Sonntagsgespräch
James Kirchner: «Ich bin mehr Forscher als Manager»

James Kirchner spricht im Sonntagsgespräch über seine Zeit als Direktor der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sowie über die Rolle von Forschung und Politk in der Klima-Debatte.

Dominic Kobelt
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James Kirchner überprüft die Gesundheit der Pflanzen im WSL in Birmensdorf. Dominic kobelt

James Kirchner überprüft die Gesundheit der Pflanzen im WSL in Birmensdorf. Dominic kobelt

Herr Kirchner, Sie betreiben Forschung im Zusammenhang mit Umweltschutz. Nimmt die Umweltverschmutzung kontinuierlich zu?

James Kirchner: Nein. In vielerlei Hinsicht ist die Umwelt heute in besserem Zustand als beispielsweise vor über 50 Jahren, als ich geboren wurde. Gesamthaft gesehen hat sich die Wasser- und Luftqualität verbessert. Damals gab es in den Vereinigten Staaten sogar Flüsse, die brannten, weil sie voller Müll waren. Und in London starben Menschen aufgrund der hohen Luftverschmutzung.

Also klare Verbesserungen. Wo liegen denn die Schwierigkeiten für den weiteren Fortschritt?

In der Langzeitforschung geht es immer um eine schrittweise Verbesserung. Veränderungen, die man heute vornimmt, wirken sich nur langsam aus. Es ist, als ob ein Kapitän einen grossen Ozeandampfer steuert: Wenn man das Ruder herumreisst, ist oft noch nicht klar, wie gross die Richtungsänderung am Schluss ist. Das Problem der starken Luftverschmutzung liess sich in London durch strengere Gesetze und durch bessere Technik lösen. Die Probleme, mit denen wir uns heute befassen, sind globaler. Den Klimawandel zu stoppen ist viel komplizierter, weil es international koordiniertes Handeln erfordert. Politisch gesehen ist das eine sehr viel schwierigere Frage.

Die Verständigung zwischen Politik und Wissenschaft war eine Ihrer Aufgaben bei der WSL. Wo liegen die Schwierigkeiten unseres Systems?

Eine der grössten Herausforderungen in der Schweiz ist wohl, dass viele Entscheidungen auf Gemeindeebene getroffen werden, auch wenn es um grossflächige Veränderungen geht. Ich sehe beispielsweise im Mittelland ein grosses Risiko, dass schöne Landschaften zerstört werden, weil jede Gemeinde für sich handelt. Die Folgen von unkoordiniertem Wachstum in einer intensiv besiedelten und vielseitig genutzten Landschaft habe ich in Kalifornien erlebt.

Was hat dieser Wechsel von den Staaten in die Schweiz für Sie bedeutet?

Es war ein Wechsel in vielerlei Hinsicht. In Kalifornien war ich Professor, hier wurde ich auch noch Direktor einer Forschungsinstitution mit über 500 Angestellten. In einem Land mit nicht nur einer, sondern gleich mehreren für mich neuen Sprachen. Auch in der Kultur und im politischen System gibt es viele Unterschiede.

Die Schweiz ist auch dafür bekannt, dass viele Bewilligungen nötig sind und manche Entscheide lange dauern. Ein Nachteil für die Forschung?

Vielleicht in Forschungsgebieten, die das politische System tangieren, wie zum Beispiel in der Genforschung. Generell gesehen bietet die Schweiz aber viele Vorteile: Man ist sehr frei in der Auswahl des Forschungsschwerpunkts und es gibt einen relativ grossen Anteil an Geldern, die fix für die Forschung reserviert sind. Man muss nicht für jedes Projekt bei Stiftungen und Förderinstitutionen um Forschungsgelder bitten. Das ermöglicht einem, eine gute Idee zu verfolgen, auch wenn der Rest der Welt noch nicht realisiert hat, dass es eine gute Idee ist.

Wo liegen wissenschaftliche Schwierigkeiten, Klimawandel zu erforschen?

Das Klima ändert sich. Es ändert sich langsam, wenn man es damit vergleicht, auf welcher Zeitskala sich Entscheidungen abspielen, die beispielsweise eine Firma trifft. Es ändert sich aber schnell, wenn man es mit der Lebensdauer eines Baumes vergleicht. Die Wälder, die wir heute planen, müssen dem heutigen Klima und dem Klima der Zukunft angepasst sein. Das ist eine echte Herausforderung. Obwohl die endgültigen Resultate erst in vielen Jahren vorliegen werden, wissen wir heute schon einiges darüber, wie der Klimawandel die Wälder beeinflusst. So konnten wir den Schweizer Förstern aufgrund von Forschungsergebnissen Empfehlungen für die Waldbewirtschaftung abgeben.

Immer wieder hört man von schlimmen Umweltverschmutzungen. Muss man Optimist sein, um auf dem Gebiet zu forschen?

Ich bin Optimist, vor allem aber Realist. Man muss im Auge behalten, was möglich ist und was nicht. Ich wurde schon gefragt, ob der Zustand der Umwelt in 100 Jahren besser oder schlechter sein wird. Das ist aber die falsche Frage.

Und was ist die richtige Frage?

Was in 100 Jahren sein wird, hängt damit zusammen, was wir heute machen. Deshalb lautet die richtige Frage: Wie können wir uns heute verhalten, damit die Umwelt möglichst gut erhalten bleibt? Es ist nicht hilfreich zu sagen: Die Umwelt ist sowieso ruiniert, lasst uns Party machen. Genauso ist es weder realistisch noch hilfreich zu denken, dass sich die Probleme in der Zukunft schon irgendwie lösen werden. Wir als Wissenschafter müssen Entscheidungsgrundlagen liefern – aufzeigen, welche Einflüsse das heutige Handeln auf die Zukunft hat. Die Entscheidung selbst trifft aber die Gesellschaft.

Was bietet die Schweiz, ausser den finanziellen Aspekten?

Die Schweiz ist das unglaublichste natürliche Labor, das ich kenne. Es gibt hier die unterschiedlichsten Lebensräume und Landschaften – und diese sind gut zugänglich. Und natürlich darf man die technische Infrastruktur nicht vergessen. Hinzu kommt, dass die Schweizer ein hochgebildetes Volk sind.

Inwiefern ist das ein Vorteil?

Das macht es sehr attraktiv, die Forschung im öffentlichen Interesse voranzutreiben. Die Forschung kann effektiver gestaltet werden als in Ländern, die nicht eine so hohe Bildung aufweisen – und ich sage das in einem etwas zugespitzten Vergleich mit den Vereinigten Staaten.

Sie waren fünf Jahre lang Direktor der WSL. Welche Ziele haben Sie sich zu Beginn gesetzt?

Der ETH-Rat suchte jemanden, der das wissenschaftliche Profil der WSL stärkt, was meistens nur mit zusätzlichem Personal erreicht werden kann. Natürlich habe ich über die letzten fünf Jahre in diese Richtung gearbeitet. Doch mit dem Budget, das ich zur Verfügung hatte, war es nicht möglich, viele neue Fachleute einzustellen. Wenn man nur die Festanstellungen betrachtet, dann haben wir heute sogar 10 Prozent weniger Leute als vor fünf Jahren. Allerdings gibt es dafür mehr temporäre Jobs. Insgesamt ist der Personalbestand etwa ausgeglichen. Wir haben immer das Ziel verfolgt, Forschung zu betreiben, die in der Praxis relevant ist für die Schweizer Umwelt. Allerdings gingen wir nicht den einfachen Weg, indem wir mehr Geld in die Forschung investierten und mehr Leute anstellten.

Haben Sie Ihre Ziele dennoch erreicht?

Mein grösstes Ziel war, das wissenschaftliche Profil der WSL zu stärken. Ich denke das habe ich geschafft. Wir haben viel erreicht mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung standen. Wir haben mit unserer Forschung geholfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen, zum Beispiel zu den Auswirkungen von Naturgefahren wie Steinschlag, Murgängen und Hochwasser, zur Biodiversität oder zur Landschaftsentwicklung.

Was hat sich unter Ihrer Führung verändert?

Die Strukturen sind heute stärker und gesünder. Zu Beginn meiner Zeit hatte die WSL mehrere Umstrukturierungen hinter sich, einige Leute waren frustriert – es war eine schwierige Zeit. Heute haben wir mehr Transparenz im Entscheidungsprozess, klarere Regeln und eine professionellere interne Kultur.

Welche Projekte behalten Sie in Erinnerung?

Eines der Projekte, das wohl am besten sichtbar sein wird, wenn es denn gebaut wird, ist das neue Pflanzenschutzlabor. Es dient vor allem dazu, in die Schweiz eindringende oder eingeführte Schädlinge zu untersuchen, die für Bäume und Sträucher gefährlich sind, nicht aber für Mensch und Tier. Um diese Insekten, Pilze und Pflanzen untersuchen zu können, müssen wir sicher sein, dass die Schädlinge nicht nach draussen gelangen können, deshalb diese Laboranlage. Eine solche Anlage mit einem Gewächshaus, in dem die Luft gefiltert wird, die hereinkommt und herausgeht, gibt es noch nicht in Europa. Die WSL hat das Baugesuch bei der Gemeinde Uitikon eingereicht.

Sie scheinen an Ihrem Beruf Freude zu haben. Wieso treten Sie als Direktor der WSL zurück?

Es war faszinierend und für mich persönlich sehr lehrreich, Direktor der WSL zu sein und dieses Unternehmen zu führen. Ich musste aber feststellen, dass ich in erster Linie doch Forscher und erst in zweiter Linie ein Manager bin. Ich bin froh, dass ich weiterhin an der WSL und an der ETH Zürich arbeiten kann. Mit Konrad Steffen habe ich einen Nachfolger, der viel Erfahrung als Manager hat, gleichzeitig aber auch einen soliden wissenschaftlichen Hintergrund. Ausserdem ist er als Schweizer gut mit den hiesigen Gegebenheiten vertraut. Ich bin sicher, dass er in dieser Rolle sehr erfolgreich sein wird.