Die Würste und Fleischstücke türmen sich, daneben wird geschlachtet, und die beiden Hunde hocken trotzdem ruhig da, hecheln nicht mal. Selbst das winzige Küken zwischen ihren Beinen scheint sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Kein Wunder: Die beiden Labrador-Hunde von Maurizio Cattelan sind so tot und ausgestopft wie das Küken, und bei der «Fleischauslage» von Pieter Aertsen riecht es nicht nach Blut. Es würde höchstens nach Ölfarbe duften, wäre das Bild nicht schon 450 Jahre alt.

Doch welches ist nun eigentlich der Auftakt der Ausstellung «Deftig Barock»? Der Raum mit den alten Meistern auf den gelblichen Jute-Wänden oder die Raumflucht mit den Hunden und der gekreuzigten Frau im Bett? Der Gang durch die Ausstellung im Zürcher Kunsthaus gibt die Antwort: sowohl als auch. Gegenwartskunst und Barock sind einander ebenbürtig gegenüber gestellt. Aber sie sind nicht wild gemixt, sondern zu homogenen Gruppen gefasst.

Lebensgefühl statt Kunstgeschichte

Es geht Kuratorin Bice Curiger nicht um einen kunsthistorischen Vergleich, sondern um ein verwandtes Lebensgefühl oder - wie es im Untertitel heisst - um «Manifeste des prekär Vitalen». Denn pralles Leben und Tod, Ekstase und Absturz, Amüsement und Krieg, Moral und Erotik sind zentrale Themen und Gegensätze - sowohl in der Kunst des 17. wie des 21. Jahrhunderts. «Ich will keinen neo-barocken Trend postulieren», sagte Bice Curiger gestern an der Medienführung. Aber das Interesse am Barock sei wieder deutlich höher.

Wer mit Barock primär Üppigkeit, Goldrahmen und überbordendes Schmuckwerk verbindet, wird nicht fündig. Curiger wollte keine Stilgeschichte aufrollen. «Ich bin auf Gegenwartskunst abonniert», erklärt sie, «also betrachte ich auch den Barock aus heutiger Sicht». Der zweite Untertitel der Schau heisst denn auch «Von Cattelan bis Zurbarán», nennt also zuerst den Gegenwartskünstler. Mit dieser Perspektive, davon ist Curiger überzeugt, lassen sich die Alten Meister neu betrachten.

Im Trickfilm von Nathalie Djurberg verwandelt sich die üppige, schön gedeckte Kaffeetafel ins Hässliche. So stellt man sich auch das Ende der feuchtfröhlichen Bauernfeste vor, wie sie die niederländischen Meister im 17. Jahrhundert dokumentiert, und nicht nur bejubelt, sondern in ihrem Überschwang, in ihrer Lasterhaftigkeit eben auch kritisiert haben.

Die Lust am Überzeichnen, am Karikieren verbindet die Künstler von heute mit den barocken Kollegen. Jürgen Teller fotografiert nackte Frauen zwischen antiken Statuen 2009 im Museum, die in ihrer unbekleideten Magerkeit künstlich wirken. Sie sind so absurd wie die karikierten Tiere, Menschen und Gerippe in Faustino Bocchis «Burlesken Szenen».

Kunstkabinett mit Bett

Das Derbe, Üppige stellt Curiger an den Anfang ihrer Schau; Eros und Virilität, aber auch Religiosität und die Folgen der Inquisition und der Kriege in den Mittelteil. Paul Mc Carthy geht mit Micky Mouse und Luxuswerbungen in seinen Collagen direkt und doch vielschichtig zur Sache und Francisco de Zurbaráns Herkules ist ein Kraftpaket.

Sublimiert und verfeinert wird im Barock der körperlichen Schönheit gehuldigt, historisch verbrämt Nacktheit zelebriert. Vor diesen Gemälden zieht das hellblaue zerwühlte Bett von Urs Fischer den Blick auf sich. Doch ist es in seiner eindeutigen Zeichenhaftigkeit nicht auch banal?

Das Wechselbad der Gefühle hält an bis zum Schluss: Hier lockt Venus blass-schöner Körper, dort wird einem munter die Zunge entgegen gestreckt und dann gerät man in ein Schwindel erregendes, raumfüllendes Video, das Diane Thater in Tschernobyl gedreht hat. Ruinen und landschaftliche Schönheit überlagern sich, mitten drin stehen die Besucher als Personen und irritierende Schatten.

Und wird in den Stillleben zum Schluss die Schönheit der Natur gefeiert oder deren Vergänglichkeit angemahnt? Wir möchten wohl das erste sehen, doch Cindy Sherman's Selbstporträts als alternde reiche Damen machen klar: Jede Haut altert, jede Wurst ist mal gegessen. Nach dem Fest folgt unweigerlich das Ende.

Deftig Barock: Kunsthaus Zürich, bis 2. September.