweizerischen Studentenverein, in dem Sarabi dieses Jahr im Zentralkomitee sitzt. «Es kommen ständig neue Leute mit neuen Ideen in die Verbindungen. Wir lassen den Menschen genug Raum, um sich zu entfalten», sagt sie.