Café Odeon
In diesem Gästebuch haben sich Künstler, Musiker und Militärs verewigt - jetzt wird es versteigert

Am Dienstag versteigert das Kunsthaus Christie’s in Zürich eine besondere Trouvaille – ein altes Gästebuch, in dem sich namhafte Künstler, Musiker und Militärs verewigt haben.

Lina Giusto
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Gästebuch des Café Odeons
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Die Farblehre von Augusto Giacometti ist der wohl wertvollste Eintrag.
Diese Skizze zeigt, wie das Café Odeon 1923 ausgesehen haben muss.
Eine frühlingshafte Malerei vom damaligen Gewerbeschullehrer Heinrich Grob.

Gästebuch des Café Odeons

Zur Verfügung gestellt

Die Kaffeetasse klirrt, als der Kellner das Heissgetränk auf die braun gesprenkelte Marmortischplatte stellt. Die Wände im Café Odeon beim Bellevue in Zürich sind hoch. Die Wände sind mit dem gleichen Marmor wie die Tischchen oder aber Spiegeln bekleidet. Die Besucher lesen Zeitung, schauen durch die hohe Fensterfront hinaus auf die Strasse, andere wiederum tippen auf ihrem Smartphone herum. Auch hinter der Bar geht es geschäftig zu und her. Im Odeon trifft sich Zürich, um zu sehen und gesehen zu werden – noch heute. Das im Jugendstil geprägte Kaffeehaus war von Beginn weg, als es am Abend des 1. Juli 1911 zum ersten Mal seine Türen öffnete, ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Musiker, Schriftsteller und Militärs.

Das Gästebuch von Helen May-Otto, die zusammen mit ihrem Ehemann Werner May von 1917 bis 1932, den damaligen Intellektuellen-Treffpunkt leitete, zeugt davon. Ebendieses Gästebuch, das sich zur Zeit am Standort des Auktionshauses Christie’s im Zürcher Kreis 7 befindet, wird kommenden Dienstag im Glockenhof im Kreis 1 versteigert. Der Schätzwert misst laut Hans-Peter Keller, Direktor für Schweizer Kunst bei Christie’s, 20 000 bis 30 000 Franken. Für die Schätzung hat sich Kunstexperte Keller auf die im braunen aus möglicherweise Kalbsleder gebundenen Gästebuch enthaltenen Malereien konzentriert. «Auch Unterschriften haben einen Wert. Diese zu schätzen, liegt nicht in meiner Expertise», so Keller.

Im Odeon blühte die Kunst

Neben der Signatur von Ulrich Wille, dem 1. Weltkrieg General der Schweizer Armee, der in den 1920er-Jahren jeden Freitagabend mit Kollegen im Café jasste, hat sich auch Orientmaler Otto Pilny mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde «Sklavenmarkt» verewigt. Die Karikatur des Militärmalers Emil Huber stammt vom 13. November 1917. Während der Erste Weltkrieg noch andauert, verewigt er sich in May-Ottos Gästebuch mit den Worten «Zur Erinnerung an manch fröhlich gehabte Stunde im Café Odeon». Die wohl wertvollste Malerei im Gästebuch aber stammt von Alberto Giacometti, Coucousin des berühmten Giovanni Giacometti. Ob er seine Farbstudie aus neun geschwungenen Quadraten im Café oder Stockwerke darüber in seinem Atelier malte, ist nicht bekannt. «Diese kleine Abstraktion von Giacometti könnte zwischen 20 000 und 25 000 Franken wert sein», schätzt Keller.

Nach dem Konzert ins Café

Das mehrstöckige Haus an der Ecke zur Rämistrasse galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als luxuriös. So verfügte das Café über einen Billardraum im ersten Stock. Neben dem Kaffeehaus im Parterre gab es im Keller eine eigene Konditorei. «Während meines Studiums war ich selber oft im Odeon. Es war das einzige Café, das bis morgens um zwei Uhr geöffnet hatte», sagt Keller. Die ganze Stadt habe sich im Café beim Bellevue getroffen.
Während Keller mit seinen von weissen Handschuhen geschützten Händen weiter im Gästebuch blättert, fallen besonders die mit Musiknoten versehenen Einträge auf. Zusammen mit einem Musikexperten hat Keller diese analysiert. «Komponisten und Musiker, die im damaligen Stadttheater auftraten, kamen nach der Vorstellung im Odeon vorbei», sagt der Kunstexperte. So enthält die Widmung des Operettenkomponisten Leo Fall im Januar 1917 den Anfang seines Stückes «Die Rose von Stanbul», das zu dieser Zeit an der Zürcher Oper aufgeführt wurde.

Bei May-Ottos Enkel aufgetaucht

Aber nicht nur Persönlichkeiten haben May-Otto eine Widmung hinterlassen. «Als wunderschöne Malerei» bezeichnet der Experte den Eintrag des Gewerbeschullehrers Heinrich Grob aus dem Jahr 1923: «Das Bild ist auf Januar datiert und die abgebildeten Damen halten blühende Sonnenblumen in den Händen», sagt Keller schmunzelnd. So sticht denn auch die letzte Doppelseite des Gästebuches ins Auge: Links eine schwungvoll geschriebene Widmung von Arturo Toscanini, Dirigent des New York Philharmonic Orchestra, aus dem Jahr 1926 und rechts eine Skizze des Café Odeons von 1925, das ein mit Palmen geschmücktes Interieur zeigt. Obwohl darauf keine Rauchschwaden zu erkennen sind, riecht das Buch auch nach 85 Jahren noch nach abgestandenen Glimmstängeln.

Erst seit diesem Sommer befindet sich das Buch wieder in Zürich. Ein Enkel des Ehepaars May, der in Kanada lebt, hat das «aussergewöhnliche Zeitdokument» dem Auktionshaus Christie’s zur Versteigerung angeboten. In Nordamerika befand sich das Gästebuch seit 1932. Damals verliess das Wirtepaar das Odeon – und damit auch Zürich.