Limmattaler Werk
In der Bescheidenheit liegt die Kostbarkeit: Eine Weihnachtsgeschichte am Hauptbahnhof

Ein Engelchen macht sich in der Weihnachtsgeschichte der angehenden ETH-Studentin Sarah Zurmühle auf die Suche nach einem Geschenk, das allen Menschen Freude bereitet. Schauplatz ist der Zürcher Hauptbahnhof.

Sarah Zurmühle
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Der Schutzengel der Künstlerin Niki de Saint Phalle schwebt hoch über den Passanten in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich.

Der Schutzengel der Künstlerin Niki de Saint Phalle schwebt hoch über den Passanten in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich.

Keystone

Man schrieb den Abend des 23. Dezembers, einer der wenigen Tage im Jahr, an dem die Menschen nicht wie sonst in ihrer gewohnten Hast mit angespannter Miene durch das Innere des Zürcher Hauptbahnhofes rauschten, sondern sich feierlich der in der Luft liegenden Vorweihnachtsfreude hingaben.

Nichts war dem Geschehen zu entnehmen, das aus dem harmonischen Gesamtbild hätte herausstechen sollen, wenn das kleine Geschöpf nicht gewesen wäre, welches sich durch seine zwei zarten Flügelchen und goldig schimmernden Löckchen von der Masse abhob. Es stand mitten in der Halle und vermochte nichts um sich herum wahrzunehmen, da es wie gebannt auf das prächtige Farbenspiel des Shopville-Brunnens starrte. Ausser dem Engelchen schien die aus dem Brunnen herausgehende Magie jedoch niemand wahrzunehmen. Unberührt passierten die Leute den unterirdischen Bahnhofsbereich. Ab und an verweilte ein Passant an den Schaufenstern der bereits geschlossenen Geschäfte oder blieb orientierungslos stehen, unschlüssig, welche Richtung er einzuschlagen hatte.

Plötzlich tippte jemand auf die Schulter des Engelchens, woraufhin es aus seinen Träumereien gezogen wurde und erschrocken zusammenzuckte. Benebelt blinzelte es um sich, unfähig, sich mit seiner Umgebung zu identifizieren, bis seine Augen auf der Person haften blieben, deren Hand immer noch auf der Schulter des Engelchens ruhte. Wie alle Menschen war auch diese Person in dicke Winterkleider eingemummelt, sodass ausser dem vor Kälte leicht geröteten Gesicht keine freie Körperstelle auszumachen war. «Na, wer bist du denn?», entkam es aus dem Mund des Menschen und es war schwer festzustellen, wer nun mehr über den Anblick seines Gegenübers erstaunt war. Noch ehe das Engelchen zur Antwort ansetzen konnte, fuhr er auch schon fort: «Ach, wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Marina, und das hier neben mir ist mein Ehemann Andreas. Wir haben dich soeben ein Weilchen beobachtet, weil es uns beunruhigte, dass sich ein so junges Kind allein hier aufhält und zudem noch so leicht bekleidet ist. Bist du etwa von zu Hause fortgelaufen?»

 Der Shopville-Brunnen am Zürcher Hauptbahnhof.

Der Shopville-Brunnen am Zürcher Hauptbahnhof.

Keystone

«Aber nein, ich bin doch nicht von zu Hause davongelaufen.» Auf einmal schien das Engelchen seine Fassung zurückgewonnen zu haben. «Man hat mich bewusst hier ausgesetzt, ich muss nämlich einen ganz wichtigen Auftrag erledigen, damit ich nächstes Jahr zu den grossen Engeln gehöre und beim Geschenke austeilen mithelfen darf.» Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören, als es den Grund seiner Anwesenheit verkündete. «Ich verstehe nicht», gab nun Andreas zu bedenken, «was meinst du damit, man habe dich bewusst ausgesetzt?» «Das habe ich doch gerade gesagt», seufzte das Engelchen ungeduldig, «der Oberengel hat mich hier stationiert, damit ich meinem Auftrag nachgehen kann, das perfekte Weihnachtsgeschenk zu finden, welches jedem Freude bereiten soll.

Das Ehepaar glotzte sprachlos auf die kleine Gestalt, unschlüssig, ob es seinen Sinnen trauen sollte oder nicht. Marina fand als Erste zu ihrer Stimme zurück: «Also so was Abenteuerliches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Ich dachte immer, Engel existieren bloss in den Weihnachtsgeschichten!» «Wer erzählt denn solch einen Quatsch», stiess das Engelchen empört hervor. Seine Flügelchen zuckten vor Entrüstung und seine Händchen waren zu Fäusten geballt. «Ach, weisst du, es kommt halt einfach nicht so oft vor, dass uns ein Engel auf der Erde besucht. Deshalb sind wir Menschen etwas skeptisch, das ist alles», versuchte es Marina, hastig zu besänftigen.

Dies entsprach natürlich nicht der Wahrheit, vielmehr hielt man Engel genau wie Einhörner oder Feen für erfundene Figuren, die ausschliesslich in der Fantasie von Kindern eine wahre Gestalt annahmen. Zudem war es einfach nur absurd, einem leibhaften Engel dessen Existenz abzustreiten. «Das ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe, die du zu bewältigen hast. Da fällt mir auf die Schnelle nichts Sinnvolles dazu ein. Können wir dir dabei dennoch irgendwie behilflich sein?», wechselte Andreas galant das Thema. Offenbar war die Ablenkung gelungen, denn das Engelchen antwortete sogleich: «Das ist lieb von dir, aber ich muss das alleine auf die Reihe kriegen. Es würde mich einzig interessieren, wo ich am ehesten auf viele auskunftsfreudige Menschen stosse.» «Da empfehle ich dir den Christchindlimarkt in der grossen Bahnhofshalle. Dort sind die Menschen durch das weihnachtliche Ambiente besonders gut gelaunt und der Konsum an Glühwein trägt sicher auch zur Redseligkeit bei», schlug Marina zwinkernd vor.

Also trottete das Engelchen brav hinter den beiden her und endete kurz darauf in besagter Halle, die in keiner Art und Weise auf Bescheidenheit ausgelegt war. Wohin das Auge reichte, überall reihten sich lieblich gestaltete Weihnachtsstände mit Kunstschnee drapierten Dächern aneinander, deren vielfältiges Angebot sich von Schmuck über Strickwaren bis hin zu diversen Esswaren und Getränken erstreckte. Ein wohliges Duftgemisch aus süsslichem Orangenpunsch und Glühwein, wie auch Zimt, Sternanis und Nelken lag in der Luft und das dumpfe Geräusch aus fröhlichem Gelächter und angeregten Gesprächen erfüllte den Raum. Mit heiterer und zugleich angestrengter Miene sah das Engelchen eine geraume Weile dem Treiben zu, erhaschte ab und an einige belanglose Wortfetzen und musterte eingehend die Marktbesucher.

 Der Christkindlimarkt in der Bahnhofshalle.

Der Christkindlimarkt in der Bahnhofshalle.

Keystone

Ein flüchtiger Blick auf die Bahnhofsuhr zeigte, dass es bereits acht Uhr abends war. «Ach herrje, wie die Zeit vergeht! Ich muss nun unbedingt meiner Mission nachgehen, sonst wird das nichts mehr mit meiner Beförderung», platzte das Engelchen entsetzt hervor. «Nun gut, dann verabschieden wir uns wohl von dir. Wir wünschen dir auf deinem weiteren Weg viel Erfolg!», verabschiedete sich das Paar freundlich, jedoch nicht ohne Wehmut, vom Engelchen. «Vielen Dank für eure Unterstützung», rief es hinterher, und mit dem Abklingen seiner Worte wurde es wieder von der Einsamkeit übermannt.

Es atmete einmal tief durch. Dann besann es sich auf die Worte Marinas über die lockernde Wirkung des Glühweins und beschloss, sein Glück bei solch einem Stand zu versuchen. Es mischte sich unter die Leute und erblickte dort auch schon bald eine chic gekleidete Dame mittleren Alters, die mit dick geschminkten Lippen an einem dampfenden Becher nippte. Zaghaft stupste ihr das Engelchen in die Seite, worauf sie zu ihm hinunterblickte. Eingeschüchtert von der selbstbewussten, beinahe schon in Selbstgefälligkeit übergehenden Ausstrahlung der Dame, brachte es etwas unbeholfen hervor: «Ähm, Entschuldigung, aber können Sie mir vielleicht verraten, was in Ihren Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, worüber sich jeder Mensch erfreuen würde?»

Anstatt zu antworten, verharrte die Frau in Schweigen, bis sie schliesslich mit einer hochgezogenen Augenbraue fragte: «Ist das wirklich eine ernst gemeinte Frage? Ich weiss doch nicht, was anderen gefallen könnte, oder sehe ich etwa aus wie ein Hellseher? Ich mache jeden Tag Überstunden bei der Arbeit, damit mein lausiges Gehalt ausreicht, um meine Kinder durchzubringen. Deren Vater wusste nichts Besseres zu tun, als mit seiner jungen Flamme abzuhauen und sich all seinen Verpflichtungen zu entziehen. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann sorge dafür, dass das Schicksal ihm eine gehörige Lektion erteilt», fuhr sie das Engelchen an, worauf dieses erschrocken das Weite suchte. Da hatte es mit seiner Auswahl aber gründlich danebengegriffen. Vermutlich wäre es besser, sich jüngeren Personen anzunehmen, die noch vor blühender Phantasie strotzen.

Es wandte sich nun neuen Mutes an einen dem Aussehen nach ungefähr zehnjährigen Knaben mit einem roten, leicht zerzausten Haarschopf. Seine stechend blauen Augen blitzten das Engelchen herausfordernd an. Unbeirrt fragte es: «Sag mal, was ist für dich das schönste Weihnachtsgeschenk, das du dir vorstellen kannst? Etwas, das jedem Mensch Freude bereitet?» «Tzz, was bringt schon ein Geschenk für die Allgemeinheit? Wie kommst du auf solch eine blödsinnige Idee, dass ein einziges Präsent alle Menschen erfreuen kann? Ich persönlich wünsche mir die neue Gamekonsole und obendrauf bestehe ich darauf, dass mir meine Eltern endlich ein Smartphone rüberwachsen lassen, damit ich auch zu den Angesagten gehöre, bin schliesslich kein kleines Kind mehr. Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Opa sich darüber freuen würde.»

Bestürzt über diese ungehobelte Reaktion setzte das Engelchen verunsichert hinzu: «Aber nein, das meine ich doch gar nicht. Ich spreche nicht unbedingt von materiellen Dingen, es kann auch etwas Banales sein, wie das Erzählen einer hübschen Weihnachtsgeschichte oder die Vermittlung der eigentlichen Bedeutung von Weihnachten.» Jetzt starrte der Knabe das Engelchen endgültig an, als ob es von allen guten Geistern verlassen worden wäre. «Wie bitte? Die eigentliche Bedeutung von Weihnachten? Glaubst du etwa im Ernst, dass ich nicht schon längst durchschaut habe, was für eine Lügengeschichte die Bibel uns eigentlich erzählt? Nicht mal das Geringste hat auch nur ansatzweise mit der Realität zu tun, weder die Geburt Jesu noch die Existenz von irgendwelchen Engeln. Keiner meiner Freunde glaubt an dieses Ammenmärchen, genauso wenig wie ich dir deine ulkige Verkleidung abkaufe», höhnte er und machte einen Abgang.

Wie versteinert blieb das Engelchen zurück, erschüttert über die schroffen Worte. Gleich zweimal derart zurückgewiesen zu werden, darauf hatte sich das Engelchen nicht eingestellt. Wo blieben die Wärme und Barmherzigkeit der Menschen, die doch gerade in der Weihnachtszeit so wichtig waren? Waren die unerfreulichen Begegnungen nur Zufall oder war den Leuten tatsächlich der Blick für die wahre, in Bescheidenheit begründete Dankbarkeit verloren gegangen? Diese Fragen geisterten im Kopf des Engelchens umher und es beschloss, vom Erfragen anderer Meinungen abzulassen und sich nun auf seinen eigenen Verstand abzustützen. Doch auch dieser strotzte nicht gerade vor geistreichen Ideen, was das Engelchen noch niedergeschlagener stimmte.

Lustlos schaute es sich im Gemenge um, als ihm plötzlich die erlösende Eingebung eingefallenzusein schien. Mitten in der Halle war ein riesiger, prunkvoll geschmückter Tannenbaum platziert, dessen zahlreiche glitzernde Swarovski-Anhänger entzückte Gesichter in den Menschen hervorriefen. Dass es nicht schon gleich auf die Idee gekommen war! Es würde einfach jedem solch einen süssen Anhänger schenken, um jedem Christbäumchen in den Wohnzimmern der Menschen dieselbe Ausstrahlung zu verleihen. Alles schien somit geregelt.

 Der prächtige Swarovski-Baum in der Bahnhofshalle.

Der prächtige Swarovski-Baum in der Bahnhofshalle.

Keystone

Doch der soeben aufgekommene Enthusiasmus war nur von kurzer Dauer, denn es war schlicht und ergreifend nicht möglich, solche Unmengen an Anhängern aufzutreiben, noch dazu in so kurzer Zeit. Zudem besann es sich an die Weisheit des Oberengels, die er ihn vor dem Niederlassen auf die Erde mit auf den Weg gegeben hatte: «Denk daran, in der Bescheidenheit liegt die Kostbarkeit.» Bitter musste es die Tatsache hinnehmen, dass mit diesem Geschenk dieses Kriterium untrüglich verfehlt wäre, was nun endgültig auch den letzten Funken Zuversicht im Keim ersticken liess. Frei von jeglicher Wahrnehmung für Zeit und Raum wandelte das Engelchen durch die Halle und als sich der Markt gegen 22 Uhr langsam auflöste, wusste es, dass es kläglich versagt hatte.

Traurig schlurfte das Engelchen mit geknickten Flügelchen zum Brunnen zurück. In zwei Stunden würden die Kirchenglocken den Heiligabend herbeiläuten und sein Versagen offenbaren. Kraftlos sank es vor dem Brunnen nieder, umhüllt von der tröstlichen Einträchtigkeit des plätschernden Wassers und brach in Schluchzen aus.

Sarah Zurmühle Die 20 jährige Weiningerin hat im Sommer ihren Abschluss an der Kantonsschule Enge gemacht. Zur Zeit befindet sich in einem Zwischenjahr. Im September 2018 wird sie ein Studium in Lebensmittelwissenschaften an der ETH beginnen. Zu ihren Hobbys zählen Lesen und Schreiben, Backen, Fussball.

Sarah Zurmühle Die 20 jährige Weiningerin hat im Sommer ihren Abschluss an der Kantonsschule Enge gemacht. Zur Zeit befindet sich in einem Zwischenjahr. Im September 2018 wird sie ein Studium in Lebensmittelwissenschaften an der ETH beginnen. Zu ihren Hobbys zählen Lesen und Schreiben, Backen, Fussball.

zvg

Inmitten seiner tristen Gedanken zupfte etwas an seinem Kleidchen. Ihm präsentieren sich zwei Kinder, ein Knabe und seine etwas jüngere Schwester, die mit ihren verschlissenen Kleidern an ihren schmächtigen Körpern einen gar ärmlichen Eindruck machten. Im Hintergrund gesellte sich ein älterer Mann hinzu, der sich als Grossvater der beiden herausstellte. Mitfühlend fragte das Mädchen mit zarter Stimme: «Warum bist du so traurig? Morgen ist doch Weihnachten, freust du dich denn nicht?» Das Engelchen klagte schniefend seine Bekümmerung über den misslungenen Abend und setzte am Ende noch wehmütig hinzu: «Ich war immer ein guter Engel, habe gewissenhaft die Sterne poliert und stets ein wachsames Auge auf euch Menschen behalten, aber auf der Suche nach dem einen Geschenk für euch bin ich gründlich gescheitert. Die Leute haben offenbar den Sinn für Weihnachten verloren und wissen kleine Gesten nicht mehr zu schätzen.»

«Ach ja», sinnierte nun auch der Grossvater, «in meiner Kindheit hat dies wirklich noch ganz anders ausgesehen. Damals besuchten wir nachmittags in unserer besten Sonntagskleidung den Gottesdienst und erfreuten uns später am köstlichen Abendessen, welches meine Mutter in stundenlanger Arbeit hingezaubert hatte. Natürlich waren auch wir ganz kribbelig wegen der Bescherung, die jedoch viel bescheidener ausfiel. Am meisten freuten wir uns über eine Tafel Schokolade, meine Eltern verwehrten uns unter dem Jahr meistens den Verzehr von Süssigkeiten.» Mit glänzenden Augen hielt er einen Moment inne, fuhr dann aber in ernstem Tonfall fort: «Meinen beiden Enkeln möchte ich genau die gleichen Werte vermitteln, wie sie damals als Kind auch mir mitgegeben wurden. Seit die beiden ihre Eltern vor zwei Jahren bei einem Autounfall verloren haben, versuchen meine Frau und ich, für sie aufzukommen. Da wir beide jedoch nicht mehr erwerbstätig und daher unsere finanziellen Mittel begrenzt sind, müssen sie auf vieles verzichten, was bei gleichaltrigen Kindern zur Selbstverständlichkeit gehört.»

Bestürzt lauschte das Engelchen den Erzählungen des alten Mannes, der mit solcher Fassung über seine Situation sprach. Auf einmal schämte sich das Engelchen für seine eigenen Probleme und kam sich ziemlich egoistisch vor. Schuldbewusst betrachtete es die beiden noch so jungen und dem Leben hilflos ausgelieferten Geschöpfe, an dessen Sinn sie trotz der erlittenen Verluste mit solcher Tapferkeit festhielten. «Du musst kein Mitleid haben, es ist alles gut, wie es ist. Unsere Eltern sind nun im Himmel, wo sie als Schutzengel über uns wachen. Sie lieben uns noch genau gleich fest, wie damals, als sie noch auf der Erde waren, das spüre ich. Zudem sind Oma und Opa die besten Grosseltern, die man sich wünschen kann, besonders, weil sie immer so schöne Geschichten von früher erzählen», antwortete der Knabe auf die unausgesprochenen Fragen des Engelchens mit einem Lächeln, das aus tiefstem Herzen kam.

«Genau», stimmte auch das Mädchen kopfnickend zu, «seinen Erzählungen über Weihnachten, in denen er mit seinen Geschwistern im Schnee spielte, um sich von seiner Aufregung vor der Bescherung etwas abzulenken, höre ich besonders gern zu. Leider habe ich noch nie weisse Weihnachten erlebt, obwohl ich mir das so sehr wünsche.» Treuherzig guckte es das Engelchen mit Kulleraugen an, welches nun in heller Aufregung aufsprang und es plötzlich ganz eilig zu haben schien. «Keine Angst, du wirst ganz bestimmt deinen Schnee bekommen, das verspreche ich dir. Aber ich muss jetzt gehen, auf mich wartet noch eine Menge Arbeit. Ich wünsche euch fröhliche Weihnachten und nur das Beste für eure Zukunft, ihr seid alle ganz tapfere und bewundernswerte Persönlichkeiten.» Glücklich winkten sie dem Engelchen zu, als dieses in freudiger Eile durch den Brunnen lief und im selben Moment verschwunden war.

 Das Mädchen wünscht sich weisse Weihnachten.

Das Mädchen wünscht sich weisse Weihnachten.

Keystone

Feierlich verkündeten um Mitternacht die Kirchenglocken den Heiligabend. Als die letzten Klänge in der Dunkelheit verstummt waren, begannen dicke, weisse Flocken vom Himmel zu fallen, die sanft das Land mit einer weichen Schneedecke einhüllten.

Als bei Tagesanbruch allmählich wieder Leben in den Häusern einkehrte und die Leute noch etwas schlaftrunken aus den Fenstern blickten, schienen plötzlich alle Sorgen und Ansprüche vergessen zu sein. Jeder eilte sofort nach draussen, um an dem herrlichen Anblick der Schneelandschaft teilhaben zu können. Durch die Strassen hallte freudiges Kinderlachen und auch die Erwachsenen halfen fröhlich beim Errichten von Schneemännern mit. Alle empfanden den Schnee als eine freudige Überraschung. Nur die beiden Geschwister blickten überglücklich zum Himmel, von dem immer noch prächtige Flocken zur Erde tanzten und dankten in Gedanken dem Engelchen, das von nun an den anderen Engeln beim Geschenke verteilen mithelfen durfte.