Prozess
Imam der An’Nur-Moschee steht vor Gericht

Am Donnerstag wird vor dem Winterthurer Bezirksgericht der Fall des Imams verhandelt, der zur Tötung von Muslimen aufgerufen haben soll. Dem Mann droht ein Landesverweis.

Mirko Plüss
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Der Imam der An'Nur-Moschee hat zur Tötung von Muslimen aufgerufen. Nun steht er vor Gericht. (Archivbild)

Der Imam der An'Nur-Moschee hat zur Tötung von Muslimen aufgerufen. Nun steht er vor Gericht. (Archivbild)

KEYSTONE/WALTER BIERI

Es begann mit Blaulicht an einem kalten Novembermorgen. Vor etwas mehr als einem Jahr führten Kantonspolizisten in der Moschee An’Nur in Hegi eine Razzia durch und nahmen mehrere Anwesende fest. Heute sind fast alle wieder auf freiem Fuss. Nur die eigentliche Zielperson, ein 25-jähriger äthiopischer Staatsangehöriger mit Herkunftsland Somalia, sitzt weiterhin im Gefängnis Limmattal in Dietikon in Sicherheitshaft. Am Donnerstagmorgen wird er nach Winterthur transportiert, wo er sich vor dem Bezirksgericht der Anklage der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland stellen muss.

Diese wirft ihm unter anderem vor, öffentlich zu Verbrechen aufgerufen zu haben. Beantragt ist eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten sowie ein Landesverweis von 15 Jahren, was der gesetzlichen Maximalhöhe entspricht. Der angeklagte Imam äussert sich nicht zu den Vorwürfen. Da die Interessen seines Mandanten bis anhin nicht gefragt gewesen seien, werde man vor Prozessbeginn auch keine Stellungnahme abgeben, lässt sein amtlicher Verteidiger aus Zürich ausrichten.

Mordaufruf und Bilder

Die Staatsanwaltschaft führt in dem Fall drei Dossiers. Der Hauptvorwurf betrifft eine Predigt, die der Mann am 21. Oktober 2016 um die Mittagszeit in der An’Nur-Moschee gehalten haben soll. Muslime, die nicht in der Gemeinschaft mit anderen Muslimen beten, sollen getötet werden, soll der Imam gesagt haben. Weiter soll er mittels eines sogenannten Hadith, eines überlieferten Ausspruchs des islamischen Propheten Mohammed, dazu aufgerufen haben, abtrünnige Muslime in deren Häusern zu verbrennen. Die rund 60 anwesenden Gläubigen in der An’Nur-Moschee soll er zur Denunziation von solchen Muslimen aufgerufen haben.

600 Franken für Predigten

Das zweite Dossier betrifft unter anderem eine grausame Videoaufnahme. Darin ist laut Staatsanwaltschaft zu sehen, wie fünf in orange Overalls gekleidete Männer in einem Käfig langsam ertränkt werden. Der Imam soll das Video Ende August 2016 auf seinem öffentlich zugänglichen Facebook-Account gelikt und damit den Besuchern seines Accounts zur Verfügung gestellt haben. Im selben Dossier werden weitere Gewaltdarstellungen aufgelistet, welche der Somalier ebenfalls gelikt und geteilt haben soll. Sie zeigen unter anderem abgetrennte Körperteile.

Das dritte Dossier behandelt die Erwerbstätigkeit des Imams in der Moschee, die ihm mit seinem Asylbewerberstatus verboten ist. Laut der Staatsanwaltschaft übernahm der Mann während vier Wochen zahlreiche Gebete in der Moschee und erhielt dafür 600 Franken.

Nicht in Winterthur zu Hause

Über den Äthiopier wurde während seiner Zeit in Haft wenig bekannt. Unklar ist, wann er genau in die Schweiz kam. Offenbar lebte er vor seiner Verhaftung in einer Sozialwohnung der Zürichseegemeinde Küsnacht. Der 25-Jährige ist verheiratet.

Ebenfalls nicht ganz geklärt sind auch die Umstände des Polizeieinsatzes vor einem Jahr. Da die Moschee in Hegi schon lange zuvor mit radikalisierten Jugendlichen in Verbindung stand, standen mehrere Besucher zumindest zeitweise unter staatlicher Beobachtung. Bekannt ist, dass sich der bekannte Kriegsreporter Kurt Pelda, der heute für den «Tages-Anzeiger» arbeitet, wenige Tage vor der Razzia mit einer Anfrage an die Stadt Winterthur gewendet hatte. Inhalt war die besagte Rede des Imams. Die Stadt Winterthur gab die Informationen der Polizei weiter. Ob und wie genau diese schon zuvor über den Inhalt der Predigt Bescheid wusste, wurde nie publik. Die Razzia hatte ein weiteres juristisches Nachspiel. Im Februar setzte die Polizei kurzzeitig zehn Personen aus dem Umfeld der Moschee in Haft. Sie sollen zwei Moscheebesucher, denen sie Verrat vorwarfen, verprügelt haben.

Die An’Nur-Moschee gibt es mittlerweile nicht mehr, ihr Mietvertrag in einem Industriegebäude in Hegi wurde nicht verlängert. Zur Anzahl laufender Verfahren gegen Personen aus dem Umfeld der Moschee gibt es widersprüchliche Aussagen. In mehreren Fällen führt die Bundesanwaltschaft das Verfahren. Wie viele Fälle bei der Staatsanwaltschaft oder bei der Winterthurer Jugendanwaltschaft offen sind, ist nicht bekannt.