Zivilschutz
In Aesch gibt es mehr Schutzplätze als Einwohner

Aesch ist eine Hochburg des Zivilschutzes. Das Dorf kann mehr Leute in Schutzräume unterbringen, als es Einwohner zählt. Viele Aescher sehen in ihrem Schutzraum aber auch eine praktische Vorratskammer.

Katja Landolt
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Schutzräume in Aesch
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David Pfäffli studiert den Ortsplan, Christian Hintz die Protokolle.
Kommandant Urs Kümmerli.

Schutzräume in Aesch

Katja Landolt

Es knallt. Die Handkurbel rutscht ab. Das war wohl nichts, irgendetwas in der Belüftungsanlage hockt fest, lässt sich von Hand nicht drehen. Das gibt ein «W» im Protokoll. Zivilschützer Christian Hintz zieht den Kugelschreiber aus der Brusttasche. «W» für «wesentlicher Fehler». Ansonsten ist er zufrieden; die Panzertür lässt sich einfach schliessen, der Filter in der Belüftungsanlage ist trocken und sauber, die Fluchtröhre ist offen, die Notbetten und Trockentoiletten sind da. Das wars, der erste Schutzraum auf der Liste kann abgehakt werden.

Kontrollgang

Die Männer der Zivilschutzorganisation Limmattal-Süd, zuständig für Aesch, Birmensdorf, Schlieren und Urdorf, sind auf Schutzraumkontrolle. Alle fünf Jahre muss geprüft werden, ob die Räume einsatzbereit wären. Wird ein Mangel festgestellt, wird der Hauseigentümer aufgefordert, diesen innert 90 Tagen zu beheben, Bedrohung hin oder her. Man weiss ja nie.

Christian Hintz und sein Kollege David Pfäffli marschieren zur nächsten Adresse, einmal quer durchs Dorf. Hintz trägt den Koffer mit Klemmbrett, Taschenlampe, Silikonspray, Schraubenzieher und Spachtel, Pfäffli den Ortsplan. Es ist früher Morgen, die Sonne steht noch so tief, dass sie furchtbar blendet. Hinter einer Hecke knattert ein Rasenmäher, es riecht nach frisch geschnittenem Gras.

Im nächsten Schutzraum schnurrt die Pumpe der Belüftungsanlage auf Knopfdruck wie ein verschmustes Kätzchen. Pfäffli wuchtet die Panzertür zu, zieht und krampft, aber das tonnenschwere Ding lässt sich nicht ganz schliessen. Hintz muss helfen. Das ist ein Mangel, ein «W». Die Türe müsste durch einen Einzelnen zugezogen werden können.

Kaum ist sie zu, zieht es im Trommelfell. Einen kurzen Moment lang nur, dann ploppt das Überdruckventil auf. Gut. Und doch ist das Gefühl beklemmend. Ein kleiner Raum, eingepackt von zentimeterdickem Stahlbeton. Keine Sonne, keine Privatsphäre. 22 Leute sollen hier im Ernstfall Unterschlupf finden, miteinander auskommen. Essen, spielen, reden, warten. Auf schmalen Holzpritschen schlafen, die entlang der trostlosen Wände aufgestellt werden.

Schutzraum als Vorratskammer

Schutzräume sind nicht nur Orte der Sicherheit, sondern oftmals auch Orte des Aufbewahrens. Den Hausbesitzern ist das peinlich, sie entschuldigen sich wortreich für die überstellten Räume. «Zwischenlager nach Wasserschaden», sagt die eine, «Zügelkisten der Tochter», eine andere. In anderen Schutzräumen stapeln sich Getränkeharassen, Nahrungsvorräte, Skiausrüstungen, Liegestühle, Werkzeugkoffer. Besonders beliebt: der Schutzraum als Weinkeller. Die Lagerbedingungen sind optimal. Gruppenleiter Hintz und Pfäffli berichten ausserdem von Partyräumen, die in den Bunkern eingerichtet wurden. Ein Hausbesitzer hätte den Schutzraum sogar in einen Schiesskeller umfunktioniert.

Ein Meer von Schutzräumen

In der Gemeinde Aesch gibt es fast doppelt so viele Schutzraumplätze wie Einwohner. Aus diesem Grund hat die Gemeinde beim Amt für Zivilschutz und Militär den Antrag gestellt, das Dorf von der Schutzraumpflicht zu befreien. So müssten Bauherren keine Baugesuche oder Befreiungsgesuche mehr einreichen, sie wären freier bei der Grundrissgestaltung und könnten erst noch Baukosten sparen. Sind die Aescher besonders ängstlich, dass so viele Schutzräume erstellt wurden? Urs Kümmerli, Kommandant der Zivilschutzorganisation Limmattal-Süd, verneint: «Das Problem für den Schutzraumwildwuchs ist vielmehr die fehlende Planung.» In diesem Jahr habe die Gemeinde die Situation erstmals prüfen lassen – gemäss Kümmerlis Einschätzung rund 20 Jahre zu spät. So hat jeder Bauherr über Jahrzehnte vorsorglich seinen eigenen Schutzraum errichtet, anstatt sich Plätze in einem bestehenden Raum einzukaufen.

Eine Erfindung der 30er-Jahre

Erstellt wurden die ersten Schweizer Schutzräume in den 1930-Jahren. Die Zeichen standen auf Krieg, die Bevölkerung musste vor verirrten Bomben und möglichen Giftgasanschlägen geschützt werden. Auch heute noch hätten Schutzräume absolut ihre Berechtigung, sagt Kümmerli, auch wenn sich die Bedrohungslage geändert hat. «Heute würden sie uns auch in Friedenszeiten bei atomaren Ereignissen schützen.» Und auch wenn Gefahren wie Giftanschläge und Bombenangriffe eher unwahrscheinlich sind, sei es doch ein gutes Gefühl zu wissen, dass ein solcher Raum zur Verfügung stehe. «Ein Schutzraum ist wie eine Versicherung – man hat ihn und hofft doch, dass man ihn nie brauchen wird.»