Dietikon
In diesem Garten erfinden Seniorinnen Geschichten: Das macht glücklich - und manchmal satt

Eine Gruppe von Seniorinnen betreibt zusammen einen Garten und verfasst darüber Geschichten.

Kevin Capellini
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Die Gartengruppe des AGZ Ruggacker.
Die Seniorinnen sprechen über den Garten, essen gemeinsam «Zvieri» und verrichten Gartenarbeiten.

Kevin Capellini

«Frau Bachmann* ist gestern verstorben und daher leider nicht mehr in unserer Gruppe.» Mit diesem Satz beginnt Esther Frei, Betreuerin im Alters- und Gesundheitszentrum Ruggacker in Dietikon, das Treffen der zehnköpfigen Gartengruppe, das wöchentlich stattfindet. Überraschung bei den einen, Bestürzung bei den anderen. Die Gruppe spricht über den Verlust. «Solche Nachrichten gehören bei uns leider immer wieder dazu», sagt eine Seniorin, dies härte die Leute etwas ab. Man spreche offen und unbeschwert über den Tod. Denn hier gehöre er dazu.

Bald wendet sich die Gruppe dem eigentlichen Thema ihrer Zusammenkunft hin: dem Garten. Die Stimmung heitert sich auf, es wird viel gelacht und gescherzt. «Die Seniorinnen freuen sich immer sehr auf unser Treffen am Dienstagnachmittag», sagt Frei. Zusammen würden sie über den Garten sprechen, gemeinsam «Zvieri» essen und Gartenarbeiten verrichten. Und über diese Nachmittage werde dann Buch geführt, sagt sie. «Die Seniorinnen diktieren, ich schreibe.» So haben sich in den vier Jahren – die Gruppe wurde 2014 von Frei gegründet – bereits zwei ganze Bücher gefüllt.

Orden und Doktortitel

Die Geschichten lesen sich als Eintragungen in ein Logbuch. Es sind keine Krimis oder Liebesromane, sondern Anekdoten aus dem Leben und der Arbeit, welche die Seniorinnen zusammen im Garten verrichtet. «Wir sind mittlerweile mehr als eine Gruppe, wir sind eine Gemeinschaft», sagt Seniorin Myrtha Egger, der die Arbeit in der Gartentruppe sehr viel Freude bereitet.

Es finden sich dort Eintragungen zu den gesetzten Pflanzen oder ihrer Ernte. Denn es werden nicht nur Blumen gepflanzt, sondern auch Kräuter und Gewürze angebaut, die dann in der Hausküche verwendet werden. Aber auch gute Arbeitseinsätze werden in den Büchern gewürdigt. So tragen mittlerweile mehrere Mitglieder der Gruppe einen Doktortitel oder einen Orden. Eine Seniorin ist stolze Trägerin eines Doktortitels für herausragendes «Brombeer-Pflücken», ein anderes Gruppenmitglied wiederum erhielt einen Orden für das Backen eines köstlichen Rhabarberkuchens mit extra viel Schlagrahm. Er habe sehr geschmeckt, versichern die Seniorinnen abermals, die sich an diesen kulinarischen Höhenflug gerne zurückerinnern.

Genau auf solche Dinge komme es an, sagt Frei. «Sie sollen Spass daran haben, plaudern und zusammen etwas essen.» Die Gartengruppe erfreue sich seit der Gründung grosser Beliebtheit und zähle immer etwa gleich viele Mitglieder. «Früher waren aber auch noch Männer dabei», sagt eine Bewohnerin. Heute besteht die Truppe mit einem grünen Daumen ausschliesslich aus Frauen – mit Ausnahme eines freiwilligen Helfers, der die Gruppe unterstützt. «Ohne die Freiwilligen, die uns helfen, könnten wir diesen Nachmittag nicht durchführen», sagt Frei.

Garten als Produktionsstätte

Die Arbeit im Garten umfasse nicht nur das Schreiben des Buches, die Aufsicht und das Verteilen der Arbeiten, sondern auch Ausflüge in Gärtnereien, sowie den eigenen Stand am Dietiker Basar, erzählt Frei. Dort verkaufen die Seniorinnen Waren, die sie selber im eigenen Garten ernten und verarbeiten. Von Tee über Kräutersalz zu Sirup und «Lavendelsäckli» hätten sie einiges verkauft, wie in einer Eintragung im Buch vermerkt ist.
«Für mich ist es eine wunderbare Arbeit, die sehr befreiend ist. Ich bin froh, dass ich hier etwas arbeiten darf», sagt Egger, währenddem sie Unkraut jätet. Für Frei ist diese Gruppe die «perfekte Möglichkeit, zusammen mit den Bewohnern etwas zu bewegen», sagt sie. «Es ist sehr wichtig, dass wir Ihnen zeigen, dass sie noch gebraucht werden.»

*Name geändert.