Geroldswil
Jetzt stechen die osteuropäischen Saisonniers wieder frische Spargeln

3200 Franken im Monat verdienen Spargelstecher in der Schweiz. Viel Geld für die ausländischen Hilfsarbeiter. Hinsichtlich der Arbeitsbewilligung für die Saisonarbeiter müssen die Landwirte, je nach Herkunftsland der Gastarbeiter, unterschiedliche Regeln beachten.

David Egger
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Jetzt stechen die Saisonnier wieder frische Geroldswiler Spargeln
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Zuerst hacken sie einen kleinen Graben in die lockere Erde.
Dann stechen sie mit dem Spargelstecher in den Boden und durchtrennen die Spargel.
Dabei halten sie die Spargel am oberen Ende fest.
Und zack: Der grosse weisse Spargel, im Fachjargon Bleichspargel genannt, ist geerntet.
Nach der Ernte kommen die Spargel in einen mit Wasser gefüllten Kübel.
Die Ausbeute auf dem Feld des Geroldswiler Bauern Andreas Tschanz ist auch dieses Jahr gross.
In diesem Zimmer auf dem Hof von Andreas Tschanz lebt Martina, ebenfalls eine Saisonarbeiterin.
Martina sagt, sie ist mit dem Zimmer zufrieden. Nicht jeder Saisonnier hat ein Einzelzimmer.
Pro Stunde verdienen die osteuropäischen Spargelstecher 13,45 Franken brutto.

Jetzt stechen die Saisonnier wieder frische Geroldswiler Spargeln

Alex Spichale

20 Grad, blauer Himmel, im Hintergrund rauscht die Autobahn: Im Akkord sticht das 31-jährige rumänische Zwillingspaar Tabita Ardelean und Tiberiu Boanta frische Limmattaler Bleichspargeln. Dunkel von der Sonne gezeichnet wird ihre Haut in ein paar Wochen sein.

Am Montag haben die ersten Spargeln auf dem Hof des Geroldswiler Bauern Andreas Tschanz die Reife erreicht, am Mittwoch sind die osteuropäischen Spargelstecher angekommen. Gestern startete die Ernte. Über das ganze Sommerhalbjahr verteilt, von März bis Oktober, beschäftigt Tschanz ein Dutzend Saisonniers jeweils für 90 Tage. Die Saisonniers auf Tschanzens Hof stammen aus Rumänien, Polen, Tschechien und der Slowakei. Die meisten kommen mit günstigen Fernbussen nach Zürich, wo Tschanz sie abholt. Damit er seine ausländischen Arbeiter – juristisch existiert der Begriff «Saisonnier» nicht mehr – für 90 Tage anstellen kann, ist einiger Papierkrieg nötig.

Ex-Bankerin arbeitet beim Bauer

Diesen erledigt Tschanzens Partnerin Heidi Gerber. Dieses Jahr erhält sie erstmals Hilfe von Sabrina Fürst. Fürst war vorher Kauffrau bei einer grossen Bank und beginnt im September ein Studium als Umweltingenieurin. Darum absolviert sie seit Dezember ein Praktikum auf dem Bauernhof, bis August.

Damit sie den Einsatz der Saisonniers aus verschiedenen EU-Ländern bewilligen lassen kann, muss sie unterschiedliche Regeln beachten. Polnische Arbeiter kann Fürst online beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) anmelden. Für Rumänen muss sie ein zweiseitiges Gesuch um Einreise stellen, inklusive Arbeitsvertrag und Ausweis. Dafür arbeiten die Bauern mit Agenturen in den Heimatländern der Kurzaufenthalter zusammen. Die Agenturen beschaffen die nötigen Unterlagen. Spannender als die Bürokratie ist der Lohn der Kurzaufenthalter. Dieser wird jedes Jahr neu vereinbart, vom Schweizer Bauernverband und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Berufsverbände landwirtschaftlicher Angestellter. Dieses Jahr liegt er bei 3200 Franken für 55 Stunden Arbeit pro Woche. Vielen Schweizern wäre das zu wenig.
Überstunden sind möglich und werden mit mindestens einem Viertel Zuschlag entlöhnt. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit kontrolliert die Arbeitsbedingungen und den Aufenthaltsstatus. «Die Arbeitskontrolleure kommen sehr überraschend, man kann sich keinen Bschiss leisten», sagt Fürst.

Am Ende der Saison bleiben den Arbeitern knapp 10 000 Franken, die sie mit nach Hause nehmen. Die Lebenshaltungskosten in Rumänien liegen laut Tabita Ardelean bei etwa 800 Euro pro Monat. Vom Geld, das sie in der Schweiz verdient, könnte sie in Rumänien über elf Monate leben. Doch auch dort arbeitet sie, als Verkäuferin für 300 Euro pro Monat, dazu kommt das Geld ihres Mannes, der einen guten Job hat. Doch wird sie nicht neidisch auf die Schweizer? Mit ihren neuen Autos und den Ausländern, die günstig für sie arbeiten? «Nein, wir haben auch ein Auto, ein schönes Zuhause und unser Leben. Ausserdem spreche ich kein Deutsch. Ich möchte gar nicht in der Schweiz leben», sagt Ardelean auf Englisch.
Der Hof von Andreas Tschanz ist vielsprachig: Vor 20 Jahren hat er den Hof übernommen. Im Laufe der Zeit hat er polnisch gelernt, um mit den Saisonniers sprechen zu können. Heute können viele Englisch, Deutsch oder Italienisch. International ist auch das Schweizer Spargelgeschäft: Gut 93 Prozent aller Spargeln werden importiert, davon gut zwei Drittel aus Europa. Diese grosse Konkurrenz aus dem Ausland ist mit ein Grund für die tiefen Löhne der Saisonniers. «Ich fordere sicher viel. Aber ein übler Typ kann ich nicht sein. Sonst würden nicht jedes Jahr die gleichen Leute zu mir kommen», sagt Bauer Tschanz.

Martina hat ein Einzelzimmer

Aufgeräumt sieht es aus, das Einzelzimmer von Martina, einer weiteren Saisonarbeiterin aus Tschechien. Es befindet sich auf dem Gelände des Bauernhofs. Martina sagt, sie ist zufrieden mit dem Zimmer. Nicht jeder Saisonnier hat wie sie ein Einzelzimmer, das Zwillingspaar Tabita und Tiberiu teilt sich beispielsweise den gleichen Raum zum Schlafen. Viele Saisonniers nehmen ihr Essen gleich selbst in die Schweiz mit, um nicht viel Geld für Lebensmittel auszugeben, oder weil sie die Spezialitäten aus der Heimat nicht missen möchten. In der Freizeit gönnen sie sich wenig. Tabita Ardelean ging vor ein paar Jahren an ein Konzert – dieses fand in Geroldswil statt. «Die Saisonniers sind nicht sehr heikel und leben sparsam», sagt Andreas Tschanz. Ihm ist auch das Zusammenleben wichtig: «Am Feierabend essen wir oft zusammen eine Wurst oder trinken ein Bier.» Ausser Tiberiu: Er ist konsequenter Abstinenzler. (DEG)