«An was ist der Patient gestorben?», fragt der Pathologe die Medizinstudenten. Schweigen. Der Pathologe lächelt: «Sie hätten ihn nur umdrehen müssen, dann hätten sie gesehen, dass er ein Messer im Rücken hat.» Ein alter Pathologenwitz, der noch immer die Runde macht – und der wohl für manche gar platt klingt. Andererseits zielt er genau auf den Kern der Sache: Die Wahrheit über den Tod eines Menschen herauszufinden, der gestorben ist, gehört nach wie vor zu den wichtigen und noblen Aufgaben der Pathologie. Haben die Ärzte im Spital etwas übersehen? Gibt es unentdeckte Tumore? All diese, teils auch in versicherungstechnischer Hinsicht relevanten Fragen, können erst mit der Öffnung der Leiche beantwortet werden.

Die Obduktion ist und bleibt deshalb nach Ansicht von Zürcher Pathologen ein zentraler Faktor in der medizinischen Qualitätssicherung der Spitäler. Denn letztlich gehe es schlicht darum, ärztliches Tun zu überprüfen und aus Fehlern zu lernen. Aus der Erkenntnis von Todesumständen Verstorbener seien zudem oft wichtige Rückschlüsse und Erfahrungsgewinne für die verbesserte Behandlung Lebender möglich. Trotz dieser Einsicht gibt es in der Pathologie eine relativ grosse Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn gestorben wird zwar nach wie vor, untersucht aber immer weniger.

Die Zahl der Leichenöffnungen in den Spitälern hat in den letzten Jahrzehnten schweizweit drastisch abgenommen. Am Universitätsspital Zürich beispielsweise wurden 1993 noch etwa 1100 Autopsien durchgeführt, im vergangenen Jahr waren es gerade mal 264, was einer Obduktionsrate von 23,1 Prozent entspricht.

Von den drei grössten Krankenhäusern im Kanton Zürich – Universitätsspital, Kantonsspital Winterthur (KSW) und Stadtspital Triemli – verzeichnet das Triemli aber den mit Abstand grössten Rückgang an klinischen Obduktionen – also Leichenöffnungen bei Verstorbenen, die eines natürlichen Todes gestorben sind.

Die Obduktionsrate sank am Stadtspital von 65 Prozent im Jahr 2000 auf 3,4 Prozent im vergangenen Jahr.

Paul Komminoth, Chefarzt für Pathologie am Triemli, spricht in diesem Zusammenhang von einem «gesamteuropäischen Phänomen». Wie er auf Anfrage hinzufügt, sei die Obduktionsrate auch in den USA «seit Jahrzehnten unter fünf Prozent».

Ebenfalls rückläufige Zahlen wies in den letzten Jahren das Kantonsspital Winterthur auf (2018: 16,7 Prozent). Aber auch wenn das KSW noch relativ gut dasteht, ist dennoch eines klar: Die Tendenz zeigt weiter nach unten. Ist dieser Trend überhaupt noch zu stoppen?

Der Zweifel der Angehörigen

Um diese Frage beantworten zu können, wäre es wichtig, mehr über die Ursachen zu erfahren, die zu den tiefen Obduktionszahlen geführt haben. Als möglichen Grund nennen viele Pathologen den in den letzten Jahren in immer mehr Kantonen vollzogenen Wechsel von der Widerspruchs- zur Zustimmungslösung: Mussten sich Patienten früher noch aktiv gegen eine Autopsie aussprechen, ist es heute an den Ärzten, die Erlaubnis vorab beim Patienten oder später von seinen Angehörigen einzuholen. Dabei zeigt sich, dass viele Angehörige sich im Zweifelsfall eher gegen eine Autopsie aussprechen. Das scheint mit ein Grund für den Rückgang bei den Obduktionen zu sein.

Eine Studie zu den Obduktionsraten hat aber gezeigt, dass diese Ursache kaum als Hauptgrund für den Einbruch bei den Zahlen genannt werden kann. Zumal die Obduktionszahlen unabhängig von der jeweiligen kantonalen Regelung überall gleich tief waren.

Deshalb sehen heute die meisten Ärzte die Schuld für den Einbruch bei Autopsien bei ihren Kollegen. Laut Holger Moch, Direktor des Instituts für Pathologie und Molekularpathologie am Universitätsspital, habe es bei der Einstellung der Ärzteschaft zum Thema «Obduktion» womöglich «einen Paradigmenwechsel» gegeben. Insbesondere jüngere Ärzte seien nicht mehr von der Notwendigkeit der Leichenöffnung überzeugt.

Denn die immer exzellentere Diagnostik zu Lebzeiten, nicht zuletzt dank verschiedener bildgebender Verfahren (wie zum Beispiel die Computertomografie), lässt viele Ärzte im Glauben, eine Obduktion sei überflüssig.

Doch Computer können nicht alles, sagen die Pathologen. «Um wirklich einen detaillierten Einblick zu erhalten, wie beispielsweise ein Herzinfarkt aussieht, kommt man nicht umhin, eine Leiche zu öffnen», erklärt Wolfram Jochum, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Pathologie. Er ist überzeugt, dass die tiefen Obduktionsraten nicht nur die Qualitätssicherung der Spitäler gefährden, sondern auch die Qualität der Aus- und Weiterbildung der Mediziner. Denn noch immer gebe es Behandlungsfehler, die man erst bei der Obduktion erkenne. Um so wichtiger sei es, dass Ärzte künftig vermehrt darin geschult würden, Angehörige zum richtigen Zeitpunkt optimal über den Nutzen der Leichenöffnung aufzuklären, sagen die befragten Pathologen unisono.