Opernhaus

Informatives Feuerwerk hinter den Kulissen

Alexandra Crivelli im Zürcher Opernhaus.

Alexandra Crivelli im Zürcher Opernhaus.

Alexandra Crivelli lernte Gesang und Ballett – heute macht sie lieber Führungen am Opernhaus. Seit zehn Jahren tritt Alexandra Crivelli am Zürcher Opernhaus auf.

Ihre Bühne ist die hinter dem Vorhang, ihr Text ist Improvisation, ihr Applaus das Interesse der Besucherinnen und Besucher. Zusammen mit sechs weiteren Personen macht sie Führungen hinter die Kulissen des Opernhauses.

Im Lift. Weiss an Weiss hängen die Kostüme am Ständer, «Othello» steht auf einem Schild. Der Kleiderständer füllt den Lift zur Hälfte, wir Besucher die andere. Vier Stockwerke tiefer folgen wir den Kleidern dorthin, wo sie aufbewahrt werden bis zum nächsten Einsatz. Gleich wie 4000 weitere Kostüme und Tausende von Schuhpaaren, die, Paar an Paar und nach Farben sortiert in langen Reihen über unseren Köpfen baumeln.

Hierher kommt Alexandra Crivelli mit allen ihren Besuchergruppen. Der Einblick in den Kleiderfundus sei für viele «einer der Höhepunkte» der Führung, obwohl hier nur ein «ganz kleiner Teil» der Kostüme lagert, die das Opernhaus besitzt. Weitere Stationen sind das Nähatelier, wo alle Solistenkostüme entworfen und nach Mass geschneidert werden, die Hutmacherei, die Polsterei, der Kostüm- und Requisitenfundus und das Kulissenlager.

Ballettunterricht und Sologesang

Seit jeher gehört das Zürcher Opernhaus zum Leben von Alexandra Crivelli. Kurz nach ihrer Geburt zog die Familie von Essen nach Zürich. Ihr Vater, ein Sänger, hatte ein Engagement als «Chorsänger mit Soloeinlagen» am Opernhaus erhalten. Auch die Mutter, eine Maskenbildnerin, arbeitete später hier. Alexandra bekam Gesangsstunden und Ballettunterricht, sang in einem Chor, und auch das Fechten wurde geübt. «Ich war aber überall dermassen untalentiert, und für das Tanzen fehlte mir die Disziplin», sagt sie, und so wurde sie weder Opernsängerin noch Solotänzerin.

Als Jugendliche habe sie dann heftig und ausgiebig rebelliert, nichts mehr von Mozart, Puccini und Wagner wissen wollen, eine Ausbildung im Gastgewerbe gemacht und mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern. Wieder zurück, mit nichts und ohne Wohnung, hat sie dort angeklopft, wo sie alle und alles kannte: Beim Opernhaus. Und sie begann, an der Pforte zu arbeiten. Das war vor 13 Jahren. Hier ist sie geblieben, macht nun Eingangskontrollen, Administratives, Telefondienste und führt seit zehn Jahren auch hinter die Kulissen.

Spannend wie ein Krimi hört es sich an und ein wenig kokett, wenn sie erzählt, wie ihr Chef, der «in Bedrängnis» war, sie fragte, ob sie solche Führungen übernehmen könnte. «Auf keinen Fall, ich wusste, ich krieg einen Herzinfarkt und sterbe tausend Tode, wenn ich das mache, ich weiss es ganz genau. Vor Leuten reden? Der grösste Horror!» Sie hat sich überreden lassen und hatte bald «unheimlich viel Spass» an der Arbeit und daran, «Leuten von etwas zu erzählen, was ich wahnsinnig gerne habe». Höchst unterschiedlich seien die Gruppen, die sie auf ihren Touren antrifft: Interessierte und Besserwisser, Enthusiastische und Gelangweilte, manche kommen freiwillig und können nicht genug bekommen von ihren Ausführungen, andere werden von Lehrkräften zur Führung gebracht oder von Firmenchefs, die vor dem Weihnachtsessen noch «etwas Kulturelles» bieten wollen. Diese müssen für das Thema zuerst begeistert werden.

Mit Tempo, Herz und Dramatik

Ein Stichwort reicht und Crivelli beginnt zu erzählen, sie redet schnell und viel und warnt die Zuhörerschaft vor ihrem Sprechtempo, bittet, sie gegebenenfalls zu stoppen. Sie redet sich von einer Anekdote in die andere und bleibt doch immer bei der Oper.

Und, egal, ob sie von der rekordverdächtig schnellen Bauzeit des Hauses im Jahre 1891 erzählt oder vom Sänger, der kurzfristig einspringen musste und vor lauter Lampenfieber jeden Satz, den er singen musste, von den Lippen der Souffleuse ablesen musste: Immer wählt sie die «Wir»-Form, und alles erzählt sie, als ob sie es zum ersten Mal erzählen würde.

Und sie redet nicht nur, sie zeigt auch. Öffnet etwa, wenn sie mit der Gruppe auf der Bühne angelangt ist, einen Kühlschrank, holt eine Flasche künstliches Blut hervor und präsentiert im nächsten Moment eine blutige Wunde am Unterarm. Und stirbt, wenn nicht tausend Tode, so doch einen Tod bei ihrem Auftritt hinter dem Vorhang.

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