Das Sterben unter der Wasseroberfläche geschieht lautlos. Wer von oben ins klare Wasser der Limmat schaut, würde nie vermuten, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Doch in den letzten Jahrzehnten vollzogen sich im Wasser unbemerkt grundlegende Veränderungen. Zwei Fischarten leiden besonders: die Bachforelle und die Äsche. Beide sind bei Fischern beliebt, weil sie auf dem Teller gut schmecken und weil sie ein besonders buntes Schuppenkleid haben. Und beide verschwinden in rasendem Tempo aus der Limmat.

1987 fingen die Limmatfischer auf Zürcher Boden noch 1991 Bachforellen, 2017 waren es noch 177, ein Rückgang von 91,1 Prozent innert 30 Jahren. Bei den Äschen zeigt der Trend in die gleiche Richtung. Wurden 1987 noch 700 Äschen gefangen, waren es 2011 letztmals etwas über 100. Im Aargauer Teil der Limmat ist der Rückgang sogar noch ein wenig stärker – von 615 Forellen und 89 Äschen im Jahr 1996 auf 44 Forellen und 9 Äschen im Jahr 2017. Der Kanton Aargau erhebt die Fangzahlen erst seit 1996, das leise Aussterben dauert aber auch im Nachbarskanton schon länger an.

Forellen und Äschen seien wie Barben besonders stark vom Rückgang betroffen, bestätigt Lukas Bammatter, Adjunkt Fischerei bei der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich. «Weil sich die Lebensumstände und Umweltbedingungen für anspruchsvolle Fische verschlechtert haben, profitieren weniger anspruchsvolle wie der Alet davon und dringen in neue Abschnitte vor», so Bammatter.

Die Entwicklung der Bachforellenfänge in der Zürcher Limmat (in Stück).

Die Entwicklung der Bachforellenfänge in der Zürcher Limmat (in Stück).

In den letzten zehn Jahren ging die Anzahl gefangener Fische in der Limmat insgesamt um knapp 30 Prozent zurück. Bei den Äschen beträgt der Rückgang im gleichen Zeitraum deutlich über 50 Prozent und bei den Forellen sogar fast zwei Drittel. Allerdings zeige die Fangstatistik nicht genau, wie viele Fische in der Limmat schwimmen, so Bammatter.

Fischer erleben Rückgang

«Vor allem edle Speisefische wie Forellen und Äschen sind deutlich zurückgegangen», sagt René Briner vom Fischereiverein Zürich 1883. Er ist Obmann und Mitpächter an den Dietiker Limmatrevieren. Vereinsmitglieder haben im Limmattal auch ein Revier an der Reppisch, am Marmoriweiher und am Schäflibach gepachtet.

Das leise Verschwinden der Forellen und Äschen stellt Forscher vor ein Rätsel. Es geschieht nicht nur in der Limmat. In der ganzen Schweiz beklagen sich Fischer über immer tiefere Fangzahlen. Für den schweizweiten Fischrückgang führen Wissenschaftler eine ganze Reihe an Ursachen an: Wasserkraftwerke, Begradigungen der Flüsse, Pestizide, die Nierenkrankheit PKD, Hormone, die etwa von der Anti-Baby-Pille stammen, oder der Rückgang an Insekten, die Fische als Nahrung brauchen.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss der Wassertemperatur. «Äschen leiden wie Forellen stark unter der Hitze», sagt Bammatter. Das zeigt sich auch in der Jahresstatistik. 2003 wurden nur 47 Äschen gefischt, ein Jahr zuvor waren es noch 582. «Ein Grossteil dieses Rückgangs lässt sich durch das Hitzesterben in der Limmat vom Sommer 2003 erklären», schreibt die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung im Bericht «Management der Fisch- und Krebsbestände der Zürcher Gewässer».

Bammatter nennt auch das Bevölkerungswachstum als Faktor. Dadurch nähmen Mikroverunreinigungen im Wasser zu und die Abwasserreinigungsanlagen seien teilweise am Anschlag.

Entwicklung der Äschenfänge in der Zürcher Limmat (in Stück).

Entwicklung der Äschenfänge in der Zürcher Limmat (in Stück).

«Viele Faktoren spielen eine Rolle. Unklar ist, wie gross deren Einfluss vor allem auch in Kombination in einem bestimmten Gewässer wie der Limmat ist», sagt Corinne Schmid, Biologin bei der Fischereiberatungsfachstelle (Fiber). Eine Ursache für das Verschwinden von Fischen aus der Limmat ist für sie die hohe Zahl an Wasserkraftwerken. Auf den 36 Kilometern der Limmat sind es neun. Der Aargau ist stärker betroffen, alleine sieben befinden sich auf den letzten 12 Kilometern von Wettingen bis zur Einmündung in die Aare.

Die Kraftwerke schaffen zwei Probleme: Sie halten das Geschiebe zurück; also Steine, die die Limmat natürlicherweise transportiert. Und sie schränken die Fischwanderung ein. Durch das fehlende Geschiebe ist das für die Fortpflanzung wichtige Kies kaum vorhanden. Zudem können die Fische wegen den Kraftwerken geeignete Laichplätze oft nicht erreichen.

Fangverbot nach Hitzesommer

Der Kanton Zürich schaut dem Verschwinden der beiden Fischarten nicht einfach tatenlos zu. Nach dem Hitzesommer 2003 erhöhte die Fischerei- und Jagdverwaltung das Mindestfangmass von Äschen von 30 auf 35 Zentimeter, um die laichbereiten Individuen besser zu schützen. Sie geht davon aus, dass der Äschenbestand dank dieser Massnahme wieder gestiegen ist.

«Die Fangzahlen würden beim alten Fangmindestmass aktuell etwa doppelt bis dreimal so hoch ausfallen», heisst es im Bericht «Management der Fisch- und Krebsbestände der Zürcher Gewässer».

Nach dem Hitzesommer 2018 erliess die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung im Rhein ein voraussichtlich bis September 2019 geltendes Fangverbot für Äschen. Im Herbst wurde dieses auf den ganzen Kanton ausgeweitet. «Wir wollen das Jahr nutzen, um Erhebungen zu machen, wie es genau um den Äschenbestand steht», sagt Bammatter.

An der Limmat sei die Situation derzeit noch nicht klar, im Rhein hingegen seien die Bestände vermutlich sehr schlecht. Forellen dürfen laut Gesetz maximal vier pro Tag und Person gefangen werden. Ihre Mindestgrösse beträgt 28 Zentimeter. Vom 1. Oktober bis Ende Februar gilt eine Schonzeit.

Lebensraum ist entscheidend

Als wichtigste Massnahme zur langfristigen Verbesserung der Fischbestände führt die Fischerei- und Jagdverwaltung die Aufwertung der Lebensräume an. Bei anstehenden Revitalisierungsprojekten bringe man sich gerne mit ein, sagt Bammatter. Auch Fischbesatzungen sollen dazu beitragen, die Populationen zu fördern (siehe Text rechts).

Das Einsetzen von Jungfischen sei aber nicht dazu geeignet, einen ganzen Bestand aufrechtzuerhalten. Es diene lediglich dazu, das natürliche Aufkommen zu unterstützen oder aussergewöhnliche Ausfälle wie bei einem Hitzesommer zu kompensieren.

Renaturierungen würden helfen, findet auch Revierobmann Briner. «Wichtig ist, dass die kleinen Zuflüsse wie der Schäflibach und die Reppisch gut funktionieren.» Dort können Forellen wachsen, bevor sie in die Limmat schwimmen.

Im Schäflibach sei der Forellenbestand derzeit gut. Aber er unterschätzt die künftigen Herausforderungen nicht. Die ganze Gesellschaft müsse mithelfen, dass es der Natur weiterhin gut gehe, sagt Briner. «Wir müssen umdenken mit dem Klimawandel. Denn wir haben ein Interesse daran, dass auch unsere Kinder noch fischen können.»