«Aziz»

Ihre Filme erzählen von der Einsamkeit – Urdorfer Regisseurin stellt ihr neues Werk vor

Regisseurin und Drehbuchautorin Mica Agustoni aus Urdorf stellt morgen Dienstag ihren neusten Kurzfilm «Aziz» in der Gemeindebibliothek vor.

Es ist dunkel. Kapitän Elmar hat Feierabend und sitzt in seinem Schiff, als plötzlich ein Bub vor ihm steht und in gebrochenem Deutsch fragt: «Sind wir schon angekommen?» Elmar ist verdutzt. «Was willst denn du noch hier? Alle Passagiere sind längst ausgestiegen.» Der Kleine sagt mit absoluter Selbstverständlichkeit: «Ich will mein Mami holen.»

Die Szene stammt aus Mica Agustonis neustem Kurzfilm «Aziz», den die 44-Jährige Dienstagbend in der Gemeindebibliothek Urdorf präsentieren wird. Der Streifen erzählt die Geschichte des nordafrikanischen Flüchtlingsbubs Aziz, dessen Vater bei der Flucht nach Europa im Meer ertrinkt. Da ihn in der Schweiz grosse Sehnsucht nach seiner in der Heimat zurückgebliebenen Mutter plagt, besteigt er ein Kursschiff auf dem Greifensee. Mit ihm will der Sechsjährige nach Hause fahren. An Bord trifft er auf den einsamen Kapitän Elmar und ihr gemeinsames Abenteuer beginnt.

Aziz Trailer

«Es ging mir nicht primär darum, die Flüchtlings-Thematik aufzugreifen, sondern viel mehr die Heimatlosigkeit von Aziz und des Kapitäns zu zeigen», sagt Agustoni, die als selbstständige Regisseurin, Drehbuchautorin und Filmeditorin arbeitet. Die beiden Figuren seien sehr unterschiedlich, und trotzdem würden sie wortwörtlich im selben Boot sitzen.

Atelier neben dem Asylzentrum

Die Idee zum Film kam Agustoni, als sie sich im Asylzentrum bei der Europabrücke in Altstetten mit Flüchtlingskindern unterhielt. «Ich hatte dort eine Weile ein Atelier im Basislager und traute meinen Augen kaum, als ich sah, dass auf dem Spielplatz ein altes Boot in einen Sandkasten umfunktioniert wurde.» Eine unglückliche Wahl, wenn man sich die Einreiseart vieler dieser Kinder vor Augen halte. «Als mir ein Kolleg erzählte, dass er sich zum Kapitän ausbilden lassen will und mir das Schiff auf dem Greifensee zeigte, wusste ich, daraus mache ich einen Film.»

Bis aus der Vision ein fertiges Produkt wurde, dauerte es jedoch vier Jahre. Agustoni schrieb das Drehbuch, castete die Schauspielenden, führte Regie und schnitt den Film am Ende zusammen. «Viel Zeit beanspruchten die Abklärungen für die Filmsets. Manchmal waren gewünschte Orte wegen Baustellen blockiert und wir mussten mit dem Drehen zuwarten», erzählt Agustoni, die seit über zehn Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Urdorf wohnt.

Für Agustoni ist das 22-minütige Werk ein Herzensprojekt. «Das Filme machen ist Ausdruck meiner Kunst.» Dabei könne sie kreativ sein, Momente festhalten und unsterblich machen. «Es geht mir darum, Gefühle zu vermitteln, Menschen zu berühren und sie zum Nachdenken anzuregen.»

Die Leidenschaft für den Film packte Agustoni, die in einem vietnamesisch-schweizerischen Haushalt gross wurde, im Alter von sieben Jahren. «Als ich die acht Millimeter Filmkamera meines Vaters entdeckte, war es um mich geschehen.» Nach einem Publizistik-Studium wagte sie den Quereinstieg und begann, Werbespots für lokale Fernsehsender zu realisieren. 2011 beendete sie ihr Bachelor-Studium in Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Mittlerweile hat sie diverse Filme realisiert und arbeitet nebenbei als Regisseurin für Nachrichtensendungen des Schweizer Fernsehens. Für ihren Kurzfilm «Das perfekte Dinner» erhielt Agustoni 2011 die Auszeichnung für einen besonderen Film am Gold Panda Award des Sichuan Television Festivals. «Aziz» wird Ende Oktober am «Refugees Welcome Film Festival» in Berlin zu sehen sein. Im November läuft er am North Dakota Human Rights Film Festival.

Agustonis Filmen gemein ist, dass sie sich mit der Einsamkeit beschäftigen. «Jeder Mensch fühlt sich im Laufe seines Lebens einsam. Es kann auch etwas Schönes sein, denn dahinter steckt Sehnsucht.»

Tücken bei der Produktion überspielen

Dienstagabend erwartet das Publikum in der Gemeindebibliothek nicht nur die Filmvorführung. Agustoni spricht über die Tücken bei der Produktion. Etwa, dass man stark vom Wetter abhängig ist. «Wir drehten sechs Tage lang, die Handlung spielt aber nur an einem Tag.» Am Schnittplatz müsse man dafür sorgen, dass die Zuschauer nichts davon mitbekommen. Sie ist gespannt, wie ihr Film beim Urdorfer Publikum ankommt. Bei der Premiere im Kino Riffraff in Zürich seien viele Gäste gerührt gewesen. «Einige hatten Tränen in den Augen. Für mich gibt es kein grösseres Kompliment.» Sie selbst sehe den Film nochmals mit anderen Augen: «Weil ich weiss, wie er entstanden ist und welche Herausforderungen es zu bewältigen galt.»

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Autor

Sibylle Egloff

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